"Fremdbestimmt im eigenen Land"
Dienstag, 07. Februar 2012-12:39 -|- Eingestellt von: Julie |
Von Redaktion German Foreign Policy | – Sankt Augustin (Eigener Bericht) — Eine von einem Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesfinanzministerium geleitete "Deutschtums"-Organisation unterhält Kontakte in die äußerste Rechte.
Der "Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland" (VDA) hat einen Professor zu seinem Landesvorsitzenden in Baden-Württemberg ernannt, der in Verlagen der extremen Rechten publizierte und eine einst das südafrikanische Apartheid-Regime unterstützende Organisation anführt.
Vorsitzender des VDA, der noch weitere Exponenten rechtslastiger Vereinigungen zu seinen Funktionsträgern zählt, ist Hartmut Koschyk (CSU), Parlamentarischer Staatssekretär bei Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Der VDA ist auch außerhalb der Bundesrepublik aktiv und versucht in Ost– und Südosteuropa, aber auch in Lateinamerika und Afrika deutschsprachige Minderheiten stärker auf die Bundesrepublik auszurichten.
Er wirkt etwa auf die deutschsprachige Minderheit Polens ein — mit dem Ziel, die "Identität" der "deutschen Volksgruppe" und damit deren Sonderstellung gegenüber nicht deutschsprachigen Bürgern des Landes zu wahren.
"Deutschtums"-Kontaktstelle
Der VDA, ein bereits 1881 gegründeter "Deutschtums"-Verein, der sich erst 1998 von "Verein für das Deutschtum im Ausland" in "Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland" umbenannte, hat seinen Sitz in Sankt Augustin (Nordrhein-Westfalen) unweit der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn. Laut Eigenangaben zählt er rund 10.000 Mitglieder innerhalb und außerhalb Deutschlands.
Er versteht sich als "Ansprechpartner und Kontaktstelle" für Angehörige deutschsprachiger Minderheiten ("Deutsche") in aller Welt [1] und unterstützt deren "Deutschtum" auf verschiedene Art und Weise, etwa durch "Förderung auslandsdeutscher Einrichtungen" (Schulen, Kindergärten, Vereine), durch "Unterstützung auslandsdeutscher Medien" und durch Kontaktveranstaltungen wie "Begegnungsreisen" oder die Organisation von Schüleraustausch.
Beim Schüleraustausch werden Jugendliche, die an deutschsprachigen Schulen im Ausland lernen, nach Deutschland vermittelt, um ihre Bindungen an die Bundesrepublik zu stärken. Seit 2004 verfügt der VDA zusätzlich über eine eigene Stiftung ("Stiftung 'Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland'").
Keine Grenzbestätigung
Der VDA, der seit je eng mit staatlichen Stellen kooperierte und deshalb stets als Träger einer Art Nebenaußenpolitik galt, ist auch heute personell dicht an Berliner Regierungskreise angebunden — über seinen Vorsitzenden Hartmut Koschyk. Koschyk war von 2005 bis 2009 Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag und ist seit Oktober 2009 als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium tätig.
Seine Karriere in diversen "Deutschtums"-Organisationen begann er schon früh. 1987 wurde er — im Alter von 28 Jahren — Generalsekretär des "Bundes der Vertriebenen"; dieses Amt bekleidete er bis 1991. Zuvor hatte er die "Schlesische Jugend" geleitet, den damaligen Jugendverband der "Landsmannschaft Schlesien", der jüngst wegen seiner Verbindungen zur extremen Rechten von der Landsmannschaft abgestoßen werden musste.[2]
Von 1990 bis 2002 fungierte Koschyk als Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Vertriebene und Flüchtlinge" der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. 1991 stimmte er im Bundestag gemeinsam etwa mit der heutigen Vorsitzenden des "Bundes der Vertriebenen", Erika Steinbach, gegen den Deutsch-Polnischen Grenzbestätigungsvertrag. Drei Jahre später, 1994, übernahm er den Vorsitz des VDA; diesen Posten bekleidet er bis heute.
