QR Code Business Card

Die transatlantische Zukunft

Montag, 20. Februar 2012-16:10 -|- Eingestellt von: |

Von Redak­tion German For­eign Policy | – Berlin/​Washington (Eigener Bericht) — Mit Blick auf die dies­jäh­rige Prä­si­den­ten­wahl in den USA dia­gnos­ti­zieren deut­sche Regie­rungs­be­rater erheb­liche Span­nungen in den Bezie­hungen zwi­schen Berlin und Washington. Hin­ter­grund sind gra­vie­rende ökono­mi­sche Schwie­rig­keiten der Ver­ei­nigten Staaten, die um ein­schnei­dende Spar­maß­nahmen nicht mehr umhin­kommen; zudem ist unklar, wie lange der Dollar seine welt­weite Son­der­stel­lung noch halten kann.

Bereits beim letzten G20-​Gipfel habe sich gezeigt, dass "die Macht­fülle der USA" auf­grund der chro­ni­schen Schwäche ihrer Wirt­schaft "spürbar geschrumpft" sei, urteilt ein Experte von der Deut­schen Gesell­schaft für Aus­wär­tige Politik (DGAP). Die US-​Regierung werde daher wei­terhin Druck auf Deutsch­land und die EU aus­üben, in grö­ßerem Umfang ame­ri­ka­ni­sche Waren abzu­nehmen, und auf einer erheb­lich stär­keren Betei­li­gung an Mili­tär­in­ter­ven­tionen bestehen.

Zudem sei wegen des här­teren US-​Kurses gegen­über Bei­jing damit zu rechnen, dass Washington auf einer for­mellen oder infor­mellen NATO-​Erweiterung nach Asien bestehen werde — zur Ein­krei­sung Chinas.

Eine ver­lo­rene Generation

Hin­ter­grund der aktu­ellen Ver­schie­bungen in den Bezie­hungen zwi­schen Berlin und Washington sind schwer­wie­gende ökono­mi­sche Schwie­rig­keiten in den Ver­ei­nigten Staaten. Wie Josef Braml, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­beiter des Pro­gramms USA/​Transatlantische Bezie­hungen der Deut­schen Gesell­schaft für Aus­wär­tige Politik (DGAP), in einer aktu­ellen Ana­lyse schreibt, habe die Finanz– und Wirt­schafts­krise die USA seit 2008 hart getroffen.

So sei die Arbeits­lo­sig­keit stark gestiegen. Die jün­gere Gene­ra­tion, in "oft­mals maroden Bil­dungs­ein­rich­tungen" nur schlecht aus­ge­bildet, sei nicht in der Lage, "im erfor­der­li­chen Umfang zum Brut­to­na­tio­nal­ein­kommen bei­zu­tragen". Furcht mache sich breit, "dass die Jugend­li­chen von heute einer 'ver­lo­renen Gene­ra­tion' ange­hören könnten". Eine "kleine Elite" erhalte "über­pro­por­tional viel vom Ein­kom­mens­ku­chen", wäh­rend sich "sehr viele mit sehr wenig zufrie­den­geben" müssten.

Unter den OECD-​Staaten klaffe nur in Mexiko und der Türkei die soziale Schere weiter aus­ein­ander. Rund 46 Mil­lionen US-​Amerikaner lebten in Armut, dar­unter ins­be­son­dere afro-​amerikanische und hispa­ni­sche Bevöl­ke­rungs­teile. "In einem Drittel der hispa­ni­schen Haus­halte gibt es nicht mehr genü­gend zu essen", berichtet DGAP-​Experte Braml.

Die deso­late soziale Situa­tion ver­schlim­mere zudem die ökono­mi­sche Per­spek­tive: "Wenn näm­lich stimmt, dass die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft zu zwei Drit­teln durch Nach­frage, also vom Pri­vat­konsum, ange­trieben wird, dann ist die soziale Schief­lage Gift für die wirt­schaft­liche Erholung."[1]

Drei Leit­wäh­rungen

Wie Braml weiter schreibt, betreibe Washington zur Kri­sen­be­wäl­ti­gung der­zeit vor allem zwei­erlei: Export­för­de­rung, um den man­gelnden Inlands­konsum zu ersetzen, und eine "lockere Geld­po­litik", um die Staats­ver­schul­dung per Infla­tio­nie­rung zu lin­dern. Auf die US-​Exportförderung führt Braml das Bestreben der Obama-​Administration zurück, die EU-​Staaten, beson­ders auch Deutsch­land, zur Aus­wei­tung des Inlands­kon­sums und damit auch der Ein­fuhr ame­ri­ka­ni­scher Pro­dukte anzutreiben.

