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Der Gauck, die Netzgemeinde und die anderen

Donnerstag, 23. Februar 2012-13:06 -|- Eingestellt von: |

Von Jacob Jung | Jacob Jung Blog | — Das Volk ist begeis­tert von seinem künf­tigen Prä­si­denten. Bis zu 69 Pro­zent der Bevöl­ke­rung, so berichtet das ZDF, finden es gut, dass Joa­chim Gauck Bun­des­prä­si­dent wird. Nur die „Netz­ge­meinde“ ver­wei­gert dem „Prä­si­denten der Herzen“ die Gefolg­schaft und wird dafür von den „Qua­li­täts­me­dien“ arg gescholten.

Doch wer soll diese häufig zitierte „Netz­ge­meinde“ eigent­lich sein, wie begründen Publi­zisten und Kom­men­ta­toren im Internet ihre Ableh­nung gegen­über Joa­chim Gauck und wie ist es um die Gründ­lich­keit bestellt, mit der sich die Ver­treter der klas­si­schen Medien mit dem Kan­di­daten aus­ein­an­der­ge­setzt haben?

Was ist eigent­lich diese Netzgemeinde?

Schwer zu sagen, wen die eta­blierten Medien meinen, wenn sie von der „Netz­ge­meinde“ spre­chen. Sind damit die über 46 Mil­lionen Deut­schen ange­spro­chen, die über einen Internet-​Anschluss ver­fügen? Die 20 Mil­lionen Facebook-​, 17 Mil­lionen Studi-​VZ– oder zwei Mil­lionen Twitter-​Nutzer?

Spre­chen die Kon­zern­me­dien von den rund 8,4 Pro­zent der deut­schen Internet-​Nutzer, die ein eigenes Blog betreiben oder von denen, die klas­si­sche Medien mitt­ler­weile vor allem per Internet kon­su­mieren und sich im Rahmen von Kom­men­taren an Dis­kus­sionen im Netz beteiligen?

Obwohl nie defi­niert wurde, um wen oder um was es sich bei der viel­zi­tierten „Netz­ge­meinde“ eigent­lich han­delt, taucht der Begriff immer dann auf, wenn es darum geht, eine im Web erkenn­bare Auf­fas­sung zu rela­ti­vieren und in Kon­trast zur „echten, öffent­li­chen Mei­nung“ zu stellen: Die „Netz­ge­meinde“ lie­fert sich Schlachten mit Karl-​Theodor zu Gut­ten­berg, mit Hans-​Peter Uhl oder mit Ansgar Heve­ling, sie steht den digi­talen Bür­ger­di­alogen von Angela Merkel kri­tisch gegen­über, sie wehrt sich gegen ACTA oder setzt sich für Frei­heit und Anony­mität im Internet ein.

Immer wenn ein Redak­teur der klas­si­schen Medien zum Begriff „Netz­ge­meinde“ greift, dann bedient er damit min­des­tens zwei Asso­zia­tionen: Ers­tens drückt die Ver­wen­dung des Begriffes aus, dass sich der Ver­fasser selber nicht zuge­hörig fühlt. Zwei­tens nährt die Bezeich­nung „Gemeinde“ die Vor­stel­lung, es handle sich hierbei um eine kleine und sek­ten­ar­tige Gruppe, die außer­halb der „all­ge­meinen Gesell­schaft“ steht.

Um mit der Unsi­cher­heit über diesen Begriff einmal auf­zu­räumen: Zur „Netz­ge­meinde“ gehört per Defi­ni­tion jeder, der regel­mäßig einen Internet-​Anschluss benutzt. Eine Studie des BITKOM (Bun­des­ver­band Infor­ma­ti­ons­wirt­schaft, Tele­kom­mu­ni­ka­tion und neue Medien e.V.) kommt im April 2011 zu fol­genden Ergeb­nissen: Vier von Fünf Bun­des­bür­gern nutzen täg­lich einen PC. Zwei Drittel dieser Nutzer ver­bringen dabei pro Tag sogar min­des­tens zwei Stunden am Rechner.

