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Europa: Am Rande des Abgrunds, aber deutsch

Mittwoch, 01. Februar 2012-14:46 -|- Eingestellt von: |

Von Redak­tion German For­eign Policy | Berlin/​Brüssel (Eigener Bericht) — Mit dem neuen euro­päi­schen "Fis­kal­pakt" ver­fes­tigt Berlin die deut­sche Prä­gung fast des gesamten Kon­ti­nents. Der Ver­ein­ba­rung, die eine rigide Spar– ideo­logie insti­tu­tio­na­li­siert und die Regie­rungen aller betei­ligten Länder zu strikter Aus­te­ri­täts­po­litik zwingt, stimmten zu Wochen­be­ginn 25 der ins­ge­samt 27 EU-​Mitgliedstaaten zu.

Sie "beugten" sich damit der deut­schen Kanz­lerin, wie die deut­sche Presse sorg­fältig ver­merkt. Nur Groß­bri­tan­nien und die Tsche­chi­sche Repu­blik ver­wei­gerten sich dem deut­schen Diktat.

Den­noch nimmt die Kritik an der Kri­sen­po­litik der Bun­des­re­gie­rung euro­pa­weit zu. Berlin lege "kon­se­quent Veto gegen die ein­zigen Stra­te­gien ein", die "der Euro­krise Herr werden" könnten, heißt es in einem Bei­trag in der Lon­doner "Times", der die Debatte in meh­reren euro­päi­schen Haupt­städten befeuert.

Hin­ter­grund ist, dass das Ber­liner Spar­diktat Grie­chen­land über eine fatale ökono­mi­sche Abwärts­spi­rale sys­te­ma­tisch in den Abgrund reißt und auch wei­tere euro­päi­sche Staaten schwer zu schä­digen droht. IWF und Welt­bank warnen mitt­ler­weile vor einer harten Rezes­sion in der Euro­zone. Einige der Maß­nahmen, mit denen Berlin die Krise bewäl­tigen zu wollen vor­gibt, nutzen vor allem den wohl­ha­benden Staaten der EU, dar­unter Deutschland.

Der Fis­kal­pakt

Die Regeln des neuen "Fis­kal­pakts" ver­pflichten alle unter­zeich­nenden EU-​Staaten zur Ein­füh­rung soge­nannter Schul­den­bremsen nach deut­schem Vor­bild. Sie sollen die künf­tige struk­tu­relle Neu­ver­schul­dung auf 0,5 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) begrenzen.

Bei Ver­stößen drohen Sank­ti­ons­ver­fahren vor dem Euro­päi­schen Gerichtshof, die Strafen in Höhe von 0,1 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung des betrof­fenen Landes nach sich ziehen können. Defi­zit­ver­fahren gegen ein­zelne Länder können künftig schneller umge­setzt werden, da die Unter­zeich­ner­staaten kein Veto mehr ein­legen dürfen.

Der Spar­kom­missar

Unmit­telbar vor dem Gipfel hatte vor allem die deut­sche For­de­rung nach Ein­set­zung eines "EU-​Sparkommissars", der die Kon­trolle über die Haus­halts­po­litik in Athen über­nehmen sollte, euro­pa­weit für Pro­teste gesorgt. In einem Stra­te­gie­pa­pier, das den Titel "Siche­rung der Füg­sam­keit" trug, hatte die Bun­des­re­gie­rung nichts Gerin­geres als die umfas­sende Ent­mün­di­gung Grie­chen­lands gefordert.

Ihm sollte die Zustän­dig­keit für den Kern­be­reich staat­li­cher Sou­ve­rä­nität — die eigene Haus­halts­po­litik — ent­rissen werden (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [1]). Die grie­chi­sche Regie­rung erklärte unver­züg­lich, es sei "aus­ge­schlossen", dies zu akzep­tieren: "Diese Kom­pe­tenzen fallen unter natio­nale Souveränität."[2]

Grie­chi­sche Medien erin­nerten mit Blick auf die Beset­zung Grie­chen­lands durch Nazi­deutsch­land an die dama­ligen "Gau­leiter", wäh­rend in der Bun­des­re­pu­blik der Hin­weis auf die deut­sche Gewalt­ge­schichte weithin auf Empö­rung stieß. Nur der Vor­sit­zende der oppo­si­tio­nellen Links­partei, Klaus Ernst, räumte ein: "In Grie­chen­land erin­nern sich die Men­schen bei sol­chen Vor­schlägen, gerade wenn sie aus Deutsch­land kommen, ganz auto­ma­tisch an den dun­kelsten Teil ihrer Geschichte."[3]

Vor einem allzu aggres­sivem Vor­gehen Deutsch­lands warnten der öster­rei­chi­sche Bun­des­kanzler Werner Fay­mann, der darauf hin­wies, man solle "nie­manden in der Politik belei­digen", und der luxem­bur­gi­sche Außen­mi­nister Jean Assel­born, der riet: "Ich denke dass das größte Land in der Euro­päi­schen Union, Deutsch­land, etwas vor­sich­tiger sein sollte."[4]

Mittel zum Zweck

Neben dem unge­zü­gelten deut­schen Groß­macht­chau­vi­nismus [5] ist es vor allem die kon­krete, von Berlin durch­ge­setzte Kri­sen­po­litik, die in Europa den Unwillen gegen­über der deut­schen Hege­monie immer stärker anschwellen lässt.