Die deutsche Identität wahren
Der VDA und sein Vorsitzender sind unter anderem in Polen aktiv, dessen Grenze Koschyk 1991 nicht bestätigen wollte. Zuletzt besuchte Koschyk das Land im Oktober 2011, um in Warschau mit "Vertretern der Deutschen Volksgruppe" den "Ausgang der polnischen Parlamentswahlen und das Wahlergebnis der Wahllisten der deutschen Minderheit" zu besprechen.
Anschließend bereiste der VDA-Vorsitzende das ehemalige Schlesien und tauschte sich dort mit Vertretern einer ganzen Reihe von Organisationen der deutschsprachigen Minderheit aus. "Entscheidend für die Zukunft der deutschen Volksgruppe in Polen" werde "ihre Fähigkeit sein, ihre Identität zu wahren", hieß es nach Koschyks Reise beim VDA über die gewünschte strikte Abgrenzung der Deutschsprachigen gegenüber nicht deutschsprachigen Bürgern des Landes.
"Während seines Besuches in Warschau" habe Koschyk, berichtet der VDA, "auch bei polnischen Regierungsvertretern auf den wichtigen Beitrag der Deutschen Minderheit zur Verständigung zwischen Deutschland und Polen" hingewiesen. Dass Koschyk das Amt eines Parlamentarischen Staatssekretärs bekleidet, dürfte seinem Einfluss auch als VDA-Chef gegenüber der polnischen Regierung kaum abträglich sein.[3]
Südtirol: "Vaterland Österreich"
Bei seiner nationalen und internationalen Tätigkeit kooperierte der VDA immer wieder mit anderen "Deutschtums"-Organisationen. Zu diesen zählten etwa der sudetendeutsche "Witikobund" — ein Verband, der für seine Verbindungen in die extreme Rechte bekannt ist [4] -, der "Kärntner Heimatdienst" — eine deutschnationale Organisation in Österreich -, der dänische "Bund deutscher Nordschleswiger" und die "Südtiroler Volkspartei" aus Italien.
In der aktuellen Ausgabe der VDA-Zeitschrift "Globus" kommt mit Roland Lang ein Gründungsmitglied der sezessionistischen Partei "Süd-Tiroler Freiheit" zu Wort. Lang behauptet, mit der Gewährung von Autonomierechten für die Deutschsprachigen sei in Norditalien ("Südtirol") "das grundlegende Problem der Fremdbestimmung im eigenen Land (…) nicht gelöst" worden. Er empfiehlt deswegen die Angliederung der norditalienischen Provinz an das "Vaterland Österreich".[5]
Auch Frankreich nimmt der VDA unter Hartmut Koschyks Amtsführung in den Blick. Im Herbst 2011 hieß es in der Verbandszeitschrift in einem Text über eine angebliche "Sprachlosigkeit und Neubesinnung" im Alsace bedauernd, es gebe keine "nennenswerte bundesdeutsche Interessenpolitik im Elsass samt einer Vergegenwärtigung des dortigen reichen deutschen Kultur– und Geschichtserbes".[6]
Apartheid-Sympathisanten
Unter Koschyks Ägide hat der VDA den Stuttgarter Professor Hartmut Fröschle zum Vorsitzenden seines baden-württembergischen Landesverbands gewählt. Fröschle ist mehrfach mit Beiträgen in Publikationen aus Verlagen der extremen Rechten vertreten gewesen.[7]
Er ist darüber hinaus Vorsitzender des Vereins "Hilfskomitee Südliches Afrika", der 1976 von einem Parteipolitiker der NPD gegründet wurde. Das "Hilfskomitee Südliches Afrika" stützte die Politik des südafrikanischen Apartheid-Regimes bis zu dessen Ende; es verbreitet noch heute Texte des in Südafrika lebenden deutschen Apartheid-Anhängers Claus Nordbruch, der Ende 2011 wegen seiner Verbindungen zur Neonaziorganisation "Thüringer Heimatschutz" einem breiten Publikum bekannt wurde.[8]
Auf der Website des "Hilfskomitees", für die der VDA-Mann Fröschle verantwortlich ist, finden sich unter anderem Aussagen über den Genozid der Deutschen an den Herero und Nama in der Kolonie "Deutsch-Südwest", dem heutigen Namibia. Während Historiker die Opferzahlen allein unter den Herero auf womöglich rund 65.000 Menschen schätzen, heißt es beim "Hilfskomitee", die "Verluste durch den Aufstand" der Herero hätten sich "in der Größenordnung von 6.000 bis maximal 8.000" bewegt. "Mit einem Genozid" habe "das alles nichts zu tun".[9]
Überschneidungen zur extremen Rechten
Auch der Landesvorsitzende des VDA in Nordrhein-Westfalen, Prof. Dr. Menno Aden (Essen), unterhält Kontakte nach Rechtsaußen.
