QR Code Business Card

Einflusskampf am Nil (III)

Dienstag, 10. Januar 2012-12:36 -|- Eingestellt von: |

Von Redak­tion German For­eign Policy | — KAIRO/​BERLIN (Eigener Bericht) — Die Affäre um die zeit­wei­lige Schlie­ßung der Kai­roer Filiale der Konrad-​Adenauer-​Stiftung wirft ein Schlag­licht auf die ver­deckte deut­sche Außen­po­litik. Wie die Stif­tung bestä­tigt, kann sie nach mas­siven Inter­ven­tionen Ber­lins ihre Arbeit in der ägyp­ti­schen Haupt­stadt wieder aufnehmen.

Zuvor hatte das dor­tige Mili­tär­re­gime, das demo­kra­ti­schen Pro­test immer bru­taler unter­drückt, im Zuge einer Razzia gegen zahl­reiche Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen auch die Filiale der Adenauer-​Stiftung still­ge­legt. Die par­tei­nahen Stif­tungen spielen eine wich­tige Rolle bei den Bemü­hungen Ber­lins, im Ver­lauf der Umwäl­zungen in den Län­dern Nord­afrikas den eigenen Ein­fluss zu verstärken.

Die Adenauer-​Stiftung hatte zu diesem Zweck neue Kon­takte zu Kreisen der Oppo­si­tion auf­ge­baut und sich ins­be­son­dere um kon­ser­vativ isla­mi­sche Kräfte bemüht. Wie alle anderen Par­tei­en­stif­tungen wird sie zum über­wie­genden Teil aus dem Staats­etat finan­ziert; sie han­delt in Abstim­mung mit den Ber­liner Ministerialbürokratien.

Ihre Akti­vi­täten im kon­ser­vativ isla­mi­schen Milieu erfolgen zu einer Zeit, da die Ver­ei­nigten Staaten eine engere Koope­ra­tion mit der Mus­lim­bru­der­schaft in die Wege leiten.

Bru­tale Repression

Wie die Konrad-​Adenauer-​Stiftung bestä­tigt, kann ihr Kai­roer Büro seine Tätig­keit nach mas­siven Inter­ven­tionen Ber­lins wieder auf­nehmen. Das ägyp­ti­sche Mili­tär­re­gime hatte die Zweig­stelle Ende Dezember durch­sucht und vor­läufig still­ge­legt — gemeinsam mit 16 wei­teren tat­säch­li­chen wie auch angeb­li­chen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen aus Ägypten und dem Ausland.

Hin­ter­grund ist die seit geraumer Zeit erheb­lich zuneh­mende Repres­sion, mit der das Mili­tär­re­gime demo­kra­ti­sche Pro­teste nie­der­hält. Beob­achter warnen, in nächster Zeit könnten wei­tere Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen, die das immer bru­ta­lere Vor­gehen von Polizei und Militär kri­ti­sieren, mit Gerichts­ver­fahren über­zogen werden.

Die herr­schenden Offi­ziere haben einem ges­tern publi­zierten Bericht zufolge in den letzten neun Monaten mehr Zivi­listen vor die Mili­tär­justiz gestellt als der ehe­ma­lige Staats­prä­si­dent Husni Mubarak in 30 Jahren. In den Haft­an­stalten wird weiter gefol­tert, zwi­schen Oktober und Dezember wurden min­des­tens 84 Men­schen bei Stra­ßen­pro­testen umgebracht.[1] Ob das Militär seine Macht durch die künf­tige Ver­fas­sung Ägyp­tens beschränken lassen wird, muss als zumin­dest zwei­fel­haft gelten.

Instru­mente der Außenpolitik

Unter den Ver­ei­ni­gungen, die Ende Dezember mit Repres­sa­lien über­zogen wurden, kann die CDU-​nahe Konrad-​Adenauer-​Stiftung kei­nes­wegs als echte Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tion gelten. Wie die anderen par­tei­nahen Stif­tungen erhält sie ihre Mittel über­wie­gend aus staat­li­chen Haus­halten — laut eigenen Angaben zu 96,8 Prozent.

