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Die Rückkehr der Machtfrage

Freitag, 13. Januar 2012-11:51 -|- Eingestellt von: |

Von Redak­tion German For­eign Policy | – BERLIN — Ber­liner Regie­rungs­be­rater stellen die grund­sätz­liche außen­po­li­ti­sche Ori­en­tie­rung Deutsch­lands zur Debatte. Gegen­wärtig kehre "die Macht­frage zurück", urteilt der Autor eines Bei­trags in der ein­fluss­rei­chen Zeit­schrift Inter­na­tio­nale Politik.

Hin­ter­grund seien die welt­po­li­ti­schen Umbrüche, zu denen sich die Bun­des­re­pu­blik auf­grund ihrer ökono­mi­schen und poli­ti­schen Stärke posi­tio­nieren müsse — der Auf­stieg Chinas und die durch ihn moti­vierte Hin­wen­dung der Ver­ei­nigten Staaten zum Pazifik, aber auch die ernsten Krisen auf beiden Seiten des Atlantik, die Zweifel daran weckten, ob die USA ihre erdrü­ckende mili­tä­ri­sche Stärke auch in Zukunft finan­zieren könnten und ob die EU dau­er­haft Bestand haben werde.

Ange­sichts der Lage müsse Berlin ent­scheiden, was es künftig vom Bündnis mit Washington und von der soge­nannten euro­päi­schen Inte­gra­tion erwarte und wer in der EU das Sagen haben solle. Zuneh­mend dis­ku­tiert wird, heißt es, auch eine "natio­nale Option": der "deut­sche Weg". Berlin könne sich bei seiner glo­balen Macht­po­litik auch für einen Mix aus trans­at­lan­ti­schem Pakt, Europa und Allein­gang entscheiden.

Die neue Normalität

Wie es in dem Dis­kus­si­ons­bei­trag heißt, den die Zeit­schrift Inter­na­tio­nale Politik, das bedeu­tendste Organ des außen­po­li­ti­schen Esta­blish­ments in der Bun­des­re­pu­blik, in ihrer aktu­ellen Aus­gabe zur Debatte stellt, könne Deutsch­land es "sich nicht mehr leisten, außen­po­li­tisch auf Sicht zu fahren".

Mit der Über­nahme der DDR im Jahr 1990 sei hier­zu­lande eine neue "Nor­ma­lität" ein­ge­kehrt, die es der Regie­rung ermög­liche, zwi­schen meh­reren Optionen zu wählen; in Frage kämen "natio­nale Eigen­stän­dig­keit, trans­at­lan­ti­sche Koor­di­na­tion oder Ein­bet­tung in die EU".

Da die Bun­des­re­pu­blik auf der einen Seite ange­sichts knapper Kassen ihre Res­sourcen bün­deln müsse und ande­rer­seits das "Gewicht Deutsch­lands in den letzten Jahren erheb­lich gewachsen" sei, müsse Klar­heit geschaffen werden — über den "eigenen Standort", die "eigenen Inter­essen", den "Ent­wurf einer Ziel­vi­sion und des Weges dorthin".

In einem "grö­ßeren his­to­ri­schen Rahmen" könne man von einer "Rück­kehr der Macht­frage" spre­chen — der Frage, wer einer­seits inner­halb der EU und ande­rer­seits in der Welt den Ton angebe.[1]

Glo­bale Perspektiven

Hin­ter­grund der aktu­ellen Debatte sind die welt­po­li­ti­schen Umbrüche seit 1990. Hatten zunächst die Ver­ei­nigten Staaten unbe­stritten die glo­bale Hege­monie inne, ver­schieben sich zur Zeit die Kräfte grund­le­gend. Ursache ist nicht nur das deut­sche Bemühen, die EU zum Rivalen Ame­rikas auf­zu­bauen, son­dern vor allem der Auf­stieg der Volks­re­pu­blik China.

