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Eine Untergrundarmee

Dienstag, 29. November 2011-12:20 -|- Eingestellt von: |

Von Redak­tion German For­eign Policy | – BERLIN (Eigener Bericht) — Recherchen im Umfeld der Neonazi-​Terrorgruppe NSU lie­fern neue Hin­weise auf Ver­bin­dungen zu einem berüch­tigten Rechts­ter­ro­risten der 1970er Jahre. Dem­nach haben Jenaer Neo­nazis, die im Ver­dacht stehen, den NSU unter­stützt zu haben, nach einem Treffen mit dem eins­tigen Chef der "Wehr­sport­gruppe Hoff­mann" über Spreng­stoffe und "Bau­an­lei­tungen" diskutiert.

Die Polizei habe damals gemut­maßt, es stehe ein Anschlag auf eine Par­la­men­ta­rierin der Partei "Die Linke" bevor. Mit­glieder der "Wehr­sport­gruppe Hoff­mann" haben bereits im Jahr 1980 meh­rere Morde verübt; Beob­achter wollten darin den Ver­such aus­ma­chen, mit einer "Stra­tegie der Span­nung" den Ruf nach einem "starken Mann" zu forcieren.

Ähnli­ches ver­suchte zum dama­ligen Zeit­punkt der ita­lie­ni­sche Ableger einer kon­spi­ra­tiven Unter­grund­armee der NATO ("Gladio"), die auch in der Bun­des­re­pu­blik tätig war und im Falle eines Ein­marschs der real­so­zia­lis­ti­schen Staaten sub­ver­sive Akti­vi­täten ent­falten sollte — Sabo­tage, aber auch bewaff­nete Aktionen.

Einst kur­sierten in der Orga­ni­sa­tion, deren Exis­tenz strikt geheim­ge­halten wurde und in die bis in die 1980er Jahre mut­maß­lich Neo­nazis ein­ge­bunden waren, auch Todes­listen mit den Namen kom­mu­nis­ti­scher und sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Politiker.

Mord­an­schläge

Recher­chen im Umfeld der Neonazi-​Terrorgruppe NSU lie­fern neue Hin­weise auf Ver­bin­dungen zu einem berüch­tigten Rechts­ter­ro­risten. Dem­nach haben Neo­nazis aus Jena, die in den 1990er Jahren gemeinsam mit den spä­teren NSU-​Terroristen auf­traten und ver­däch­tigt werden, sie auch wei­terhin unter­stützt zu haben, im Sep­tember 2010 einem Treffen mit Karl-​Heinz Hoff­mann beigewohnt.[1] Abhör­maß­nahmen zeigten damals, dass die Jenaer Neo­nazis nach ihrem Treffen mit Hoff­mann über hoch­ex­plo­sive Spreng­stoffe und "Bau­an­lei­tungen" diskutierten.

Die Polizei rech­nete mit einem Anschlag auf eine Par­la­men­ta­rierin der Partei "Die Linke". Hoff­mann war in den 1970er Jahren Anführer einer Wehr­sport­gruppe, der meh­rere Mörder ent­stammten: Gun­dolf Köhler, der 1980 das Oktoberfest-​Attentat ver­übte, oder auch Uwe Beh­rendt, der wenig später in Erlangen den jüdi­schen Ver­leger Shlomo Levin und dessen Lebens­ge­fährtin Frieda Poeschke umbrachte.

Hoff­manns Wehr­sport­gruppe unter­hielt in den 1970er Jahren auch Kon­takte zu einem Neo­nazi, der mut­maß­lich dem Netz­werk "Stay Behind Orga­niza­tion" ange­hörte, das vom Bun­des­nach­rich­ten­dienstes (BND) betrieben wurde.

Stay Behind

Die Bezie­hungen der Neonazi-​Szene zur "Stay Behind Orga­niza­tion" (SBO, auch unter der Bezeich­nung "Gladio" bekannt) sind inzwi­schen zumin­dest in Ansätzen doku­men­tiert. Bei der SBO han­delte es sich dem Bericht eines Insi­ders zufolge um "eine geheime, para­mi­li­tä­risch orga­ni­sierte Truppe" unter dem Dach der NATO, die im Westen Europas bestand und den Auf­trag hatte, sich im Falle eines sowje­ti­schen Ein­marschs "über­rollen" zu lassen.

Zu ihren regu­lären Auf­gaben gehörten Sabo­ta­ge­akte gegen even­tu­elle real­so­zia­lis­ti­sche Besat­zungs­kräfte sowie anti­kom­mu­nis­ti­sche Pro­pa­ganda. "Stay Behind" wurde vom Brüs­seler NATO-​Hauptquartier gesteuert; die Tätig­keit vor Ort über­nahmen die natio­nalen Geheim­dienste. Dazu gehörte das Anwerben zivilen Per­so­nals sowie das Anlegen geheimer Lager­stätten etwa für Funk­ge­räte, Waffen und Sprengstoff.