Will man die Bezeich­nung „Netz­ge­meinde“ also über­haupt ver­wenden, dann sollte man sich zuvor klar machen, dass dieser poten­tiell rund 80 Pro­zent aller in Deutsch­land lebenden Men­schen ein­schließt und dar­über hinaus keine Aus­sa­ge­kraft besitzt. Das aktu­ellste Bei­spiel der exzes­siven Ver­wen­dung dieses Begriffs durch die Ver­treter der eta­blierten Medien ist die öffent­liche Dis­kus­sion über die Kan­di­datur von Joa­chim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten.

Die Sache mit den Umfragen

Die Medien feiern Joa­chim Gauck bereits zum zweiten Mal als „Prä­si­dent der Herzen“ und attes­tieren ihm fast durch­gängig Traum­quoten in Sachen Beliebt­heit in der Bevöl­ke­rung. Das ZDF (For­schungs­gruppe Wahlen) sieht die Zustim­mung zu seiner Kan­di­datur bei 69 Pro­zent. Die „Bild-​Zeitung“ beruft sich auf eine Emnid-​Studie und spricht von 54 Pro­zent posi­tiver Beur­tei­lung, wäh­rend RTL das Mei­nungs­in­stitut Forsa mit einer Blitz­um­frage beauf­tragt hat, die zum Ergebnis kommt, dass 46 Pro­zent der Bevöl­ke­rung seine Kan­di­datur positiv bewerten.

Abge­sehen davon, dass „reprä­sen­ta­tive Mei­nungs­um­fragen“ meist mehr über die Auf­fas­sung des Sta­tis­ti­kers als über die der Befragten selber aus­sagen – vor allem die Aus­wahl der Inter­view­partner und die kon­krete For­mu­lie­rung der Fra­ge­stel­lung ergibt einen großen Gestal­tungs­spiel­raum – ist es bemer­kens­wert, dass die Ergeb­nisse unter­ein­ander eine Abwei­chung von 23 Pro­zent auf­weisen. Alle Umfragen, auf die sich Presse und Medien beziehen, wurden annä­hernd zeit­gleich durch­ge­führt und nehmen für sich in Anspruch, reprä­sen­tativ zu sein.

Inter­es­sant in diesem Zusam­men­hang: Der MDR hat am 20. Februar eine Online-​Umfrage nach wenigen Stunden vom Netz genommen, nachdem sich dort inner­halb von kurzer Zeit 78 Pro­zent (2.950 Stimmen) der Befragten gegen Gauck aus­ge­spro­chen haben. Weder die Umfrage selber noch ein Bericht über das Ergebnis stehen auf den Seiten des MDR wei­terhin zur Ver­fü­gung, obwohl andere, längst abge­lau­fene Befra­gungen, dort teil­weise über Wochen online gehalten werden.

Eine Umfrage bzgl. Gauck wurde beim MDR gelöscht.

Auch eine Betrach­tung der zahl­rei­chen Leser­kom­men­tare unter Arti­keln, in denen Joa­chim Gauck als Wunsch­kan­didat der meisten Deut­schen gefeiert wird, sorgt für Irri­ta­tionen. Es ist auf­grund ihrer großen Anzahl kaum mög­lich, die Kom­men­tare empi­risch zu bewerten, ein­zu­ordnen und aus­zu­werten. Es fällt aller­dings auf, dass sich der über­wie­gende Teil der Kom­men­ta­toren aus­ge­spro­chen negativ über seine Kan­di­datur äußert.

Bei derart hohen Zustim­mungs­werten sollte man eigent­lich davon aus­gehen, dass sich hier zumin­dest ein deut­lich wahr­nehm­barer Anteil der Leser für Joa­chim Gauck aus­spricht. Die Lek­türe der Kom­men­tare unter Arti­keln beim Spiegel, in der WELT, der ZEIT, der Süd­deut­schen Zei­tung, beim Han­dels­blatt, bei der Tages­schau und bei vielen anderen Publi­ka­tionen ergibt aller­dings ein anderes Bild.

