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Christian Wulff – leider kein Einzelfall

Sonntag, 29. Januar 2012-17:12 -|- Eingestellt von: |

Von Redak­tion Lobby Con­trol 27.1.12 | — Bereits im Dezember haben wir uns in der Frank­furter Rund­schau erst­mals zur Kre­ditaf­färe des Bun­des­prä­si­denten Chris­tian Wulff geäu­ßert. Seit dem ist kaum ein Tag ver­gangen, an wel­chem die Presse nicht mit neuen Ent­hül­lungen auf­warten konnte.

Ges­tern berich­tete der Jour­na­list Hans-​Martin Til­lack im Stern über die engen Ver­flech­tungen zwi­schen Chris­tian Wulff, seinem ehe­ma­ligen Spre­cher Olaf Gla­e­seker und dem Eventmanager/​Lobbyisten Man­fred Schmidt.

Wulff unter Lobbyisten

Nach Til­lacks Recher­chen hat Wulff unmit­telbar nach seiner Wahl zum Bun­des­prä­si­denten an einer von Man­fred Schmidt orga­ni­sierten Party am Pariser Platz in Berlin teil­ge­nommen. Unter den Gästen befanden sich Lob­by­isten und Ver­treter ver­schie­denster Unter­nehmen wie Celesio, BMW und Daimler.

Zumin­dest für einen Lob­by­isten, den Haupt­ge­schäfts­führer des Ver­bands Kom­mu­naler Unter­nehmen (VKU), prä­sen­tiert der Stern auch eine Rech­nung über 3.000 Euro für die Teil­nahme an der “Netz­werk­ver­an­stal­tung zur Bundespräsidentschaftswahl”.

Hier zeigt sich klar das Geschäfts­mo­dell sol­cher Par­ties: Poli­tiker werden ver­wöhnt, damit man den Zugang zu ihnen als Leis­tung an Lob­by­isten und Unter­neh­mens­ver­treter ver­kaufen kann. Wulff selbst lud auf Kosten des Ver­an­stal­ters über 80 Per­sonen ein. Dar­unter seine Tochter Anna­lena, Egon Geer­kens, Philipp Rösler und Mar­tina Krogmann.

Ferner ver­öf­fent­licht der Stern in der Prin­t­aus­gabe erst­mals Aus­züge aus dem Email­ver­kehr von Olaf Gla­e­seker. Dieser warb in seiner Funk­tion als nie­der­säch­si­scher Regie­rungs­spre­cher aktiv Spon­soren für die Lob­by­ver­an­stal­tung Nord-​Süd-​Dialog. So heißt es in einer Email:

Wir würden uns auch im Namen von Minis­ter­prä­si­dent Chris­tian Wulff freuen, wenn wir auch in diesem Jahr die Deut­sche Messe wieder als Sponsor für die Ver­an­stal­tung gewinnen könnten“.

Und Wulff als Wer­be­mittel funk­tio­nierte, wie eine andere Email des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chefs der Firma Evonik belegt:

Bei Wulli Wulli bin ich dabei; schließ­lich ist er nicht nur gut und Nie­der­sachsen schön – er könnte auch mal Kanzler werden. Darf Evonik da fehlen? Siehste“.

Wulff will davon nichts gewusst haben. Doch soll er nach Medi­en­be­richten als Minis­ter­prä­si­dent auch per­sön­lich bei den Unter­nehmen Tui, Talanx und der Deut­schen Bahn für den Nord-​Süd-​Dialog geworben haben. Die taz berichtet zudem dar­über, dass sich auch der dama­lige Chef der Staats­kanzlei, Lothar Hage­böl­ling – heute Chef des Bun­des­prä­si­di­al­amts -, für das Gelingen des von Schmidt orga­ni­sierten “Nord-​Süd-​Dialogs” einsetzte.

Als es Streit mit dem Flug­hafen Han­nover gab, traf sich Hage­böl­ling auf Bitten von Wulffs dama­ligem Spre­cher Olaf Gla­e­seker mit Flughafen-​Chef Raoul Hille, um die Wogen zu glätten. Ein wei­teres Detail, wie in den Kon­takten zu dem Event­ma­nager Schmidt die Grenzen zwi­schen pri­vaten Geschäfts­in­ter­essen und öffent­li­chen Ange­le­gen­heiten ver­wischt wurden.

Kein Ein­zel­fall – son­dern Teil einer fal­schen poli­ti­schen Kultur

Gegen Gla­e­seker und Schmidt wird inzwi­schen ermit­telt. Aber auch bei Wulff stellt sich zuneh­mend die Frage, wie stark er in die Geschäfte ver­strickt war, welche poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung er dafür trägt oder inwie­fern er selbst die recht­li­chen Vor­gaben ver­letzt hat. Die zustän­dige Staats­an­walt­schaft sieht keinen Anfangs­ver­dacht gegeben, wäh­rend der Staats­rechtler Hans Heri­bert von Arnim den Ver­dacht der Vor­teils­nahme sieht.