Ihre Tätig­keit im Aus­land ist mit den Minis­te­ri­al­bü­ro­kra­tien der Bun­des­re­gie­rung abge­stimmt. Vor­sit­zender ist der eins­tige Prä­si­dent des Euro­pa­par­la­ments Hans-​Gert Pöt­te­ring (CDU); dem Vor­stand gehört unter anderem Bun­des­kanz­lerin Angela Merkel an. In ähnli­cher Weise staats­fi­nan­ziert und mit den natio­nalen Minis­te­ri­al­bü­ro­kra­tien ver­knüpft sind das National Demo­cratic Insti­tute for Inter­na­tional Affairs und das Inter­na­tional Repu­blican Insti­tute, die den beiden großen US-​Parteien nahe­stehen. Ihre Außen­stellen in Kairo wurden im Dezember eben­falls stillgelegt.

Das ägyp­ti­sche Büro der Konrad-​Adenauer-​Stiftung hat dieses Jahr beson­ders davon pro­fi­tiert, dass die Bun­des­re­gie­rung kurz nach dem Beginn der Umbrüche in Nord­afrika die Aus­wei­tung der Mittel für die Tätig­keit der par­tei­nahen Stif­tungen dort beschlossen hat — mit dem Ziel, ihre Stel­lung in der undurch­sich­tigen Lage durch umfas­sende Vor­feld­tä­tig­keit zu stabilisieren.

Dass die par­tei­nahen Stif­tungen im Gewand angeb­li­cher Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen Inter­essen eines fremden Staates ver­treten — der ehe­ma­lige Bun­des­prä­si­dent Roman Herzog hat sie einst die "wirk­samsten Instru­mente der deut­schen Außen­po­litik" genannt [2] -, erleich­tert es dem Kai­roer Mili­tär­re­gime, Ver­dacht auch gegen tat­säch­liche Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen zu schüren.

Das Gefühl, gehört zu werden

Im ver­gan­genen Jahr hat sich die Konrad-​Adenauer-​Stiftung unter anderem bemüht, Kon­takte zur ägyp­ti­schen Oppo­si­tion auf­zu­bauen. Diverse Ver­an­stal­tungen der Orga­ni­sa­tion rich­teten sich etwa an kri­ti­sche Jour­na­listen und Schrift­steller sowie junge Akti­visten der Mas­sen­pro­teste von Anfang 2011. Die Stif­tung führte meh­rere Fort­bil­dungen für "Nach­wuchs­po­li­tiker" durch, um Jugend­li­chen "Wege der Par­ti­zi­pa­tion" aufzuzeigen.

In Umbruch­si­tua­tionen gelte es Oppo­si­tio­nellen "das Gefühl" zu ver­mit­teln, "dass sie von uns gehört werden, dass wir auf sie auf­passen, dass wir ihnen Kurse anbieten, dass wir ihnen bei­stehen", hatte der Leiter der Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz, Wolf­gang Ischinger, ein eins­tiger hoch­ran­giger Diplomat, zu Jah­res­be­ginn 2011 die Auf­gaben der par­tei­nahen Stif­tungen erläutert.

Tat­säch­lich haben deut­sche Stif­tungen auf diese Weise bereits mehr­fach in der Ver­gan­gen­heit Kon­takte zu Poli­ti­kern auf­ge­baut, die sich als unge­mein hilf­reich erwiesen, als diese aus der Oppo­si­tion an die Regie­rung gekommen waren (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [3]).

Islam und Marktwirtschaft

Einen wei­teren Schwer­punkt in der Kai­roer Stif­tungs­tä­tig­keit bil­dete die Aus­ein­an­der­set­zung mit kon­ser­vativ isla­mi­schen Milieus. Die kon­ser­vativ christ­lich geprägte Stif­tung könne, erklärte etwa ihr Vor­sit­zender Hans-​Gert Pöt­te­ring im März in Kairo, "einen Weg auf­zeigen, wie sich reli­giöser Wer­te­bezug mit einer modernen demo­kra­ti­schen Partei ver­ein­baren" lasse. Ihm gegen­über habe ein Akti­vist der Mus­lim­bru­der­schaft bestä­tigt, er könne sich eine "soziale Markt­wirt­schaft" isla­mi­scher Prä­gung "sehr gut vorstellen".

An Kon­zepten, die eine Ver­ein­bar­keit markt­wirt­schaft­li­cher Sys­teme west­li­chen Cha­rak­ters mit einer kon­ser­vativ isla­mi­schen Welt­an­schauung pos­tu­lieren, arbeitet die Stif­tung bereits seit geraumer Zeit (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [4]). Hinzu kam wäh­rend der Umbrüche des ver­gan­genen Jahres das Bemühen, die ver­brei­tete For­de­rung nach Über­nahme isla­mi­scher Rechts­grund­sätze in die ägyp­ti­sche Ver­fas­sung abzufedern.

