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Eigentlich gute Zeiten (aus rechtlichen Gründen nennen wir es Satire)

Sonntag, 12. Februar 2012-14:36 -|- Eingestellt von: |

Von Peter Reuter | The Intel­li­gence | — Tja, wie soll ich es ihnen wohl sagen, damit sie mich nicht falsch ver­stehen. Ich finde, wir leben in guten Zeiten. Beru­higen sie sich doch, ich meine dies wirk­lich so, es ist mein voller Ernst. Das Nach­denken, mein Nach­denken, es führte nach einigen Umwegen gera­de­wegs zu dieser Erkenntnis.

Dieses Land, sehr geehrte Damen und Herren, es erlebt mehr als gute Zeiten. Ich gebe durchaus zu, dass man manchmal einen anderen Ein­druck haben kann. Trotzdem bleibe ich dabei – mehr als gute Zeiten.

Denken sie doch nur daran, welch schwie­rige Situa­tionen wir in der letzten Zeit gemeis­tert haben. Die Regie­rung hat durch die Ände­rung der Ren­ten­ge­setzte ohne rich­ter­li­chen Beschluss ein „lebens­läng­lich“ ver­hängt, an alle abhän­gigen Lohn­steu­er­zah­le­rinnen und Lohn­steu­er­zahler. Was ist danach pas­siert, eine Revo­lu­tion, ein Auf­stand oder zumin­dest eine ange­mel­dete Demons­tra­tion außer­halb der Bann­meile? Nichts, absolut nichts ist pas­siert. Von Gefan­ge­nen­re­volte ist über­haupt nichts zu spüren.

Peter Ram­sauer, den Namen kennen sie viel­leicht, er will ver­su­chen, die Ver­kehrs­sün­der­datei zu refor­mieren. Aus der Erfah­rung der letzten Jahre spei­send ist zu ver­muten, selbst das Über­queren einer Straße am Zebra­streifen mit grünem Signal für Fuß­gänger, es wird zu einem Offi­zi­al­de­likt erhoben, wel­ches eine mehr­jäh­rige Gefäng­nis­strafe nach sich ziehen kann. Keine Oppo­si­ti­ons­be­we­gung besetzt die Auto­bahn, keine Volks­be­we­gung for­dert die Abset­zung dieses Fuß­gän­ger­has­sers. Wir nehmen es frau– und mann­haft auf uns – weil sonst alles in Ord­nung ist.

Selbst ein State­ment von Frau von der Leyen, welche spür­bare Lohn­er­hö­hungen for­dert, wir ertragen es in den Nach­richten und halten es nicht für eine Pro­gramm­vor­schau auf einen sati­ri­schen Abend. Wir, sie, ich – wir halten auch die Ursel aus.

Auch das Gene­ral­spon­so­ring, wel­ches die Bun­des­re­gie­rung für den not­lei­denden und global ope­rie­renden Ban­ken­sektor über­nommen hat, kein Arsch küm­mert sich mehr darum. Wir haben alle akzep­tiert, dass unsere Regie­rung nur das tut, was Herr Acker­mann als Vor­sit­zender der Ban­ken­ver­ei­ni­gung mag. Scheinbar halten es auch die meisten als nicht mehr als richtig.

Unser Ver­fas­sungs­schutz über­prüft mit umfas­senden geheim­dienst­li­chen Mit­teln gewählte Volks­ver­tre­te­rinnen und Volks­ver­treter, alles in bester Ord­nung in diesem Land. Die Ver­fas­sung unseres Ver­fas­sungs­schutzes ist erste Sahne, alles was rechts ist. Die anderen gewählten Volks­ver­treter, sie werden eben­falls über­wacht, merken es bloß nicht, die finden das alles in Ord­nung – so wie der Ver­fas­sungs­schutz mit diesem Land, mit uns umgeht. Tolle Sache, ehrlich.

Jetzt haben sie und ich, ver­ehrte Leserin, ver­ehrter Leser, den in etwa glei­chen Wis­sens­stand, dass mit diesem Land alles in Ord­nung ist. Die letzte noch zu klä­rende Frage lautet nur noch, warum halten wir das alles bloß aus. Haha, auch hier kann ich ihnen eine nicht zu kna­ckende Tat­sa­chen­be­grün­dung ser­vieren. Wir richten uns an Vor­bil­dern, besser gesagt, wir richten uns an einem alles in den Schatten stel­lenden Vor­bild auf.

Damit meine ich nie­manden anders als unseren Bun­des­prä­si­denten, den Herrn Chris­tian Wulff aus Nie­der­sachsen, zur­zeit in Berlin lebend. Er ist der Son­nen­strahl, das Vor­bild, der Stark­ma­cher, die deut­sche Vari­ante eines Genies der Genies, ich gehe so weit zu sagen, unsere spe­zi­elle Aus­füh­rung eines geliebten Füh­rers, unsere ger­ma­ni­sche Ver­sion des „Kim Jong Un“.

Dieser Hoff­nungs­geber der Werk­tä­tigen, diese Güte des Lebens, er beweist uns tag­täg­lich, dass man als Poli­tiker alles machen darf, dass man sich als Poli­tiker auch durchaus erwi­schen lassen darf, dass man grund­sätz­lich auf Kosten anderer Urlaub machen sollte, dass man Kre­dite am besten als Geschenk emp­fängt und das man trotzdem immer weiter macht – mit miss­ver­ständ­li­chen Erklä­rungen, mit nicht ernst­ge­meinten Kor­rek­turen, mit immer wei­teren Fett­näpf­chen, welche es zu betreten gilt, eben mit satter Pen­si­ons­zu­sage ein­fach weiter macht, als wäre dies alles normal.

Und solange unsere Regie­rung der Mei­nung ist, dass es sich bei Herrn Wulff um einen tadels­freien Ver­treter der „Nahe-​beim-​Markt-​Generation“ han­delt, wel­cher sich immer nach bestem Wissen und Gewissen ver­hält, und solange wir uns das gefallen lassen, so lange ist in diesem Land alles in bester Ord­nung. Darum sind dies eigent­lich gute Zeiten.

In diesem Sinne…

Quelle: The Intel­li­gence

Bild: Paul Moore /​Pho­tox­press

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Vielen Dank!

© Peter Reuter

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Kategorie » Politik/Wirtschaft, Satire/Glosse/Humor « | Tags » , , , , «

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gelesen: 110 · heute: 2 · zuletzt: 19. Mai 2012

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