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Erika Steinbach: „Die Nazis waren eine linke Partei“

Samstag, 04. Februar 2012-12:13 -|- Eingestellt von: |

Von Jacob Jung | Jacob Jung Blog 2.2.12 | — Seit ges­tern Abend sorgt ein Twitter-​Statement der CDU-​Bundestagsabgeordneten Erika Stein­bach für Auf­sehen. Die umstrit­tene Poli­ti­kerin und Prä­si­dentin des Bund der Ver­trie­benen teilte dort mit, dass die NSDAP eine linke Partei war.

Schon in der Ver­gan­gen­heit war Stein­bach häu­figer auf­grund ihrer Äuße­rungen über eine angeb­liche pol­ni­sche Mobi­li­sie­rung im Jahr 1939 kri­ti­siert worden. Seit sie vor zwei Monaten die sozialen Netze für sich ent­deckte, hat sich die Fre­quenz ihrer Pro­vo­ka­tionen deut­lich erhöht.

Erika und das Netz

Seit Anfang Dezember 2011 ver­fügt Erika Stein­bach über einen Twitter Account und hat seitdem bereits knapp 1.500 Tweets von sich gegeben. Seit Anfang diesen Jahres hat sie CDU-​Politikerin und Prä­si­dentin des BdV ihre Akti­vi­täten in Sachen soziale Netze auf Face­book aus­ge­dehnt und hier bis­lang 432 „Freunde“ um sich versammelt.

Ges­tern sorgte eine Twit­ter­mel­dung von Stein­bach für Auf­sehen, nicht nur in der Netz­ge­meinde. Gegen 18 Uhr konnte man dort von ihr lesen:

„Irrtum. Die NAZIS waren eine linke Partei. Ver­gessen? Natio­nal­SO­ZIA­LIS­TI­SCHE deut­sche ARBEITERPARTEI…..“

Nun ist Erika Stein­bach nicht gerade für aus­glei­chende Äuße­rungen im Sinne der Völ­ker­ver­stän­di­gung bekannt. Schon 1991 stimmte sie im Bun­destag gegen die Aner­ken­nung der Oder-​Neiße-​Grenze und begrün­dete ihre Ableh­nung unter anderem mit der Aussage:

„Man kann nicht für einen Ver­trag stimmen, der einen Teil unserer Heimat abtrennt.“

Ihre Hal­tung stieß vor allem in Polen auf Empö­rung und Wider­stand. Die Eltern von Erika Stein­bach, die sich selber gerne als Ver­trie­bene geriert, waren näm­lich erst nach dessen Anne­xion durch die Nazis nach Rumia in Polen gezogen. Der pol­ni­sche Außen­mi­nister Radoslaw Sikorski sagte über sie: „die mit Hitler in unser Land kam und mit Hitler wieder gehen musste“.

Im März 2009 ver­öf­fent­lichte die pol­ni­sche Tages­zei­tung „Rzecz­pos­po­lita“ eine Umfrage, in der 38 Pro­zent der befragten Polen erklärten, dass Erika Stein­bach bei ihnen Ängste aus­löse. Noch grö­ßere Furcht bestand danach nur vor Wla­dimir Putin, für den sich 56 Pro­zent der Befragten entschieden.

Ins­ge­samt erweckt Erika Stein­bach im In– und im Aus­land den Ein­druck, sie wolle den Natio­nal­so­zia­lismus ver­harm­losen. Die zitierte Twitter-​Nachricht, in der sie die NSDAP als linke Partei dar­stellt, ist nicht nur frei von jeg­li­chem poli­ti­schen und his­to­ri­schen Ver­stand. Sie setzt auch jenen Teil der Nazi-​Propaganda fort, in dem sich Hitler und seine Schergen des Begriffs des Sozia­lismus bemäch­tigten, um damit das angeb­liche Ein­treten für „Gleich­heit“ zu suggerieren.