Auch in einem Staat, der in seiner Ver­fas­sung einen isla­mi­schen Cha­rakter fest­schreibe, könne zum Bei­spiel "eine voll­stän­dige Gleich­be­rech­ti­gung der christ­li­chen Bevöl­ke­rung gewähr­leistet werden", hieß es nach einer Tagung der Stif­tung im Mai.[5] Ganz beson­ders bemühte sich die Orga­ni­sa­tion um "poli­ti­sche Bil­dung für Imame", denen sie als einer "gesell­schaft­lich wich­tigen Mul­ti­pli­ka­to­ren­gruppe" eine deut­lich her­aus­ra­gende Rolle zuschreibt.[6]

Kurs­wechsel

Die Bedeu­tung der Kon­takte zu kon­ser­vativ isla­mi­schen Kreisen lässt nicht nur das Ergebnis der jüngsten Wahlen erkennen, bei denen die Partei der Mus­lim­bru­der­schaft, die Partei der Frei­heit und Gerech­tig­keit (Freedom and Justice Party, FJP), einen hohen Sieg erzielte und gemeinsam mit der sala­fis­ti­schen Nur-​Partei auf fast zwei Drittel der Stimmen kam.

Jüngsten Medi­en­be­richten zufolge bereiten die USA einen Kurs­wechsel in Ägypten vor und ori­en­tieren auf eine Koope­ra­tion mit der Mus­lim­bru­der­schaft. Es gebe schon seit einiger Zeit hoch­ran­gige Gespräche, heißt es unter Beru­fung auf Regie­rungs­kreise. Da die Mus­lim­bru­der­schaft bereit sei, sich zu mäßigen, stehe einer Zusam­men­ar­beit im Grund­satz nichts mehr im Weg.[7]

Wegen der Stärke isla­mis­ti­scher Kräfte sei auch in Tune­sien, in Libyen und in Marokko ein ent­spre­chender Kurs­wechsel nicht aus­zu­schließen. Dazu passen die Annä­he­rungen der Konrad-​Adenauer-​Stiftung an kon­ser­vativ isla­mi­sche Milieus.

Dop­pel­stra­tegie

Gleich­zeitig debat­tieren Ber­liner Regie­rungs­be­rater über Schritte zur lang­fris­tigen Schwä­chung der Mus­lim­bru­der­schaft, die zum Bei­spiel über Bil­dungs­maß­nahmen ein­ge­leitet werden sollen: Ziel ist es, tra­di­tio­nelle Anhänger der Orga­ni­sa­tion quasi abzu­werben, indem ihnen Zugang zu alter­na­tiven Quellen im Bil­dungs– und Sozi­al­wesen ermög­licht wird (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [8]).

Die poli­ti­sche Bil­dung jedoch ist ein tra­di­tio­nelles Feld der par­tei­nahen Stif­tungen wie der Konrad-​Adenauer-​Stiftung. An ihrer unge­hin­derten Tätig­keit in Ägypten liegt Berlin viel.

Quelle: German For­eign Policy

Teil 1 des Arti­kels: Ein­fluss­kampf am Nil

Teil 2 des Arti­kels: Ein­fluss­kampf am Nil (II)

Dieser Artikel unter­liegt dem Copy­right und darf nicht ver­viel­fäl­tigt wer­den. Mir ist die Ver­öf­fent­li­chung erlaubt, da ich “GFP” durch ein För­derabo unter­stütze.


[1] Year of Rebel­lion: State of Human Rights in the Middle East and North Africa, Amnesty Inter­na­tional 09.01.2012

[2] s. dazu "Wirk­samste Instru­mente der deut­schen Außenpolitik

[3] s. dazu Die deut­sche Doppelstrategie

[4] s. dazu Ein­fluss­kampf am Nil (II)

[5] Reli­gion und Ver­fas­sung; www​.kas​.de 25.05.2011

[6] Poli­ti­sche Bil­dung für Imame; www​.kas​.de 17.07.2011

[7] Over­tures to Egypt's Isla­mists Reverse Long­time U.S. Policy; www​.nytimes​.com 04.01.2012

[8] s. dazu Rote Linien

Beitragsdetails

Kommentar-Autor

Kategorie » Politik/Wirtschaft « | Tags » , , , , , , , , , , , , , , «

Trackback: Trackback-URL |  Kommentar-Feed: RSS 2.0 | Beitrag drucken |
gelesen: 114 · heute: 2 · zuletzt: 20. Mai 2012

Kommentare und Pings sind geschlossen.