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Die Kinderarmuts — Rückgangs — Lüge

Donnerstag, 26. Januar 2012-17:28 -|- Eingestellt von: |

Von Egon W. Kreutzer | Pau­ken­schlag am Don­nerstag No. 4/​2012 vom 26. Dezember 2012 | Egon W. Kreutzer​.de | — Jubel­mel­dungen allent­halben. Die Gesell­schaft für Kon­sum­for­schung meldet wieder einmal, die Kauf­laune der Deut­schen sei unge­bro­chen. Eine Mel­dung, wie sie oft genug ein paar Monate später von den Zahlen des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amtes wider­legt wurde.

Es läge an der Zunahme der Beschäf­ti­gung — und an der nach­las­senden Infla­tion, und daran, dass die Zinsen so niedrig seien, dass sich Sparen kaum noch lohne. Vor allem hätten die Kon­su­menten Immo­bi­lien, Autos und Möbel im Visier. Woher der Run auf die Immo­bi­lien kommt, ist wohl hin­läng­lich klar — da ist die Angst vor dem Kauf­kraft­ver­lust des Euro bei den Gut­be­tuchten die trei­bende Kraft.

Bei Autos und Möbeln mag das gleiche Motiv dahin­ter­stehen, halt bei denen, die sich noch als Mit­tel­schicht fühlen. Die Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tute sehen in ihren Glas­ku­geln die aller­besten Aus­sichten für die deut­sche Wirt­schaft. Vor allem das ZEW über­schlägt sich gera­dezu vor lauter Freude, die besten Aus­sichten aller Zeiten pro­gnos­ti­zieren zu können.

Die Krö­nung aber ist die frohe Kunde, dass die Kin­der­armut so kräftig zurück­ge­gangen ist.

Waren im Sep­tember 2006 noch knapp 1,9 Mil­lionen Kinder unter 15 Jahren auf Hartz IV ange­wiesen, so waren es fünf Jahre später, im Sep­tember 2011 nur noch etwa 1,64 Mil­lionen. Dass die Medien aus der Dif­fe­renz zwi­schen "knapp 1,9" und "rund 1,64" einen Rück­gang um glatte 300.000 machen, statt von "rund 250.000" zu spre­chen, was eine kor­rekte Aus­sage über die Dif­fe­renz wäre, sei nur am Rande erwähnt.

Dass nicht nur Kinder, die von Hartz IV leben, auf­grund der Ein­kom­mens– und Lebens­ver­hält­nisse ihrer Eltern als "arm" gelten dürften, was eben­falls keine Erwäh­nung findet, sei auch nur am Rande erwähnt.

Dass dann schnell noch nach­ge­legt wird, wel­ches Bun­des­land im Wett­streit um die Sen­kung der Kin­der­armut die Nase vorn hat, mit Bayern an der Spitze und Berlin als Schluss­licht, ist eher pein­lich, weil es ein­fach vom Kern der Sache ablenkt, indem die sta­tis­ti­sche Aus­sage durch noch ein biss­chen zusätz­li­cher Zah­len­spie­lerei den Ein­druck grö­ßerer Serio­sität erhält.

Denn nur wenn die Zahlen größt­mög­liche Serio­sität, Genau­ig­keit und Detail­lie­rungs­grad auf­weisen, wird den daraus gezo­genen Schlüssen auch Glauben geschenkt — und die gezo­genen Schlüsse sind nun mal wichtig, für die Stim­mung im Lande, das dabei ist, sich mit Schul­den­bremse und Haus­halts­dis­zi­plin im Gepäck, alter­na­tivlos in immer tie­fere Schulden zu stürzen — um die Gläu­biger der Euro-​Zone bei Laune zu halten.

Also heißt es ohne Scheu vor dem Odeur des Eigenlobs:

"Weniger Kinder in Hartz IV bedeutet, dass es den Job­cen­tern gelungen ist, ihre Eltern in Beschäf­ti­gung zu inte­grieren. Die Chance, eine Arbeit zu finden, ist heute deut­lich besser als vor drei oder vier Jahren. Auch Lang­zeit­ar­beits­lose oder Gering­qua­li­fi­zierte pro­fi­tieren ver­stärkt von der Auf­nah­me­fä­hig­keit des Arbeitsmarktes."

Und das sagt einer, der es besser wissen könnte, näm­lich das Vor­stands­mit­glied der Bun­des­agentur für Arbeit, Hein­rich Alt.

  • Wahr ist, dass es 2006 ein­fach sehr viel mehr Kinder unter 15 Jahren gab als 2011. In den Zahlen für 2006 sind die Geburts­jahr­gänge von 1991 bis 2006 ent­halten. In den Zahlen für 2011 sind die Geburts­jahr­gänge von 1996 bis 2011 ent­halten. Her­aus­ge­fallen sind also die 5 Jahr­gänge 1991 bis 1995 mit ins­ge­samt rund 4,0 Mil­lionen Neu­ge­bo­renen. Hin­zu­ge­kommen sind die 5 Jahr­gänge 2007 bis 2011 mit ins­ge­samt rund 3,4 Mil­lionen Neugeborenen.

  • Wahr ist, Dass die Zahl der Kinder unter 15 Jahren von 2006 bis 2011 um rund 600.000 zurück­ge­gangen ist. Wahr ist auch, Dass dieser Rück­gang der Gebur­ten­zahlen eine Folge der Wirt­schafts– und Sozi­al­po­litik ist, der immer mehr Men­schen in Armut, Armuts­ri­siko und große Zukunfts­angst gestürzt hat. Wer nimmt da noch das "Armuts­ri­siko Kind" auf sich? Wer will noch Kinder in die Welt setzen, wenn er fürchtet, sie müssten unter unwür­digen Bedin­gungen in Armut aufwachsen?

  • Wahr ist auch, dass trotz aller Beteue­rungen, Kinder seien unsere Zukunft, immer weniger für die Kinder getan wird, statt­dessen ein erbärm­li­ches Ringen um 5 Euro pro Monat im Regel­satz auf­ge­führt wurde, und statt mehr Geld für die armen Kinder lieber Gut­scheine für Sach­leis­tungen in die Welt gesetzt wurden, die kaum ange­nommen werden, weil der Gut­schein eben regel­mäßig nicht reicht, um die Kosten für die Inan­spruch­nahme der Leis­tung zu decken.

Fühlen Sie sich jetzt ver­al­bert, belogen, des­in­for­miert? Dann hat dieser Pau­ken­schlag seinen kurz­fris­tigen Zweck erfüllt. Und wenn er län­ger­fristig zum Sel­ber­denken anregt, dann auch seinen Endzweck.

Quelle: Egon W. Kreutzer

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von “Egon W. Kreutzer” zur Wie­der­gabe hier auf Mein Poli­tik­blog. Vielen Dank dafür !

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Kategorie » Armut, BA/ArGe/Hartz IV, Politik/Wirtschaft « | Tags » , , , , , , «

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