Die lockere Geld­po­litik hin­gegen unter­grabe die Stel­lung des US-​Dollar als welt­weit domi­nie­rende Wäh­rung. Die chi­ne­si­sche Regie­rung, die in den nächsten zehn Jahren Shanghai als inter­na­tio­nales Finanz­zen­trum eta­blieren wolle, strebe danach, die Allein­stel­lung des Dollar als Welt­leit­wäh­rung in der nächsten Zeit zu unter­mi­nieren und die Gleich­rang­keit dreier glo­baler Wäh­rungen zu errei­chen: des Dollar, des Euro und des Ren­minbi. Tat­säch­lich haben China und Japan, die Volks­wirt­schaften Nummer zwei und drei welt­weit, Ende 2011 ver­ein­bart, ihre bila­te­ralen Geschäfte nicht mehr über den Dollar, son­dern direkt abzuwickeln.

Damit könnten sie ihre Wäh­rungs­re­serven, "die sie bis­lang zu einem Gut­teil den USA zur Ver­fü­gung gestellt haben", in Zukunft mehr "zum Wohle der eigenen Volks­wirt­schaften" ein­setzen. Braml weist darauf hin, dass Bei­jing diesen Weg erst zu beschreiten begann, als seine Bemü­hungen end­gültig geschei­tert waren, soge­nannte Spe­cial Dra­wing Rights — "Son­der­zie­hungs­rechte des Inter­na­tio­nalen Währungsfonds" — "als supra­na­tio­nale Reser­ve­wäh­rung auf­zu­bauen". Diesen Ver­such hatten ins­be­son­dere zwei um die eigene Hege­monie bemühte Mächte sabo­tiert — die USA und Deutschland.[2]

Koali­tion der Zahlungswilligen

Berlin werde sich, sagt DGAP-​Experte Braml voraus, in Zukunft einem zuneh­mendem Drängen Washing­tons gegen­über­sehen, dessen Haus­halt, der kri­sen­be­dingt harten Spar­zwängen aus­ge­setzt sei, mit einer stär­keren Betei­li­gung an den glo­balen west­li­chen Mili­tär­in­ter­ven­tionen zu entlasten.

Dies könne durch die Ent­sen­dung einer grö­ßeren Zahl von Sol­daten geschehen, aber auch durch eine stär­kere finan­zi­elle Kriegs­be­tei­li­gung oder zumin­dest durch umfang­rei­chere Inves­ti­tionen in den "lang­fris­tigen Wie­der­aufbau im Irak, in Afgha­nistan und in Libyen". Auch die zukünf­tige US-​Regierung werde sich bemühen, "eine 'Koali­tion der Zah­lungs­wil­ligen' zu schmieden", sagt Braml voraus.

Betei­lige Berlin sich nicht, ris­kiere man, auf die US-​Kriegspläne gar keinen Ein­fluss mehr nehmen zu können: Washington werde dann "seine außen­po­li­ti­schen Ziele auf anderen Wegen durch­setzen, wenn nötig im Alleingang".[3]

Manöver in Südostasien

Die Spar­zwänge beim Militär sind ganz beson­ders auf­grund der sich ver­här­tenden US-​Chinapolitik von Bedeu­tung. Die Ver­ei­nigten Staaten bemühen sich — teils gemeinsam, teils auch in Riva­lität zur Bun­des­re­pu­blik [4] — um eine immer engere Koope­ra­tion mit asia­ti­schen Kon­kur­renten Chinas. Die Bin­dung an Japan etwa soll ver­dichtet werden. Indien haben die USA ein Atom­ab­kommen gewährt und ver­langen dafür "einen hohen Preis": New Delhi müsse "seine eigen­stän­dige und unab­hän­gige Außen­po­litik auf­geben und sich als stra­te­gi­scher Partner der USA als Gegen­ge­wicht zu China (…) positionieren".

Auch die Staaten des süd­ost­asia­ti­schen Bünd­nisses ASEAN würden immer enger an die USA ange­bunden, berichtet Braml: ASEAN begrüße dies, da es die "Hand­lungs­spiel­räume" der Mit­glied­staaten "nicht zuletzt gegen­über China" erwei­tere. Dabei ent­hält die Koope­ra­tion auch eine mili­tä­ri­sche Kom­po­nente. Bereits 2007 hätten, schreibt der DGAP-​Experte, die Ver­ei­nigten Staaten gemeinsam mit Indien, Japan, Sin­gapur und Aus­tra­lien ein See­ma­növer an der Straße von Malakka durchgeführt.