Die Qua­li­täts­me­dien sind hierbei nicht um eine Erklä­rung ver­legen: Es ist die „Netz­ge­meinde“, die dem Kan­di­daten, im Gegen­satz zur breiten Bevöl­ke­rung, die Gefolg­schaft verwehrt.

Netz­ge­meinde gegen Gauck?

Die Argu­mente der soge­nannten „Netz­ge­meinde“ werden von den Redak­teuren der eta­blierten Medien scharf zurück­ge­wiesen. Hier herrscht vor allem der Vor­wurf vor, die Publi­zisten und Kom­men­ta­toren im Netz würden Aus­sagen von Joa­chim Gauck ver­kürzt, ver­kehrt oder aus dem Zusam­men­hang gerissen ver­wenden, um Stim­mung gegen den künf­tigen Prä­si­denten zu machen.

Immer wieder wird hierbei kri­ti­siert, man habe Gauck zu Unrecht eine inhalt­liche Nähe zu Thilo Sar­razin unter­stellt, man habe seine Äuße­rungen zur Occupy-​Bewegung und zur Anti-​Kapitalismus-​Debatte falsch zitiert oder ihm eine ableh­nende Posi­tion gegen­über Hartz-​IV-​Empfängern oder Ein­wan­de­rern in den Mund gelegt.

Da auch ich in den letzten Tagen zweimal kri­tisch über Joa­chim Gauck berichtet habe („Hier riecht’s nach Gauck“, „Joa­chim Gauck: Der späte Sieg der mark­kon­formen Demo­kratie“) fühle ich mich von dieser Kritik ange­spro­chen und will des­halb Stel­lung beziehen:

Natür­lich hat sich Gauck nicht positiv über die eigent­li­chen Thesen Sar­ra­zins geäu­ßert. Wäre dies der Fall, dann müsste man über seine Kan­di­datur wohl auch kaum dis­ku­tieren. Gauck hat aller­dings – exakt so haben ich und viele andere es auch beschrieben – Sar­razin Mut attes­tiert, weil er sich traute, ein Thema anzu­spre­chen, das in der Öffent­lich­keit weit­ge­hend ver­schwiegen wird. Und er hat der Politik geraten, aus dem Erfolg von Sar­ra­zins Buch zu lernen.

Ich habe, im Gegen­satz zu Joa­chim Gauck, nicht den Ein­druck, dass ras­sis­ti­sche und frem­den­feind­liche Inhalte in der Öffent­lich­keit ver­schwiegen werden. Man begegnet ihnen an vielen Stellen in ver­deckter oder offener Form und es gibt zahl­reiche Anzei­chen dafür, dass sich in der Mitte unserer Gesell­schaft ein aus­ge­prägter Ras­sismus breit­ge­macht hat.

Men­schen­ver­ach­tende Res­sen­ti­ments in einem Buch zu sam­meln und ihnen einen pseudo-​wissenschaftlichen Rahmen zu ver­passen, ist kei­nes­falls ein Zei­chen für beson­deren Mut son­dern allen­falls ein Indiz für einen aus­ge­prägten Geschäftssinn.

Wer, ange­spro­chen auf Thilo Sar­razin, dessen „Mut“ in den Vor­der­grund stellt und gleich­zeitig weit­ge­hend darauf ver­zichtet, dessen krude, absurde und spal­tende Thesen ent­schieden zurück­zu­weisen, der darf sich nicht dar­über wun­dern, selber zum Gegen­stand der Kritik zu werden. Nicht mehr und nicht weniger habe ich Joa­chim Gauck in diesem Zusam­men­hang vorgeworfen.

In Bezug auf Gaucks Posi­tion gegen­über der Occupy-​Bewegung und der Anti-​Kapitalismus-​Debatte ist es nicht erfor­der­lich, ein­zelne seiner Aus­sagen aus­zu­werten, um eine Vor­stel­lung seiner grund­sätz­li­chen Posi­tion zu erhalten.