Unter dem vor­der­grün­digen Deck­mantel einer ver­meint­lich gerechten Ver­tei­lung von Gütern und Chancen wurde ein faschis­ti­sches Ter­ror­re­gime instal­liert, unter dem Mil­lionen von Men­schen ver­folgt, unter­drückt und ver­nichtet wurden. Wenn Stein­bach hierin ein Zei­chen linker poli­ti­scher Posi­tionen erkennt, dann will sie ent­weder popu­lis­tisch pro­vo­zieren oder es fehlt ihr an den grund­le­gendsten Fähig­keiten zur Ein­schät­zung poli­ti­scher und his­to­ri­scher Vorgänge.

Vor dem Hin­ter­grund der Tat­sa­chen, dass es sich bei ihr um eine Abge­ord­nete des deut­schen Bun­des­tages han­delt und dass sie bereits in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach dem Vor­wurf der „Geschichts­klit­te­rung“ aus­ge­setzt war, ist ihre Äuße­rung bei Twitter mehr als bedenk­lich. Die umstrit­tene Wir­kung von Erika Stein­bach ist dabei eng mit ihrer Arbeit für den „Bund der Ver­trie­benen“ (BdV) verknüpft.

Bund der Ver­trie­benen (BdV)

Seit 1998 ist Erika Stein­bach Prä­si­dentin des „Bund der Ver­trie­benen“ (BdV). Der Ver­band ver­tritt die Inter­essen der von Flucht, Ver­trei­bung und Aus­sied­lung betrof­fenen Deut­schen. Er ent­stand im Oktober 1957 im Rahmen eines Zusam­men­schlusses des „Bundes der ver­trie­benen Deut­schen“ (BVD) und des „Ver­bands der Lands­mann­schaften“ (VdL). In den ersten 20 Jahren des BdV bil­deten ehe­ma­lige NS-​Funktionäre und Mit­glieder der SS die Mehr­heit der aktiven Mit­glieder und Funktionäre.

Am 1. Februar 2010 bezif­ferte die BdV-​Generalsekretärin Michaela Hri­ber­siki die Mit­glie­der­zahl im Ver­band auf zwei Mil­lionen. Dem wider­spricht eine Recherche der Nach­rich­ten­agentur ddp vom Jah­res­be­ginn 2010, die im Rahmen einer Tele­fon­um­frage bei den Lan­des­ver­bänden ins­ge­samt nur rund 550.000 Mit­glieder recherchiert.

Der Deutsch­land­funk berichtet am 5. Januar 2010 von internen Auf­stel­lungen, wonach ledig­lich 100.000 Per­sonen Bei­träge an den BdV zahlen. Die Frank­furter All­ge­meine Zei­tung gibt im Januar 2010 an, dass die offi­zi­elle Mit­glie­der­zeit­schrift des Ver­bandes „Deut­scher Ost­dienst“ nur in einer Auf­lage von etwa 2.000 Exem­plaren erscheint.

Der His­to­riker und Autor Erich Später, Mit­ar­beiter der Heinrich-​Böll-​Stiftung, sieht in den geschönten Mit­glie­der­zahlen „einen Ver­such, die Öffent­lich­keit für dumm zu ver­kaufen“ und macht darauf auf­merksam, dass der BdV alleine im Jahr 2009 mit 16 Mil­lionen Euro aus Bun­des­mit­teln geför­dert wurde.

Er wirft dem Ver­band vor, mit „frei erfun­denen“ Mit­glie­der­zahlen „über die zuneh­mende orga­ni­sa­to­ri­sche und per­so­nelle Aus­zeh­rung des BdV hin­weg­zu­täu­schen“ und schätzt die Anzahl aktiver Mit­glieder im Februar 2010 auf „höchs­tens noch 25.000“.

Pol­ni­sche Mobil­ma­chung 1939

Im Herbst 2010 geriet der BdV auf­grund von Äuße­rungen der beiden Ver­bands­funk­tio­näre Arnold Tölg und Hartmut Saenger in die Kritik. Tölg hatte im Januar 2000 in einem Inter­view mit der Wochen­zei­tung „Junge Frei­heit“ in Bezug auf die NS-​Geschichte gesagt, dass „gerade die Länder, die am mas­sivsten For­de­rungen gegen uns richten“ genü­gend „Dreck am Ste­cken“ hätten. Saenger ver­öf­fent­lichte im August 2009 einen Artikel in der „Pom­mer­schen Zei­tung“, in dem er Polen vor­warf, nach dem Ersten Welt­krieg „beson­ders krie­ge­risch“ auf­ge­treten zu sein.

