Der Schwarze Kanal: Mehrparteiendiktatur
Sonntag, 26. Februar 2012-14:19 -|- Eingestellt von: Julie |
Von Werner Pirker | junge Welt | — In der FAZ, der »Zeitung für Deutschland«, herrscht ob der Herstellung einer neoliberalen Einheitsfront bei der Wahl des Bundespräsidenten große Genugtuung. Angesichts des sich an der Basis ausbreitenden Unbehagens über die herrschende Wirtschaftsordnung und die Unterordnung der Demokratie unter die Willkür des Marktes (»marktkonforme Demokratie«) ist die moralische Wiederaufrüstung angesagt. Die brüchig gewordene Volksgemeinschaft soll erneuert werden. Dazu bedarf es eines »Demokratielehrers«.
Über die Art des Zustandekommens der Parteienallianz für Gauck zeigt sich Günther Nonnenmacher im FAZ-Leitkommentar vom 21. Februar indessen eher amüsiert. Immerhin mußte der Wunschkandidat der Konservativen den Konservativen erst aufgenötigt werden.
»Die strahlenden Gesichter von Claudia Roth und Sigmar Gabriel zeigten mehr als ihre Worte«, schreibt er, »daß da eine gehörige Portion Schadenfreude gegenüber der Union im Spiel war. Philipp Rösler konnte nicht die Genugtuung darüber verbergen, daß die FDP, nach Demütigungen in der Regierung und innerparteilichen Krisen, endlich einmal als Sieger aus dem koalitionären Ringen hervorgegangen ist.«
Rot-Grün dürfte das Lachen bald vergehen, vermutet nicht nur Günther Nonnenmacher. Und wer zuletzt lacht, lacht am besten. Das dürfte dann doch wieder die Kanzlerin sein. »Dem Freiheitspathos des evangelischen Pfarrers steht sie auf ihre nüchterne Art näher, als dies SPD und Grüne von sich behaupten können. Die werden noch zu spüren bekommen, daß Gaucks urbi et orbi vorgetragener Lobgesang auf die Freiheit eben keine Ode an die Gleichheit ist.
Und daß seine Aufforderung zu bürgerschaftlichem Engagement verbunden mit der Ablehnung wutbürgerlicher Renitenz, eine durch und durch konservative Grundierung hat.« Der FAZ-Redakteur überschätzt das gesellschaftskritische Potential von SPD und Grünen. Die Rosaroten stimmen längst keine Oden an die Gleichheit mehr an, und auch renitente Grüne gibt es schon lange nicht mehr.
Das Bündnis für den evangelischen Pfarrer ist somit nur allzu folgerichtig. Und es hat eine durch und durch konservative Grundierung. Wenn von einer Allparteienkoalition die Rede ist, dann sind damit nur die marktkonformen Parteien gemeint. Nonnenmacher nennt sie die »Verfassungsparteien«, was bedeutet, daß er die Linkspartei als außerhalb der Verfassung stehend betrachtet.
»Bemerkenswert ist«, hält er mit Genugtuung fest, »daß die Linkspartei von dem Procedere ganz und gar ausgeschlossen wurde und die Suche genau bei dem Kandidaten endete, dem sie in der Bundesversammlung im Juni 2010 stur ihre Stimme verweigert hatte.«
Eben erst hatte der FAZ-Redakteur den Mann aus Rostock als durch und durch konservativ, in anderen Worten: als stockreaktionären Pfaffen, beschrieben, um schon im nächsten Satz die Weigerung der Linkspartei, dem Mann mit dem sozialdarwinistischen Verständnis von Freiheit ihre Stimme zu geben, als eine geradezu verfassungsfeindliche Handlung hinzustellen. Zumindest hat sich Die Linke damit, Nonnenmacherischer Logik zufolge, aus dem Kreis der Verfassungsparteien selbst ausgeschlossen.
»Das zeigt«, schreibt er, »daß sie als Partei des wiedererstarkten Oskar Lafontaine im Bund nicht koalitionsfähig ist. Genauer gesagt: Sie hat sich, ziemlich genau seit ebenjener Präsidentenwahl im vergangenen Jahr, systematisch aus Koalitionsüberlegungen herausgenommen, die bei Sozialdemokraten und Grünen zuvor durchaus en vogue waren.«
Nun haben auch die Regierungsparteien bei der Präsidentenwahl 2010 nicht Joachim Gauck ihre Stimme gegeben, ohne daß der FAZ-Kommentator auch nur auf die Idee käme, ihnen deshalb die Regierungsfähigkeiten abspräche.
Bei der Linkspartei aber entscheidet die Frage »Seid ihr für oder gegen Gauck?« über deren Koalitionsfähigkeit. Tatsächlich zielt das auf die Bereitschaft Der Linken, den antikommunistischen Konsens mitzutragen und sich an der völligen De-Legitimierung der DDR zu beteiligen.
Auf ihre Bereitschaft, Verantwortung für eine unsoziale Sparpolitik zu übernehmen und schließlich auf die Bereitschaft, sich der westlichen Wertegemeinschaft anzuschließen und deren Doktrin des humanitären Krieges mit zu vertreten.
Sollte die Partei Die Linke am Montag tatsächlich mit Beate Klarsfeld eine Kandidatin nominieren, die bei all ihren antifaschistischen Verdiensten in der Vergangenheit den Pfarrer Gnadenlos puncto Bellizismus noch übertrifft, dann wäre das wohl ein deutliches Signal dafür, daß sie bereit ist.
Quelle: junge Welt
Mit freundlicher Genehmigung zur Wiedergabe hier auf Mein Politikblog. Dankeschön!
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Kategorie » Parteien u. Politiker « | Tags » Gauck, Linke «
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