Selbst wenn Gauck die Debatte über den Kapi­ta­lismus nicht als „unsäg­lich albern“ bezeichnet und der Pro­test­be­we­gung nicht in Aus­sicht gestellt hätte, „schnell zu ver­ebben“, dann kann ange­sichts seiner zahl­rei­chen Schriften, Vor­träge und öffent­li­chen Bei­träge nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass es sich bei ihm um einen über­zeugten Ver­treter des Kapi­ta­lismus und der soge­nannten „sozialen Markt­wirt­schaft“ han­delt.

Gauck bemüht sich nie darum, seine Posi­tion zu ver­schleiern. Wäh­rend immer mehr Men­schen, hier­unter auch zuneh­mend aus­ge­wie­sene Kon­ser­va­tive, Zweifel am Segen des Kapi­ta­lismus und der heil­samen Wir­kung unre­gu­lierter Märkte äußern, hält Joa­chim Gauck an der Vor­stel­lung fest, dass Frei­heit immer auch die unein­ge­schränkte Frei­heit der Wirt­schaft bedingt und dass es nicht hilf­reich wäre, wenn die Politik in der Finanz­wirt­schaft das Sagen hätte.

Wider­stands­kämpfer und Bürgerrechtler?

Auch den Vor­wurf gegen­über Joa­chim Gauck, er habe sich mit ver­schie­denen Äuße­rungen gegen Hartz-​IV-​Empfänger gestellt, wird von den „Qua­li­täts­me­dien“ scharf zurückgewiesen.

Der „Netz­ge­meinde“ wird hier unter­stellt, sie habe Gaucks Kritik an den Demons­tra­tionen gegen Hartz-​IV im Jahr 2004 absicht­lich in einen fal­schen Zusam­men­hang gestellt, um den Kan­di­daten zu dis­kre­di­tieren. Gauck hatte es in einem Inter­view mit der Ber­liner Zei­tung als „töricht und geschichts­ver­gessen“ bezeichnet, dass die Demons­tranten ihre Pro­teste unter der Bezeich­nung „Mon­tags­de­mons­tra­tionen“ abge­halten hatten.

Diesen Titel wollte Gauck exklusiv den Demons­tra­tionen von 1989 vor­be­halten wissen, da es sich hier um den fun­da­men­talen Wider­stand gegen das DDR-​System han­delte, wäh­rend die Hartz-​IV-​Proteste in einem demo­kra­ti­schen System stattfänden.

In diesem Zusam­men­hang sei darauf ver­wiesen, dass Gauck öffent­lich die Frage auf­warf, “ob Soli­da­rität und Für­sorg­lich­keit nicht auch dazu bei­tragen, uns erschlaffen zu lassen“, dass er am 20. Jah­restag der deut­schen Ein­heit in Bezug auf Hartz-​IV Emp­fänger sagte:„Wir müssen uns nicht fürchten, auch in den Pro­blem­zonen der Abge­hängten For­de­rungen zu stellen“ und dass er ins­ge­samt ein Gesell­schafts­bild prä­fe­riert, in dem jeder ein­zelne selber für sein Glück und seinen Erfolg ver­ant­wort­lich ist.

Seine Zurück­wei­sung der Hartz-​IV-​Proteste führt aller­dings auch zu einem anderen Thema: Joa­chim Gauck wird öffent­lich meist als „DDR-​Bürgerrechtler“ bezeichnet. Wie auch die Kanz­lerin, lässt er es sich gerne gefallen, im Umfeld von DDR-​Widerstand, Sys­tem­kritik und Frei­heits­be­we­gung ver­ortet zu werden.

Zur bes­seren Ein­schät­zung von Gaucks Rolle inner­halb der DDR-​Opposition möchte ich aus einem bemer­kens­werten Kom­mentar von Ger­hard Rein zitieren, der in der gest­rigen Aus­gabe der WDR 5 Sen­dung „Poli­tikum“ über­tragen wurde und dem nichts hin­zu­zu­fügen ist:

„Nun, was man im heu­tigen Sprach­ge­brauch Bür­ger­rechtler nennt, hat man früher als DDR-​Opposition bezeichnet. Zur DDR-​Opposition hat Gauck nie­mals gehört. Er trat auch nicht in den system-​kritischen Frie­dens– und Umwelt­gruppen im Umfeld der Evan­ge­li­schen Kir­chen je in Erschei­nung. In den Publi­ka­tionen, die in der DDR von kri­ti­schen Gruppen illegal her­aus­ge­geben wurden, taucht der Name Gauck als Ver­fasser nicht auf.