"Das Grund­pro­blem" bei der Kri­sen­be­wäl­ti­gung, ana­ly­sierte unlängst die bri­ti­sche "Times", liege mitt­ler­weile "im Ver­halten der deut­schen Poli­tiker und Zen­tral­banker": Nicht nur lege Berlin "kon­se­quent Veto gegen die ein­zigen Stra­te­gien ein, die der Euro­krise hätten Herr werden können — kol­lek­tive euro­päi­sche Garan­tien für natio­nale Staats­an­leihen und aus­ge­dehntes Ein­greifen der Euro­päi­schen Zentralbank".

"Zu allem Übel" sei Deutsch­land dar­über hinaus "ver­ant­wort­lich für fast alle irrigen Stra­te­gien, die die Euro­zone bisher ein­ge­setzt" habe — "ange­fangen bei den ver­rückten Zins­satz­er­hö­hungen durch die EZB im ver­gan­genen Jahr bis zu den exzes­siven For­de­rungen nach Spar­maß­nahmen und den Bank­ver­lusten, die nun Grie­chen­land mit einem chao­ti­schen Zah­lungs­aus­fall bedrohen".[6]

Jüngst warnte der ita­lie­ni­sche Minis­ter­prä­si­dent Mario Monti Deutsch­land offen vor einer "kräf­tigen Rück­wir­kung", sollte Berlin sich wei­terhin Maß­nahmen ent­ge­gen­stellen, "die den finan­zi­ellen Druck auf andere Euro-​Mitglieder erleich­tern könnten".

Aller­dings hat es gerade die weithin als ökono­misch in höchstem Maße schäd­lich ein­ge­stufte Politik der Bun­des­re­gie­rung ermög­licht, fast alle EU-​Staaten zum Ein­lenken gegen­über dem deut­schen Diktat und zur Unter­wer­fung unter ein "deut­sches Europa" zu zwingen (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [7]).

Abwärts­spi­rale

Die desas­trösen Folgen des deut­schen Spar­dik­tats offen­baren sich vor allem in Grie­chen­land, das auf­grund der von Berlin erzwun­genen Kahl­schlag­po­litik am Abgrund steht. Dass das exzes­sive Sparen in eine ver­häng­nis­volle ökono­mi­sche Abwärts­spi­rale und per­spek­ti­visch zum Staats­bank­rott führt, ist seit langem bekannt [8] und durch die dra­ma­ti­sche grie­chi­sche Ent­wick­lung hin­rei­chend empi­risch belegt.

Die von Berlin und Brüssel oktroy­ierten Spar­pa­kete ließen die staat­liche und die pri­vate Nach­frage in Grie­chen­land dra­ma­tisch ein­bre­chen; dies löste eine sich selbst ver­stär­kende Schrumpf­be­we­gung aus, bei der die zusam­men­bre­chende Kon­junktur die Staats­ein­nahmen weiter redu­zierte, das rasch wach­sende Arbeits­lo­sen­heer jedoch die Staats­aus­gaben in die Höhe trieb.

Das Ergebnis ist wohl­be­kannt: 2009, vor Beginn der Spar­pro­gramme, bewegte sich die grie­chi­sche Staats­ver­schul­dung bei rund 120 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts, der­zeit ist sie auf rund 163 Pro­zent des BIP ange­stiegen und soll nun dank des Schul­den­schnitts bis zum Jahr 2020 wieder auf rund 120 Pro­zent des BIP absinken — also exakt auf das Niveau, auf dem sie sich vor Beginn der "Spar­maß­nahmen" befand.

Erfolg­reich gespart

Dabei hat Athen die Spar­pro­gramme in den ver­gan­genen Jahren ent­gegen hier­zu­lande ver­brei­teten Behaup­tungen sehr kon­se­quent und damit "erfolg­reich" umge­setzt. Zwi­schen 2009 und 2011 wurde das struk­tu­relle Staats­de­fizit in Athen um rekord­ver­däch­tige 11,4 Pro­zent des BIP gesenkt, wäh­rend es in Spa­nien nur um 6,2 Pro­zent und in Irland nur um vier Pro­zent ver­rin­gert wurde.

Zum Ver­gleich: Zwi­schen 2003 und 2007, in den vier Jahren der Imple­men­tie­rung der "Agenda 2010", sank das struk­tu­relle Haus­halts­de­fizit in Deutsch­land um 2,6 Pro­zent — nicht einmal ein Viertel des grie­chi­schen Werts in der dop­pelten Zeit. Dass Athen jüngst einen wei­teren Finanz­be­darf von 15 Mil­li­arden Euro anmelden musste, liegt daran, dass das Spar­diktat Grie­chen­land in die erwähnte tiefe Rezes­sion trieb, die nun schon vier Jahre anhält und sich weiter verstärkt.

