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Die Wahl der Mittel

Montag, 16. Januar 2012-12:30 -|- Eingestellt von: |

Von Redak­tion German For­eign Policy | — ISLAMABAD/​WASHINGTON/​BERLIN (Eigener Bericht) — Berlin und Washington beant­worten die jüngsten Hin­weise auf einen dro­henden Putsch in Pakistan mit inten­siven Abspra­chen über die gemein­same Politik gegen­über dem Land. In Isla­mabad ist zu hören, das ohnehin mäch­tige Militär wolle mit Blick auf den ange­kün­digten Rückzug des Wes­tens aus Afgha­nistan die Zügel straffer in die Hand nehmen, um seinen Ein­fluss im Nach­bar­land auszuweiten.

Außerdem seien die Gene­räle nicht länger bereit, wider­standslos die kon­ti­nu­ier­liche Ver­let­zung der pakis­ta­ni­schen Sou­ve­rä­nität durch US-​Drohnenattacken sowie NATO-​Luftangriffe hin­zu­nehmen. Auf lange Sicht könnten sich die Streit­kräfte des Landes, die schon jetzt eng mit China koope­rieren, vom Westen abwenden und ein Bündnis mit Bei­jing ein­gehen, ist in Berlin zu hören.

Wäh­rend die USA die EU, vor allem aber Deutsch­land drängen, die Sou­ve­rä­ni­täts­ver­let­zungen in Isla­mabad ver­mit­telnd abzu­fe­dern, warnen ein­fluss­reiche deut­sche Poli­tiker vor einem Über­reizen der US-​Operationen in Pakistan. Man solle unbe­dingt die Zusam­men­ar­beit etwa auf den Fel­dern der Wirt­schaft und der Bil­dung inten­si­vieren. Anders sei der west­liche Ein­fluss in dem Land nicht auf Dauer zu sichern.

Putsch­dro­hungen

Ver­gan­gene Woche haben sich die Hin­weise auf einen mög­li­chen Putsch in Pakistan ver­stärkt. Die Armee, von der Regie­rung in Isla­mabad öffent­lich in scharfer Form atta­ckiert, hat diese vor nicht näher erläu­terten "ernsten Kon­se­quenzen" gewarnt.

Der Pre­mier­mi­nister hat dar­aufhin sei­ner­seits den Staats­se­kretär im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium, einen eins­tigen General und zuletzt eine zen­trale Kon­takt­person zwi­schen Regie­rung und Streit­kräften, ent­lassen. "Das Militär will die Regie­rung los­werden", bilan­ziert ein Beob­achter der pakis­ta­ni­schen Haupt­stadt die Lage.[1]

Kor­re­spon­denten stufen Gene­ral­stabs­chef Ashfak Kayani ohnehin als "wahren Macht­haber im Staate" ein. Aller­dings wollten, heißt es, die Streit­kräfte jetzt ange­sichts des inzwi­schen gestar­teten Rück­zugs des Wes­tens aus Afgha­nistan "auf dem Fah­rer­sitz Platz nehmen und die Geschicke des Landes lenken".[2] Ein Putsch wäre in der noch jungen Geschichte des erst 1947 gegrün­deten Staates Pakistan kei­nes­wegs neu:

Bereits viermal seien dort "Gene­räle an die Macht" gekommen, die alle­samt "mit erstaun­li­cher Bestän­dig­keit von sämt­li­chen ame­ri­ka­ni­schen Regie­rungen gleich wel­cher Cou­leur gehät­schelt und unter­stützt" worden seien, ruft ein lang­jäh­riger CIA-​Mitarbeiter in Erinnerung.[3] Ähnli­ches ließe sich von der bun­des­deut­schen Politik gegen­über Isla­mabad sagen.