Joa­chim Gauck hat sich im Oktober 1989 in Ros­tock dem „Neuen Forum“ ange­schlossen. Vorher ist ein poli­ti­schen Enga­ge­ment gegen den repres­siven Staat nicht auszumachen.“

Der Anti-​Kommunist Gauck

Bisher haben wir gesehen, dass Joa­chim Gauck den „Mut“ von Thilo Sar­razin ohne Not­wen­dig­keit her­vor­ge­hoben hat, dass er ein glü­hender Anhänger des Kapi­ta­lismus und der sozialen Markt­wirt­schaft neuer Prä­gung ist, dass er ein Frei­heits­bild ver­kör­pert, dass vor allem von der Frei­heit für Wirt­schaft und Märkte getragen ist, dass er dafür ein­tritt, auch in den „Pro­blem­zonen Abge­hängter“ For­de­rungen zustellen und dass er befürchtet, „Soli­da­rität und Für­sorg­lich­keit“ könnten dazu bei­tragen, „uns erschlaffen zu lassen“.

In diesem letzten Abschnitt möchte ich mich jetzt noch mit dem Anti-​Kommunisten Joa­chim Gauck beschäf­tigen, da sich diese Posi­tion wie ein roter Faden durch sein öffent­li­ches Leben zieht. Stell­ver­tre­tend möchte ich zur bes­seren Ein­schät­zung seinen Bei­trag „Vom schwie­rigen Umgang mit der Wahr­neh­mung“ in der deut­schen Aus­gabe des „Schwarz­buch des Kom­mu­nismus“, seinen Artikel „Das Ritual der Anti­fa­schisten“ in der ZEIT vom 30. Juli 1998 und seinen Vor­trag „Welche Erin­ne­rungen braucht Europa“ vom August 2006 vor der Robert Bosch Stif­tung erwähnen. Die fol­genden Zitate sind dem letzt­ge­nannten Vor­trag entnommen.

In allen drei Bei­trägen tritt Joa­chim Gauck für eine his­to­ri­sche Gleich­be­hand­lung von NS-​Diktatur und DDR-​Regime ein. Er geht davon aus, dass Men­schen, die über eine lange Zeit in einer Dik­tatur gelebt haben, ihre “Empa­thie [und ihre] Sym­pa­thie mit den Opfern der Politik des eigenen Staates“ ver­lieren. Dabei bezieht er sich auf die Beob­ach­tungen von Hannah Arendt im Nachkriegsdeutschland.

Gauck geht davon aus, dass Selbst­mit­leid an die Stelle von Mit­leid tritt, wenn es um die Beur­tei­lung und den Umgang mit der eigenen und der kol­lek­tiven Schuld und Ver­ant­wor­tung für tota­li­täre Sys­teme und ihre Ver­bre­chen geht. In seinen Augen wurde dieses Phä­nomen in West­deutsch­land unter anderem durch den Ein­fluss der 68er Bewe­gung überwunden:

„Auch die 68er, die poli­tisch oft­mals auf die fal­sche Fährte gesetzt haben, dürfen doch glauben, dass sie, als sie das Schuld­thema auf den Tisch der Nation legten, einen kul­tu­rellen Wandel in Gang gesetzt haben, »Gna­den­fieber« (Gior­dano), Selbst­mit­leid und Ver­drän­gung sind in einem jahr­zehn­te­langen Lern­pro­zess über­wunden worden.“

In Bezug auf den ost­deut­schen Kom­mu­nismus hat dieser Lern­pro­zess nach der Über­zeu­gung von Joa­chim Gauck nicht stattgefunden.