Das Land ist auf dem Weg, die größte Wirt­schafts­macht der Welt zu werden, und steht vor einem ent­spre­chenden poli­ti­schen Ein­fluss­ge­winn (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [2]). Washington hat mitt­ler­weile offi­ziell erklärt, im Mit­tel­punkt seiner glo­balen Politik werde künftig China und dessen süd­ost­asia­ti­sches und pazi­fi­sches Umfeld stehen. Die Schwer­punkt­ver­la­ge­rung weg vom Atlantik wird weithin mit dem Eti­kett "pazi­fi­sches Jahr­hun­dert" versehen.[3]

Zugleich ist unklar, ob die USA ihr Militär in Zukunft auf dem aktu­ellen Niveau halten können. Als sicher gilt, dass die Finanz­krise, in die das Land 2007 geraten ist, ein wei­teres Wachstum des Streit­kräftehaus­halts erschwert. Strittig ist, ob dies lang­fristig die Schlag­kraft der US-​Truppen ver­rin­gert, die ihren Mili­tä­retat seit 2001 bei­nahe ver­dop­pelt und die Streit­kräfte umfas­send moder­ni­siert haben.

Prä­si­dent Obama hat letzte Woche ange­kün­digt, die U.S. Armed Forces würden in Zukunft nicht mehr in der Lage sein, zwei große Land­kriege gleich­zeitig zu führen.[4] Das trägt aber nur den Über­le­gungen von Mili­tär­stra­tegen Rech­nung, die nach ihren Erfah­rungen in Afgha­nistan und im Irak von der groß­an­ge­legten Besat­zung fremder Staaten eher abraten.[5]

Part­nership in leadership

In der Inter­na­tio­nalen Politik heißt es nun, "die viel dis­ku­tierte Abwen­dung der USA von Europa" sei "kein Schicksal": Berlin habe "die Option, das Angebot der 'part­nership in lea­dership', das vor über zwei Jahr­zehnten von George Bush senior gemacht wurde, anzu­nehmen" und auf diese Weise "zum Schlüs­sel­partner der USA in Europa" zu werden.

Eine solche Teil­habe an der Hege­monie der Ver­ei­nigten Staaten setze frei­lich voraus, dass die Bun­des­re­pu­blik "Res­sourcen" bereit­stelle. Dies müssten "nicht in erster Linie" mili­tä­ri­sche Mittel sein; Deutsch­land könne etwa auch Poli­zei­kräfte für gemein­same Gewalt­ope­ra­tionen in aller Welt lie­fern, müsse dies jedoch"mit Ent­schlos­sen­heit" tun.

Vor allem aber sei Berlin "nur dann wirk­lich inter­es­sant für Washington", wenn es alle Mittel Europas, ins­be­son­dere das Poten­zial Groß­bri­tan­niens sowie Frank­reichs, in den trans­at­lan­ti­schen Pakt einbringe.[6] Ob und wie das gelingen kann, ist der­zeit auf­grund der tief­grei­fenden Krise der EU völlig unklar.

Mit-​Führung auf der Weltbühne

Ebenso unklar ist aus dem­selben Grund, wie es sich auf Dauer mit der "euro­päi­schen Option" der Ber­liner Außen­po­litik ver­hält. "Wenn die EU-​Staaten gemeinsam agieren, sind sie Global Player und haben Gestal­tungs­macht", heißt es in der Inter­na­tio­nalen Politik: "Statt künftig von den USA und China domi­niert zu werden", könne "ein geeintes Europa" sei­ner­seits "Mit-​Führung auf der Welt­bühne beanspruchen".

Aller­dings stehe eine "gemein­same euro­päi­sche Außen­po­litik" unter dem "Zwang der Eini­gung auf gemein­same Posi­tionen und gemein­sames Han­deln"; dies sei zur Zeit nicht in Sicht.[7] Tat­säch­lich bemüht sich Berlin, die Krise zu nutzen, um — ver­mit­telt durch finanz­po­li­ti­sche Zwänge — eine "poli­ti­sche Union" zu schaffen [8]; gleich­zeitig zielt die deut­sche Regie­rung darauf ab, das fran­zö­si­sche Beharren auf einer eigen­stän­digen Außen­po­litik, die nicht selten mit deut­schen Vor­stel­lungen kol­li­diert, zu bre­chen [9].