Bei dieser han­delt es sich um eine zen­trale See­han­dels­route zwi­schen China und dem euro­päi­schen Westen. US-​Experten erwar­teten, dass Bei­jing ver­su­chen werde, "die beiden anderen See­wege zum Indi­schen Ozean" zu sichern, die zwi­schen indo­ne­si­schen Inseln ver­lau­fende Sunda– und die gleich­falls indo­ne­si­sche Lombok-​Straße. Dazu müsse China "eine gewisse Mili­tär­prä­senz im See­ge­biet nahe der Nord­küste Aus­tra­liens" aufbauen.[5] Erst unlängst hat US-​Präsident Obama ange­kün­digt, in Nord­aus­tra­lien Spe­zi­al­kräfte des US-​Militärs zu stationieren.[6]

Glo­ba­li­sie­rung der NATO

Betei­ligt sich Berlin schon heute an der Auf­rüs­tung pro­west­li­cher Staaten Süd– und Süd­ost­asiens [7], so werde es, mut­maßt Braml, in Zukunft auch zu gegen China gerich­teten bünd­nis­po­li­ti­schen Vor­stößen der USA Stel­lung beziehen müssen. So for­derten ein­fluss­reiche Kreise in Washington, die NATO habe sich aus einem trans­at­lan­ti­schen Pakt "in eine glo­bale Allianz freier Nationen" zu transformieren.

"Demo­kra­tien wie Japan, Aus­tra­lien und Indien in die NATO ein­zu­binden, würde nicht nur die Legi­ti­mität glo­baler Ein­sätze, son­dern auch die dafür not­wen­digen per­so­nellen und finan­zi­ellen Res­sourcen des Bünd­nisses erhöhen."

Am Ende der Ent­wick­lung könne eine "Allianz der Demo­kra­tien" stehen, ein erwei­terter west­li­cher Kriegs­pakt, der schließ­lich "mit den Ver­einten Nationen kon­kur­rieren oder als Alter­na­tive bereit­stehen" werde. Wie Braml in Erin­ne­rung ruft, hat US-​Präsident Obama den "prominenteste(n) Ver­fechter dieser Idee", Ivo Daalder, zum Bot­schafter der Ver­ei­nigten Staaten bei der NATO ernannt.

Beim NATO-​Gipfel im November 2010 seien neue "Part­ner­schaften" bereits ein zen­trales Thema gewesen. "Sollten die Euro­päer nicht bereit oder fähig sein, die ihnen zuge­dachten Lasten zu schul­tern", erklärt der DGAP-​Experte über erwei­terte mili­tä­ri­sche Akti­vi­täten Deutsch­lands und anderer EU-​Mitglieder, "hätten sie weniger stich­hal­tige Argu­mente gegen eine Glo­ba­li­sie­rung der NATO" — per for­meller Bünd­nis­er­wei­te­rung oder durch eine neue "Allianz der Demokratien".[8]

Stimmen Deutsch­land und die übrigen EU-​Staaten dieser NATO-​Erweiterung jedoch zu, dann ver­liert die deutsch-​europäische Posi­tion im Kriegs­bündnis an Ein­fluss — eine Ent­wick­lung, der Berlin kaum Vor­schub leisten wird.

Quelle: German For­eign Policy

Dieser Artikel unter­liegt dem Copy­right und darf nicht ver­viel­fäl­tigt werden. Mir ist die Wie­der­gabe erlaubt, da ich “GFP” durch ein För­derabo unter­stütze.


[1], [2], [3] Josef Braml: Ame­rika wählt, in: Hanns Seidel Stif­tung: Poli­ti­sche Stu­dien 441, Januar/​Februar 2012

[4] s. dazu Auf nach Asien! (II) und Koali­tion gegen China

[5] Josef Braml: Die "Rück­kehr der USA": Obamas Asi­en­po­litik; ASIEN 122, Januar 2012

[6] s. dazu Das pazi­fi­sche Jahrhundert

[7] s. dazu Kriegs­stra­te­gien (II), Offen­siven gegen China (III) und Ver­bün­dete gegen Beijing

[8] Josef Braml: Die "Rück­kehr der USA": Obamas Asi­en­po­litik; ASIEN 122, Januar 2012

Beitragsdetails

Kommentar-Autor

Kategorie » Politik/Wirtschaft « | Tags » , , , , «

Trackback: Trackback-URL |  Kommentar-Feed: RSS 2.0 | Beitrag drucken |
gelesen: 8305 · heute: 2 · zuletzt: 19. Mai 2012

Kommentare und Pings sind geschlossen.