„Mil­lionen von Opfern kom­mu­nis­ti­scher Gewalt bleiben aber unge­nannt und weit­ge­hend unbetrauert.“

Die Argu­men­ta­tion Joa­chim Gaucks führt zu der Schluss­fol­ge­rung, dass die DDR-​Geschichte erst ebenso intensiv auf­ge­ar­beitet werden muss wie die NS-​Vergangenheit in West­deutsch­land, bevor die ehe­ma­ligen Bürger der DDR in der Lage sind, die poli­ti­schen Ver­hält­nisse vor dem Hin­ter­grund von „Fakten und Rea­lität“ anstelle von „Leit­ideo­lo­gien“ zu beur­teilen. Damit spricht er einem großen Teil der Men­schen in unserer Gesell­schaft pau­schal die Fähig­keit ab, Politik vor dem Hin­ter­grund von „his­to­ri­scher, poli­ti­scher und mora­li­scher Wahr­heit“ zu bewerten.

Die Stoß­rich­tung seiner Argu­mente wird in einem wei­teren Zitat deut­lich. Sie zielt auf die Rolle der LINKEN als Volks­partei in den neuen Bundesländern:

„Erschre­ckend das Ausmaß von Igno­ranz und Gut­gläu­big­keit in weiten Kreisen der Linken, deren kri­ti­sches Ver­mögen doch ansonsten beson­ders stark aus­ geprägt war. Es ist doch normal, dass die Völker das Leid, das sie als Opfer des Kom­mu­nismus erleiden mussten, dann in den Mit­tel­punkt stellen, wenn es das größte von ihnen erlit­tene Unrecht darstellt.“

Joa­chim Gauck beruft sich in seinen Schluss­fol­ge­rungen immer wieder auf die Schriften von Hannah Arendt, die ihren Begriff vom „loss of rea­lity“ vor dem Hin­ter­grund ihrer Beob­ach­tungen im Nach­kriegs­deutsch­land prägte.

Was Gauck aller­dings über­sieht oder doch zumin­dest ver­schweigt ist die Tat­sache, dass Hannah Arendt aus­schließ­lich den Natio­nal­so­zia­lismus und den rus­si­schen Sta­li­nismus als tota­li­täre beschreibt. Nach ihrer Defi­ni­tion gehören weder der ita­lie­ni­sche Faschismus, noch der Fran­quismus oder das System der DDR zu den tota­li­tären Systemen.

Die Dif­fe­ren­zie­rung ergibt sich nach Arendt aus der Frage, ob sich eine Dik­tatur auf sämt­liche Bereiche des mensch­li­chen Lebens, nicht nur auf die poli­ti­schen, bezieht, ob in ihrem Zen­trum eine Mas­sen­be­we­gung steht , ob Ver­bre­chen und Mas­sen­morde die Regel sind und ob sie vom Streben nach Welt­herr­schaft geleitet ist. Ohne Zweifel trifft keines dieser Kri­te­rien auf das DDR-​System zu. Folg­lich lassen sich Hannah Arendts Beob­ach­tungen und Schluss­fol­ge­rungen nicht auf die ost­deut­sche Geschichte über­tragen, wie es Gauck den­noch tut.

Auch Gaucks Ein­schät­zung, wonach in West­deutsch­land Ver­drän­gung und Selbst­mit­leid gegen­über der NS-​Vergangenheit über­wunden sind, ist zwei­fel­haft. Gerade heute stellen wir fest, dass rechts­ex­treme Ideo­lo­gien eine weitaus grö­ßere Ver­brei­tung auf­weisen, als lange ange­nommen wurde.

Nicht nur die Ter­ror­akte der NSU und der Umgang von Politik und Behörden mit rechts­ra­di­kalen Struk­turen lassen Zweifel daran auf­kommen, wie ange­messen heute in unserem Land mit der NS-​Vergangenheit umge­gangen wird. Auch der weit ver­brei­tete Ras­sismus, der sich bis in die Mitte der Gesell­schaft zieht, spricht nicht für einen vor­bild­li­chen Lern­pro­zess, wie ihn Gauck postuliert.