Der Kri­cket­star

Beob­achter weisen darauf hin, dass es nicht unbe­dingt zu einem offenen Putsch mit Inthro­ni­sie­rung eines Gene­rals an der Staats­spitze kommen muss. Durchaus mög­lich sei es, dass der pro­mi­nente frü­here Kri­cket­star Imran Khan den aktu­ellen Staats­prä­si­denten ersetze. Khan übt offene Kritik vor allem an den Droh­nen­at­ta­cken der USA in Pakistan und ist auch des­halb im Land höchst beliebt.[4]

Dar­über hinaus gilt er als Mann des Mili­tärs und wird von Experten in Europa und den USA als im Grunde pro­west­lich beschrieben.[5] Letzte Woche hat er sich bei einem ein­fluss­rei­chen US-​Think-​Tank vor­ge­stellt; bereits zuvor ist er zu Gesprä­chen unter anderem in London gewesen. Beob­achter weisen außerdem darauf hin, dass der ehe­ma­lige pakis­ta­ni­sche Staats­prä­si­dent Pervez Mus­harraf in der letzten Woche ange­kün­digt hat, noch diesen Januar nach Pakistan zurück­kehren zu wollen.

Der Putsch­ge­neral, der wäh­rend seiner Amts­zeit von 2001 bis 2008 — wenn auch unter mas­sivem Druck — mit dem Westen koope­rierte, hat im Herbst unter anderem Washington zu Ver­hand­lungen bereist. Gegen Mus­harraf liegt in Pakistan ein Haft­be­fehl vor, wes­halb seine Rück­kehr durchaus erstaunt.

Deutsch­land als Mittler

Inten­sive Abspra­chen zwi­schen Washington und Berlin begleiten die bedroh­liche Ent­wick­lung in Isla­mabad. Letzte Woche hielt sich der US-​Botschafter in Pakistan in Berlin auf und trat bei einem exklu­siven "Expert Round Table" der Deut­schen Gesell­schaft für Aus­wär­tige Politik (DGAP) auf.

Pakistan betrachte inzwi­schen "vor allem seinen großen Nach­barn China als lang­fris­tigen Partner", hieß es bei der DGAP; man müsse des­halb sehr sorg­fältig dar­über nach­denken, wie "die west­liche Gemein­schaft Pakistan an ihrer Seite halten" könne.[6]

Bereits im November hatte der lang­jäh­rige CIA-​Mann und heu­tige Regie­rungs­be­rater Bruce Riedel bei der DGAP Gespräche geführt. Er ließ sich mit der Auf­fas­sung zitieren, Washington müsse sich zwar Gewalt­ak­tionen auf pakis­ta­ni­schem Ter­ri­to­rium offen­halten und dazu dau­er­haft über Mili­tär­basen in Afgha­nistan ver­fügen. Doch solle dies stärker mit diplo­ma­ti­schen Akti­vi­täten ver­bunden werden, um den pakis­ta­ni­schen Wider­stand gegen die ekla­tante Miss­ach­tung der Sou­ve­rä­nität des Landes abzumildern.

Immer wieder heißt es in Washington, zu diesem Zweck könne Europa einen Bei­trag leisten, vor allem Deutsch­land, weil es — in Pakistan ebenso wie in vielen anderen Län­dern — sich mili­tä­risch nicht so stark expo­niere — und dar­über hinaus als west­li­cher Gegenpol zu den Ver­ei­nigten Staaten gelte.

Mili­tär­prä­senz am Hindukusch

Ein­fluss­reiche Ber­liner Poli­tiker rea­gieren darauf mit Skepsis. So weist die ver­tei­di­gungs­po­li­ti­sche Spre­cherin der FDP-​Bundestagsfraktion darauf hin, dass sich bereits der deut­sche Son­der­ge­sandte für Afgha­nistan und Pakistan, Michael Steiner, schon längst um Ver­mitt­lung bemüht — ohne großen Erfolg.

Isla­mabad habe ange­sichts der anhal­tenden Ver­let­zung seiner Sou­ve­rä­nität ange­kün­digt, an seiner Grenze zu Afgha­nistan eine Luft­ab­wehr zu instal­lieren, "die sich dann gegen Ein­dring­linge aus Afgha­nistan richten soll, also in erster Linie gegen US-​amerikanische Hubschrauber".[7] Der "Dreh– und Angel­punkt" seien letzt­lich "die bila­te­ralen Ver­hand­lungen zwi­schen Afgha­nistan und den Ver­ei­nigten Staaten über die lang­fris­tige Prä­senz der US-​Streitkräfte".