Aller­dings darf dabei nicht aus den Augen ver­loren werden, dass es sich hier nicht um die Ver­feh­lung eines ein­zelnen Poli­ti­kers und seines ehe­ma­ligen Spre­chers han­delt. Auch der amtie­rende Ber­liner Bür­ger­meister Klaus Wowereit und die ehe­ma­lige Gesund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt haben die Dienste von Man­fred Schmidt in Anspruch genommen. Und Die CDU hat in NRW Treffen mit dem ehe­ma­ligen Minis­ter­prä­si­denten Jürgen Rütt­gers verkauft.

Wir haben es also mit einem struk­tu­rellen Pro­blem zu tun. Der Zugang zu Poli­ti­kern und Ent­schei­dungs­träger dient als Treib­stoff für Par­ties, Ein­la­dungen und Sponsoring-​Aktivitäten, von denen Ver­an­stalter wie Man­fred Schmidt, Unter­nehmen und Lob­by­isten pro­fi­tieren wollen – aber eben auch Par­teien und Politiker.

Mit dem Rück­tritt einer Person ist es somit nicht getan. Viel­mehr brau­chen wir end­lich klare gesetz­liche Regeln und Schranken. Das die beste­henden Regeln nicht aus­rei­chend sind, zeigt sich auch am Bei­spiel Wulff. Selbst bei einem Ver­stoß gegen das nie­der­säch­si­sche Minis­ter­ge­setz droht ihm keine Strafe. Diese ist schlichtweg nicht vorgesehen.

Die Bun­des­re­gie­rung muss dem Lob­by­ismus end­lich Schranken setzen

Wie schon in unserer Halb­jah­res­bi­lanz zur schwarz-​gelben Koali­tion, for­dern wir die Bun­des­re­gie­rung auf, dass Thema Lob­by­ismus nicht länger zu igno­rieren. Die Staa­ten­gruppe gegen Kor­rup­tion hat bereits vor zwei Jahren einen deut­li­chen Reform­be­darf im Bereich des Par­teispon­so­rings, bei Direkt­spenden an Abge­ord­nete und bei der Offen­le­gung von Par­tei­spenden fest­ge­stellt. Die Bun­des­re­gie­rung hat die Emp­feh­lungen der Staa­ten­gruppe jedoch ohne über­zeu­gende Begrün­dung zurückgewiesen.

Ebenso wurde die Chance ver­passt, mehr Trans­pa­renz bei Abgeordneten-​Nebentätigkeiten her­zu­stellen und über­zeu­gende Regeln zur Vor­beu­gung von Inter­es­sen­kon­flikten ein­zu­führen. Diese Pro­bleme gilt es nun zusammen mit einer stär­keren Kon­trolle und Begren­zung von Geschenken und geld­werten Dienst­leis­tungen an Poli­ti­kern durch Lob­by­isten anzugehen.

Anzu­gehen ist auch die lange aus­ste­hende Rati­fi­zie­rung der UN-​Konvention gegen Kor­rup­tion, die Deutsch­land vor bald 10 Jahren unter­zeichnet hat. Neben Tsche­chien ist Deutsch­land das ein­zige euro­päi­sche Land, dass die Kon­ven­tion noch nicht rati­fi­ziert hat.

Neben recht­li­chen Ver­bes­se­rungen brau­chen wir eine poli­ti­sche Kultur, in der finan­zi­elle Ver­stri­ckungen zwi­schen Man­dats– und Amts­trä­gern etwas Außer­or­dent­li­ches ist und nicht Alltag und in der Poli­tiker klar in der Lage sind, zwi­schen ihrer Funk­tion als demo­kra­tisch legi­ti­mierte Reprä­sen­tanten und ihrer pri­vaten Person zu unter­scheiden.

Wei­ter­lesen:

Auch die Vor­sit­zende von Trans­pa­rency Inter­na­tional Deutsch­land, Edda Müller, kri­ti­siert im Zeit-​Interview, dass Wulff kein Gespür für die not­wen­dige Abgren­zung zu Wirt­schafts­ver­tre­tern hat und bis heute kei­nerlei Ein­sicht zeigt, son­dern seine Gratis-​Urlaube, sein enger Kon­takt zu Unter­neh­mern und das Ent­ge­gen­nehmen von Ver­güns­ti­gungen seiner zahl­rei­chen Freunde für ihn ganz selbst­ver­ständ­lich sind.

Quelle: Lobby Con­trol

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