Tölg soll außerdem gesagt haben, dass Polen bereits im März 1939 mobil gemacht hatte und dass der deut­sche Angriff auf Polen nur der zweite Schritt gewesen sei.

Den beiden Funk­tio­nären wurde vor­ge­worfen, deut­sche Ver­bre­chen zu rela­ti­vieren. Der Mann­heimer His­to­riker Peter Stein­bach sprach in diesem Zusam­men­hang von Thesen, „die vor allem in einer rechten Geschichts­be­trach­tung gang und gäbe“ seien. Der Gene­ral­se­kretär des Zen­tral­rats der Juden, Ste­phan Kramer, warf Tölg und Saenger „revan­chis­ti­sche Posi­tionen“ vor.

Am 8. Sep­tember 2010 kam es in einer Vor­stands­sit­zung der Unions-​Bundestagsfraktion zu einer Aus­ein­an­der­set­zung über die Äuße­rungen der beiden Funk­tio­näre. Kul­tur­staats­mi­nister Bernd Neu­mann dis­tan­zierte sich dabei aus­drück­lich von den Stand­punkten von Tölg und Saenger. Erika Stein­bach soll nach einem Bericht der Zei­tung „Die Welt“ dar­aufhin beide in Schutz genommen und hierzu gesagt haben:

„Ich kann es auch leider nicht ändern, dass Polen bereits im März 1939 mobil gemacht hat.“

In der­selben Sit­zung soll Erika Stein­bach bereits mit der Frak­ti­ons­füh­rung in Kon­flikt geraten sein, als sie den Umgang der Par­tei­füh­rung mit Thilo Sar­razin und dessen Inte­gra­ti­ons­thesen als „grot­ten­schlecht“ kri­ti­sierte und hierfür vom Frak­ti­ons­vor­sit­zenden Volker Kauder scharf zurecht­ge­wiesen wurde.

Stein­bachs Äuße­rung zur angeb­li­chen pol­ni­schen Mobil­ma­chung stieß inner­halb und außer­halb ihrer Frak­tion auf scharfe Kritik. So sagte der stell­ver­tre­tende Vor­sit­zende der Unions-​Bundestagsfraktion, Andreas Schockenhoff:

„Es muss klar sein, dass es hier nicht um Mei­nungs­ver­schie­den­heiten, son­dern Geschichts­klit­te­rung geht. Eine solche Mei­nung hat in der Frak­tion und der Partei keinen Platz.“

Thomas Opper­mann (SPD) bezeich­nete Stein­bachs Äuße­rung als „uner­träg­lich“ und warf ihr vor, „sich außer­halb des demo­kra­ti­schen Kon­senses in Deutsch­land“ zu stellen. Cor­nelia Pieper (FDP) sagte: „Ich halte Äuße­rungen, die die Ver­ant­wor­tung Nazi-​Deutschlands für den Aus­bruch des Zweiten Welt­krieges rela­ti­vieren, für sehr gefähr­lich“.

Volker Beck (Bündnis90/​Die Grünen) for­derte: „Die Union muss sich klar von Stein­bach dis­tan­zieren und auch per­so­nelle Kon­se­quenzen ziehen“. Ulla Jelpke (DIE LINKE) kri­ti­sierte: „Stein­bachs Rela­ti­vie­rung der deut­schen Kriegs­schuld ent­spricht der Logik von Hit­lers Lüge, „ab 5 Uhr 45 wird zurück­ge­schossen““.