"Wir bil­deten die unterste Ebene", berichtet ein ehe­ma­liger "Stay Behind"-Mann aus dem Bun­des­nach­rich­ten­dienst (BND), "und sorgten dafür, dass unsere zivilen Helfer im Kriegs­fall Zugriff auf Depots mit Waffen, Spreng­stoff, Funk­ge­räten und Finanzen hatten und damit auch umgehen konnten."[2]

Todes­liste

Die ersten Anfänge der geheim­dienst­lich gesteu­erten Unter­grund­armee, deren Exis­tenz bis 1990 neben den Betei­ligten nur wenigen aus­ge­wählten Regie­rungs­mit­glie­dern bekannt war und erst nach dem Ende des Kalten Krieges ins Bewusst­sein der Öffent­lich­keit drang, sind für Anfang der 1950er Jahre belegt. Orga­ni­sa­to­ri­scher Rahmen war der 1950 gegrün­dete "Bund Deut­scher Jugend" (BDJ), der 1951 eine Unter­ab­tei­lung namens "Tech­ni­scher Dienst" (TD) aufstellte.

Dem BDJ-​TD gehörten vor allem ehe­ma­lige Sol­daten der Wehr­macht und der SS an; Ziel war es, sich auf einen even­tu­ellen Unter­grund­krieg gegen die Sowjet­armee vor­zu­be­reiten. Finan­ziert vor allem von US-​Dienststellen, legte der BDJ-​TD geheime Waf­fen­lager an und führte ille­gale Wehr­sport­übungen durch. Er galt als ein Sam­mel­be­cken von Neo­nazis. Man habe die Auf­gabe gehabt, "im Fall eines rus­si­schen Vor­mar­sches Sabo­ta­ge­akte durch­zu­führen und Brü­cken zu sprengen", berich­tete ein Aussteiger.

Die Übungen umfassten "Ver­neh­mungs­tech­niken, Schießen, die Anwen­dung von Spreng­stoffen, das Auf­stellen von Fallen, Kom­mu­ni­ka­tion per Funk und Tötungsmethoden".[3] Ins­be­son­dere ver­fügte der BDJ-​TD über eine soge­nannte Proskriptionsliste.

Darauf waren Per­sonen ver­zeichnet, die bei Bedarf exe­ku­tiert werden sollten — Kom­mu­nisten, Gewerk­schafter und Sozi­al­de­mo­kraten. Nachdem die Akti­vi­täten der Orga­ni­sa­tion 1952 bekannt geworden waren und die Ver­ei­ni­gung damit nutzlos geworden war, wurde sie 1953 verboten.

Vom BND übernommen

Die "Stay Behind"-Aktivitäten aber wurden nach dem Verbot des BDJ-​TD kei­nes­wegs auf­ge­geben, son­dern vom deut­schen Aus­lands­ge­heim­dienst über­nommen — zunächst von der Orga­ni­sa­tion Gehlen, dann vom 1956 gegrün­deten Bun­des­nach­rich­ten­dienst. Der BND führte sie fort, bis 1990 die Bun­des­re­gie­rung ankün­digte, sie 1991 ein­stellen zu wollen.

Noch Ende der 1980er Jahre sollen mit der Betreuung von über 100 Zivi­listen, die für sub­ver­sive Tätig­keiten bereit­ge­halten wurden, 26 haupt­amt­liche BND-​Mitarbeiter befasst gewesen sein. Für den Höhe­punkt des Kalten Kriegs nennt der ehe­ma­lige "Stay Behind"-Mann Nor­bert Juretzko "bis zu 75 Haupt­amt­liche des Geheim­dienstes und 500 Helfer".[4] Unter ihnen befanden sich mut­maß­lich auch Neonazis.

Waf­fen­lager

Pro­mi­nentes Bei­spiel war der NPD-​Aktivist Heinz Lembke aus Öcht­ringen in der Nähe von Uelzen (Lüne­burger Heide). Lembke war in den 1960er und 1970er Jahren in ver­schie­denen Ver­ei­ni­gungen der Neonazi-​Szene aktiv. Im Oktober 1981 wurde in der Lüne­burger Heide ein rie­siges Waf­fen­lager gefunden, das sich in seinem Besitz befand.

Beob­achter waren damals über die schiere Masse des Kampf­ma­te­rials scho­ckiert: "Auf einem Areal, groß wie 125 Fuß­ball­plätze", hieß es in Berichten, waren unter anderem über 150 Kilo­gramm Spreng­stoff, über 2.000 Spreng­kap­seln, 50 Pan­zer­fäuste, mehr als 250 Hand­gra­naten, 13.500 Schuss Muni­tion, zahl­reiche Schuss­waffen und diverse töd­liche Gifte versteckt.[5]

Lembke wurde inhaf­tiert, kün­digte an aus­zu­sagen, wurde aber unmit­telbar davor erhängt in seiner Zelle auf­ge­funden. Experten gehen davon aus, dass er Mit­glied der "Stay Behind"-Armee war. Dafür spricht nicht nur, dass er ange­geben hatte, die Waffen gehortet zu haben, um im Falle eines sowje­ti­schen Ein­mar­sches kämpfen zu können. Auch belegen von der Stasi abge­fan­gene Funk­sprüche, dass eine "Stay Behind"-Gruppe in unmit­tel­barer Nähe zu Lembkes Wohnort aktiv gewesen ist.