Nicht nur Pakistan habe kei­nerlei Inter­esse an dau­er­haften US-​Stützpunkten knapp jen­seits seiner Grenzen. Das­selbe treffe auch auf Iran, Russ­land und China zu. Eine "lang­fris­tige US-​Präsenz" in Afgha­nistan sei ein­deutig "kon­tra­pro­duktiv", urteilt Hoff. Sie ver­schweigt, dass auch Ber­liner Poli­tiker eine bun­des­deut­sche Mili­tär­prä­senz auf Dauer in Afgha­nistan befür­worten (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [8]).

Bünd­nis­op­tionen

Um Pakistan nicht mit kon­ti­nu­ier­li­cher Ver­let­zung seiner staat­li­chen Sou­ve­rä­nität end­gültig aus der west­li­chen Ein­fluss­sphäre zu treiben — ein Schritt, dem sich auch pro­west­liche Kräfte in Isla­mabad, dar­unter Mili­tärs, kaum auf die Dauer ver­wei­gern könnten -, plä­diert Hoff für eine trans­at­lan­ti­sche Ein­flus­sin­itia­tive auf den Fel­dern Wirt­schaft und Bildung.

Man könne "Märkte für pakis­ta­ni­sche Pro­dukte öffnen", "die ökono­mi­schen Kon­takte ver­tiefen", auch dazu bei­tragen, die pakis­ta­ni­schen Ener­gie­pro­bleme "mit­hilfe unserer Erneu­er­baren zu lösen", oder "Ein­la­dungen an junge Stu­denten im Rahmen von Aus­tausch­pro­grammen" aussprechen.[9] Ein der­ar­tiges Vor­gehen sei geeignet, das pakis­ta­ni­sche Esta­blish­ment dau­er­haft an den Westen zu binden.

Den Hin­ter­grund der Befürch­tung, Pakistan könne bünd­nis­po­li­tisch in Rich­tung China abgleiten, beleuchtet die Tat­sache, dass Bei­jing nicht nur einen Mari­ne­stütz­punkt in dem Land errichtet — in Gwadar weit im pakis­ta­ni­schen Westen -, son­dern dass die pakis­ta­ni­schen Streit­kräfte inzwi­schen sogar gemein­same Manöver mit Truppen aus China durch­führen — ein deut­li­ches Signal, dass Isla­mabad sich eine östliche Bünd­nis­op­tion für die Zukunft offenhält.

Quelle: German For­eign Policy

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[1], [2] Pre­mier reizt Pakis­tans Armee; www​.sued​deut​sche​.de 12.01.2012

[3] Bruce Riedel: Nach Abbot­tabad, Inter­na­tio­nale Politik Januar/​Februar 2012

[4] Pre­mier reizt Pakis­tans Armee; www​.sued​deut​sche​.de 12.01.2012

[5] Imran Khan: Pakistan's Come­back Kid; blogs​.cfr​.org 31.10.2011

[6] Der gefähr­lichste Staat der Welt? Pakistan zwi­schen allen Fronten, www​.dgap​.org

[7] "Im Moment befinden wir uns in einer hoch­kri­ti­schen Phase". Inter­view mit Elke Hoff, sicher­heits­po­li­ti­sche Spre­cherin der FDP-​Fraktion, Inter­na­tio­nale Politik Januar/​Februar 2012

[8] s. dazu Nach­sor­ge­ele­mente und Zum Schei­tern verurteilt

[9] "Im Moment befinden wir uns in einer hoch­kri­ti­schen Phase". Inter­view mit Elke Hoff, sicher­heits­po­li­ti­sche Spre­cherin der FDP-​Fraktion, Inter­na­tio­nale Politik Januar/​Februar 2012

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