Ori­en­tie­rungs­schwäche

Auf der Face­book Seite von Erika Stein­bach konnte man am 31. Januar 2012 um 15.07 Uhr nachlesen:

Ziel der Linken ist es, Rechts­ex­tre­mismus mit kon­ser­vativ gleich­zu­setzen. Das bekämpfe ich!“

Einige Stunden später, um 20.00 Uhr, äußerte sie sich dort über den CSU-​Generalsekretär Alex­ander Dobrindt und seine umstrit­tene For­de­rung, künftig alle Abge­ord­neten der Links­partei vom Ver­fas­sungs­schutz beob­achten zu lassen und ein Verbot der Partei in Erwä­gung zu ziehen:

„Alex­ander Dobrindt hat nicht nur eine neue Brille son­dern inzwi­schen ist er auf Kampf­ge­wicht zurück­ge­kehrt. Das merkt man deut­lich. Attacke auf die Links­partei. Warum regen sich so viele dar­über auf. Links­außen und Rechts­außen sind glei­cher­maßen schäd­lich für die Demo­kratie. Ich bin für Dobrindt!“

Regel­mä­ßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich mich regel­mäßig mit Äuße­rungen und Posi­tionen kon­ser­va­tiver Poli­tiker aus­ein­an­der­setze. Selbst wenn ich mich hierbei mit Ver­tre­tern wie Hans-​Peter Uhl, Joa­chim Herr­mann oder Alex­ander Dobrindt beschäf­tige, käme ich nicht auf den Gedanken, diese im Rechts­ex­tre­mismus zu ver­orten oder ihnen rechts­ra­di­kale Posi­tionen zu unterstellen.

Der Rechts­ex­tre­mismus in Deutsch­land spielt sich in der NPD, in rechten Kame­rad­schaften und in rechts­ra­di­kalen Terror-​Zellen ab und muss von allen, die sich zur Demo­kratie bekennen, glei­cher­maßen abge­lehnt und bekämpft werden. Kon­ser­va­tive Poli­tiker sind von einem bestimmten Welt– und Men­schen­bild geleitet.

Ihre Vor­stel­lungen über die Ver­tei­lung von Gütern und Chancen und über das Zusam­men­leben in der Gesell­schaft wei­chen erheb­lich von meinen Idealen ab. Dieser Umstand macht sie für mich zwar zu poli­ti­schen Geg­nern, aller­dings nicht zu Nazis.

In keiner offi­zi­ellen Stel­lung­nahme oder Ver­laut­ba­rung der Links­partei werden kon­ser­va­tive Poli­tiker mit Rechts­ex­tre­misten gleich­ge­setzt. Umge­kehrt lässt es sich dagegen immer häu­figer fest­stellen, dass die Ver­treter kon­ser­va­tiver Par­teien die Posi­tionen der Linken als extre­mis­tisch dif­fa­mieren und so ver­su­chen, die Partei zu kriminalisieren.

Wenn Erika Stein­bach bei Face­book nun behauptet, es sei das Ziel der Linken, „Rechts­ex­tre­mismus mit kon­ser­vativ gleich­zu­setzen“, dann han­delt es sich hierbei nicht nur um eine bewusste poli­ti­sche Lüge. Es kenn­zeichnet viel eher die Stra­tegie der Kon­ser­va­tiven gegen­über den Ver­tre­tern der Linkspartei.

Erika Stein­bach bestä­tigt diesen Ein­druck durch zahl­reiche Pos­tings, Kom­men­tare und Äuße­rungen. Auf dem neben­ste­henden, von ihrem Handy hoch­ge­la­denen Bild, das sie am 31. Januar um 13.34 Uhr bei Face­book ver­öf­fent­licht hat, werden NPD, Antifa und Links­partei gleich­ge­setzt. Stein­bach kom­men­tiert hierzu:

„Egal ob links oder rechts!! In beiden Strö­mungen gibt es Gewalt, Demo­kra­tie­feind­lich­keit und Antisemitismus.“

Deut­li­cher kann sie nicht zeigen, dass es offen­sicht­lich ihr erklärtes Ziel ist, Links­ex­tre­mismus mit links gleich­zu­setzen und damit exakt so zu han­deln, wie sie es der Links­partei anlasslos vorwirft.

Quelle: Jacob Jung Blog

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