Laut Recher­chen des Publi­zisten Tobias von Heymann wurde diese Gruppe mehr­fach von der BND-​Zentrale auf­ge­for­dert, "Mate­ri­al­ver­stecke" anzulegen.[6] Auch Lembkes Beruf — er war Förster in einem abge­le­genen Ort — passt in das "Stay Behind"-Profil. Der BND könnte Klar­heit schaffen, ver­wei­gert dies jedoch bis heute.

Zur Ver­fü­gung

Beson­dere Bri­sanz besitzt das "Mate­ri­al­ver­steck", weil Neo­nazis im Jahr 1980 angaben, Lembke habe ihnen Waffen und Spreng­stoff ange­boten. "Er sagte, er habe viele Waf­fen­ver­stecke voll mit der­ar­tigem Mate­rial und dass er eine Menge davon zur Ver­fü­gung stellen könne", berich­tete 1980 ein Mit­glied der Neonazi-​Terrorclique "Deut­sche Akti­ons­gruppen": "Herr Lembke sagte uns, dass er Leute im Gebrauch von Spreng­stoffen und explo­siven Geräten ausbilde."[7]

Trotz der Aus­sage, die unmit­telbar nach dem Okto­ber­festat­tentat gemacht wurde, einem Neonazi-​Mord mit 13 Toten, gingen die Fahnder dem Hin­weis auf Lembke nicht nach; Unter­su­chungen wurden erst ein­ge­leitet, als Wald­ar­beiter im Oktober 1981 sein Waf­fen­lager ent­deckt hatten. Darin war ein Fin­ger­ab­druck von Peter Nau­mann zu finden, einem ehe­ma­ligen Neonazi-​Terroristen, der einst gemeinsam mit Lembke einen Spreng­stoff­an­schlag in Ita­lien verübt hatte.

Nau­mann legte im Jahr 1995 13 Waffen– und Spreng­stoff­de­pots offen, über die er nach eigenen Angaben seit Anfang der 1980er Jahre ver­fügte. Die Her­kunft des darin gela­gerten Mate­rials ist bis heute ungeklärt.

Stra­tegie der Spannung

Experten schließen nicht aus, dass auch beim Okto­ber­festat­tentat Mate­rial aus Lembkes Beständen benutzt wurde. Offi­ziell heißt es, das Attentat sei von einem "Ein­zel­täter" begangen worden. Der Täter hatte der zuvor ver­bo­tenen "Wehr­sport­gruppe Hoff­mann" ange­hört; Beob­achter gehen davon aus, dass er kei­nes­wegs allein gehan­delt hat.

Immer wieder wird das Attentat, das nur wenige Tage vor der Bun­des­tags­wahl vom 5. Oktober 1980 verübt wurde, mit der "Stra­tegie der Span­nung" in Ver­bin­dung gebracht, wie sie in Ita­lien von dor­tigen "Stay Behind"-Strukturen prak­ti­ziert wurde: Mit Anschlägen sollten Angst ver­breitet und der Ruf nach einem "starken Mann" geför­dert werden, um die Linke zu schwä­chen. Die "Wehr­sport­gruppe Hoff­mann", wel­cher der Oktoberfest-​Attentäter ange­hört hatte, war — wie viele Neonazi-​Organisationen — von V-​Männern des Ver­fas­sungs­schutzes durchsetzt.

Weil die poli­zei­liche und juris­ti­sche Unter­su­chung des Anschlags als äußerst ver­ne­belnd galt und die "Einzeltäter"-Hypothese geringe Akzep­tanz findet [8], wurde schon oft ver­langt, neue Ermitt­lungen auf­zu­nehmen. Dieser For­de­rung hat sich mit Blick auf die aktu­ellen Ent­hül­lungen über die Neonazi-​Terrorgruppe NSU vor wenigen Tagen der Münchner Stadtrat ange­schlossen — ohne Gegenstimme.

Quelle: German For­eign Policy

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[1] Wehrsportgruppen-​Hoffmann im Visier der Ermittler; www​.welt​.de 27.11.2011

[2] Nor­bert Juretzko mit Wil­helm Dietl: Bedingt dienst­be­reit. Im Herzen des BND — die Abrech­nung eines Aus­stei­gers, Berlin 2004

[3] Daniele Ganser: NATO-​Geheimarmeen in Europa. Insze­nierter Terror und ver­deckte Krieg­füh­rung, Zürich 2008

[4] Nor­bert Juretzko mit Wil­helm Dietl: Bedingt dienst­be­reit. Im Herzen des BND — die Abrech­nung eines Aus­stei­gers, Berlin 2004

[5] Es ist Wolfs­zeit; Der Spiegel 46/​1981

[6] Das Okto­ber­festat­tentat war kein Werk eines Ein­zel­tä­ters; www​.heise​.de 26.07.2010

[7] Daniele Ganser: NATO-​Geheimarmeen in Europa. Insze­nierter Terror und ver­deckte Krieg­füh­rung, Zürich 2008

[8] Tobias von Heymann: Die Oktoberfest-​Bombe, Berlin 2008

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