Not my President

Ins­ge­samt muss man die Gleich­set­zung, die Gauck in Bezug auf das NS-​Regime und das DDR-​System betreibt, kri­tisch bewerten. Sie führt einer­seits zwangs­läufig zu einer Ver­harm­lo­sung der NS-​Verbrechen und ver­hin­dert ande­rer­seits eine ergeb­nis­of­fene Debatte über Alter­na­tiven zum Kapi­ta­lismus, zur sozialen Markt­wirt­schaft heu­tiger Prä­gung und zur fort­schrei­tenden Macht­er­grei­fung der „Märkte“ über die Demokratie.

Dass sich Joa­chim Gauck zusätz­lich über weite Teile der ehe­ma­ligen DDR-​Bevölkerung erhebt – zu der er selber gehört – und ihr pau­schal die Fähig­keit abspricht, dar­über ent­scheiden zu können, welche poli­ti­schen Struk­turen sie für geeignet hält, um Gerech­tig­keit, Soli­da­rität und ein fried­li­ches Zusam­men­leben zu erlangen, bringt ihm den häufig auf­tau­chenden Vor­wurf der Bor­niert­heit ein, der sich durch Kom­men­tare, Blo­g­ar­tikel und andere State­ments zieht.

Ein begrün­detes Inter­esse an sozia­lis­ti­schen Posi­tionen mit der Begrün­dung abzu­lehnen, es handle sich bei ihren Ver­tre­tern um „Opfer“ eines tota­li­tären Sys­tems, die sich bis­lang nur nicht hin­rei­chend mit ihrer Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­ge­setzt hätten und in Selbst­mit­leid ver­harren, zeichnet das Bild eines arro­ganten Men­schen, dem es an Neu­tra­lität und Ein­füh­lungs­ver­mögen mangelt.

Joa­chim Gauck hat den tra­di­tio­nellen, west­deut­schen Anti-​Kommunismus erst zu einem Zeit­punkt für sich ent­deckt, zu dem der Wider­stand gegen das DDR-​System bereits opportun und nicht mehr mit per­sön­li­chen Risiken ver­bunden war. Sich den­noch als „DDR-​Bürgerrechtler“ zu gerieren erscheint weder zutref­fend noch anständig.

Ich weiß nicht, ob ich nach Defi­ni­tion der Qua­li­täts­me­dien, zu der oft zitierten „Netz­ge­meinde“ gehöre. Ich weiß aller­dings, dass ich, wie viele andere Publi­zisten und Kom­men­ta­toren im Internet, in der Lage bin, einen Prä­si­dent­schafts­kan­di­daten vor dem Hin­ter­grund seiner Schriften, Artikel und Vor­träge ein­zu­schätzen und einen zutref­fenden Ein­druck von seinen Auf­fas­sungen und Stand­punkten zu gewinnen.

Es ist die inten­sive Aus­ein­an­der­set­zung mit den Posi­tionen von Joa­chim Gauck, die mich dazu bewegt, ihn als Kan­di­daten für das Amt des Bun­des­prä­si­denten abzu­lehnen. Seine Äuße­rungen über Thilo Sar­razin und die Occupy-​Bewegung, über Hartz-​IV-​Empfänger und Ein­wan­derer, über die Stuttgart21 Bewe­gung oder die Ener­gie­wende mögen meinen Ein­druck von Gauck bestä­tigen. Sie bilden aber kei­nes­wegs die Grund­lage meiner Einschätzung.

Ich rate den Ver­tre­tern der „Qua­li­täts­me­dien“ ihre unkri­ti­sche Zustim­mung zu Gauck einmal fak­ten­ba­siert und umfas­send zu über­prüfen, bevor sie dessen Ableh­nung als popu­lis­ti­sche, nach­läs­sige und irre­füh­rende Pro­pa­ganda einer nicht näher defi­nierten „Netz­ge­meinde“ dif­fa­mieren.

Quelle: Jacob Jung Blog

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