Die "euro­päi­sche Option" ver­lange zumin­dest einen gut funk­tio­nie­renden Euro­päi­schen Aus­wär­tigen Dienst sowie eine euro­päi­sche Armee, heißt es in der Inter­na­tio­nalen Politik. Der Preis dafür sei der "Ver­zicht auf natio­nale Eigen­stän­dig­keit im Rahmen der EU".[10]

Die natio­nale Option

Schließ­lich stellt die Inter­na­tio­nale Politik die "natio­nale Option" bun­des­deut­scher Außen­po­litik zur Debatte. "Von allen euro­päi­schen Län­dern hat Deutsch­land am ehesten die ökono­mi­sche Basis, um Welt­po­litik gege­be­nen­falls auch alleine betreiben zu können", heißt es in der Zeit­schrift: "Als macht­be­wusster Natio­nal­staat" könne die Bun­des­re­pu­blik "eine eigen­stän­dige welt­po­li­ti­sche Rolle anstreben".

"Ein sol­cher Uni­la­te­ra­lismus" sei zuletzt "immer wieder" zutage getreten, etwa bei der Ableh­nung der Kriege gegen den Irak und gegen Libyen. "In den meisten grö­ßeren Par­teien gibt es mino­ri­täre Strö­mungen, die für die Idee eines eigen­stän­digen 'deut­schen Weges' emp­fäng­lich sind", schreibt das Blatt: Die "natio­nale Option" sei in jüngster Zeit "ein­fluss­rei­cher geworden".

So könne Berlin etwa mit Russ­land und China "neue Alli­anzen schmieden, je nach Bedarf", oder sich "stärker als bisher als Han­dels­staat posi­tio­nieren", gänz­lich "ohne Rück­sicht­nahme auf kol­lek­tive Inter­essen und Verbündete".[11]

Der Autor ver­hehlt nicht, dass er den mög­li­chen Allein­gang der Repu­blik mit ganz beträcht­li­cher Skepsis sieht: "Geo­grafie und Geschichte haben zu dem Ergebnis geführt, dass deut­sche Macht um so größer ist, je mehr das Land mit euro­päi­schen Nach­barn im Kon­zert agiert."

Das "euro­päi­sche Kon­zert" setzt aller­dings eine Lösung der Euro­krise voraus, die zur Zeit — nicht zuletzt wegen des Ber­liner Va Banque-​Spiels um die euro­päi­sche Finanz­po­litik — kei­nes­falls als gesi­chert gelten kann.[12]

Quelle: German For­eign Policy

Dieser Artikel unter­liegt dem Copy­right und darf nicht ver­viel­fäl­tigt wer­den. Mir ist die Ver­öf­fent­li­chung erlaubt, da ich “GFP” durch ein För­derabo unter­stütze.


[1] Ulrich Speck: Macht gestalten. Optionen deut­scher Außen­po­litik, Inter­na­tio­nale Politik Januar/​Februar 2012

[2] s. dazu Europas Abstieg (II), Das bekannte Unbe­kannte und Der wan­kende Hegemon

[3] s. dazu Das pazi­fi­sche Jahrhundert

[4] Obama gibt Zwei-​Kriege-​Doktrin auf; www​.faz​.net 05.01.2012

[5] Johannes Thimm: Die Mär vom ame­ri­ka­ni­schen Rückzug aus der mili­tä­ri­schen Füh­rungs­rolle; www​.swp​-berlin​.org 07.01.2012

[6], [7] Ulrich Speck: Macht gestalten. Optionen deut­scher Außen­po­litik, Inter­na­tio­nale Politik Januar/​Februar 2012

[8] s. dazu Wie Preußen im Reich

[9] s. dazu Auf Kol­li­si­ons­kurs (II) und Kul­tur­kämpfe

[10], [11] Ulrich Speck: Macht gestalten. Optionen deut­scher Außen­po­litik, Inter­na­tio­nale Politik Januar/​Februar 2012

[12] s. dazu Va Banque und Va Banque (II)

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gelesen: 138 · heute: 2 · zuletzt: 18. Mai 2012

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