Das grie­chi­sche BIP schrumpfte 2008 um 0,2 Pro­zent, 2009 und 2010 um 3,3 respek­tive 3,5 Pro­zent, 2011 sogar um 5,5 Pro­zent. Ein Ende dieses von Berlin maß­geb­lich ver­ur­sachten Desas­ters, das mit einem schweren Pau­peri­sie­rungs­schub ein­her­geht, ist nicht in Sicht. Statt­dessen for­dern Ber­liner Poli­tiker wei­tere "Reformen": "Für Reform­still­stand gibt es kein Geld", erklärt etwa der CSU-​Vorsitzende Horst Seehofer.[9]

Geld für die Reichen

Das Ber­liner Spar­diktat lässt nicht nur die Lage auch in anderen süd­eu­ro­päi­schen Staaten, etwa in Spa­nien und Por­tugal, auf ganz ähnliche Weise eska­lieren, es wurde nun auf Betreiben Ber­lins im Rahmen des Fis­kal­pakts sogar für fast alle EU-​Staaten ver­bind­lich institutionalisiert.

Dabei geht mitt­ler­weile die gesamte Euro­zone auf­grund der deut­schen Kri­sen­po­litik in Rezes­sion über; dies bestä­tigen nun der Inter­na­tio­nale Wäh­rungs­fonds (IWF) und die Welt­bank. Die grie­chi­sche Abwärts­spi­rale droht damit auch wei­teren Län­dern der EU

Wie Berlin die Lage zu sta­bi­li­sieren trachtet, lässt sich inzwi­schen deut­lich erkennen: Unmit­telbar nach der Abseg­nung des Fis­kal­pakts in Brüssel wurde bekannt, dass die EZB den euro­päi­schen Finanz­markt mit Liqui­dität in bis­lang unge­kanntem Ausmaß über­fluten wird:

Bis zu einer Bil­lion — tau­send Mil­li­arden — Euro wollen die euro­päi­schen Wäh­rungs­hüter am 29. Februar den Banken zum Mini­mal­zins von einem Pro­zent auf drei Jahre zur Ver­fü­gung stellen, um sie zum Erwerb der weitaus höher ver­zinsten Staats­an­leihen im Euro­raum zu motivieren.

Von der ersten der­ar­tigen EZB-​Geldflutung im Dezember 2011 in Höhe von rund 500 Mil­li­arden Euro pro­fi­tierte in erster Linie das ökono­mi­sche Zen­trum der Euro­zone rund um Deutsch­land, wäh­rend die kri­sen­ge­schüt­telten Staaten der süd­li­chen Euro-​Peripherie weitaus gerin­geren Nutzen aus ihr zogen.

Unge­wisse Zukunft

Aktuell berichtet außerdem die Wirt­schafts­presse, dass der Umfang des EU-"Rettungsschirms" nahezu ver­drei­facht werden soll.[10] Hierbei werden die Mittel im pro­vi­so­ri­schen Ret­tungs­fonds EFSF und dem dau­er­haften Sta­bi­li­täts­me­cha­nismus (ESM) zusam­men­ge­führt. Zu den rund 1.000 Mil­li­arden Euro, die dadurch ange­häuft werden, soll der IWF wei­tere 500 Mil­li­arden bei­steuern, 150 davon als euro­päi­sche Kredite.

Für die rest­li­chen 350 Mil­li­arden würden, heißt es, Staaten außer­halb der Euro­zone in Anspruch genommen. Etliche von diesen haben aller­dings Vor­be­halte (Groß­bri­tan­nien, Bra­si­lien) oder sogar rundweg Ableh­nung (USA) signa­li­siert. Das Ber­liner Va Banque-​Spiel geht damit wei­terhin einer höchst unge­wissen Zukunft entgegen.

Quelle: German For­eign Policy

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[1] s. dazu Ein klein wenig Dik­tatur (II)

[2] Bri­santes Doku­ment: Berlin will Athen ent­mün­digen; die​presse​.com 28.01.2012

[3] Linke-​Chef Ernst gemahnt Kanz­lerin Merkel an den Zweiten Welt­krieg; www​.focus​.de 30.01.2012

[4] Der Spar­kom­missar ver­giftet Ret­tungs­de­batte; www​.han​dels​blatt​.com 30.01.2012

[5] s. auch Jetzt wird Deutsch gesprochen

[6] Ana­tole Kaletsky: Expel Ger­many, not Greece, to save the euro; The Times 18.01.2012

[7] s. dazu Va Banque und Va Banque (II)

[8] s. dazu Steil abwärts

[9] Auf­passer für die Grie­chen? www​.br​.de 29.01.2012

[10] Super-​Rettungsschirm im Anflug; www​.ftd​.de 31.01.2012

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gelesen: 208 · heute: 2 · zuletzt: 20. Mai 2012

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