Aden ist zugleich Vorsitzender der "Staats– und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft", eines Vereins, dem schon vor Jahren der Professor an der Hamburger Bundeswehr-Universität Wolfgang Gessenharter bescheinigte, "ein wichtiges Scharnier zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus" zu sein. Auch das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz stellte damals "Überschneidungen zu rechtsextremen Organisationen" fest.[10]
Aden publiziert gelegentlich in der Wochenzeitung "Junge Freiheit", über die Gessenharter urteilt: "Zentraler Bezugspunkt sind die Gedanken der konservativen Revolution aus der Weimarer Republik".[11] Die "Konservative Revolution" wird von Wissenschaftlern als "Wegbereiterin des Nationalsozialismus" eingestuft.
Zu den Gründungsgesellschaftern der "Junge Freiheit Verlag GmbH" gehörte im Jahr 1990 ein gewisser Martin L. Schmidt. Schmidt, der in den 1990er Jahren in der Redaktion der "Jungen Freiheit" wirkte, tritt heute als Vorsitzender des VDA-Landesverbandes in Rheinland-Pfalz auf.
Ein Traditionsverein
Der VDA wurde 1881 als "Allgemeiner Deutscher Schulverein" gegründet und bald darauf in "Verein für das Deutschtum im Ausland" umbenannt. Er wirkte bereits im Kaiserreich und dann in der Zeit der Weimarer Republik darauf hin, deutschsprachige Minderheiten außerhalb des Reichs eng an dieses anzubinden, und bereitete völkische Subversion in den auswärtigen "Deutschtums"-Gebieten vor. Nach 1933 avancierte der Verein zum offiziellen "Deutschtums"-Vorkämpfer; Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess erklärte 1939:
"Für die Volkstumsarbeit jenseits der Grenzen ist ausschließlich der VDA zuständig."[12]
Nach seiner Wiedergründung in der Bundesrepublik 1955 knüpfte der VDA an seine Vorkriegstraditionen an — personelle Kontinuitäten inklusive. Rudolf Aschenauer etwa, bis 1945 Mitarbeiter des VDA-Gauverbandes München-Oberbayern, war an der Wiedergründung der Organisation führend beteiligt und von 1974 bis 1977 sogar Vorsitzender des bundesweiten VDA.
Eine Zeitlang amtierte Aschenauer zudem als Vorsitzender der "Stillen Hilfe", einer Unterstützungsvereinigung für inhaftierte NS-Kriegsverbrecher, und verfasste Artikel für extrem rechte Publikationen, darunter das Monatsblatt "Nation und Europa", die damals führende Zeitschrift der extremen Rechten in der Bundesrepublik.
Quelle: German Foreign Policy
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[1] Als "Deutsche" werden vom VDA deutschsprachige Bürger von Staaten Lateinamerikas (etwa Chile, Brasilien, Argentinien, Paraguay, El Salvador), Afrikas (Namibia) und Osteuropas (unter anderem Polen und Russland) vereinnahmt.
[2] s. dazu Ostfahrten
[3] Deutsche Volksgruppe in Schlesien erfüllt wichtige Brückenfunktion zwischen Deutschland und Polen; www.vda-globus.de 18.10.2011
[4] s. dazu Wertegemeinschaft Europa
[5] Globus 4/2011
[6] Globus 3/2011
[7] Fröschle ist Autor von Beiträgen, die in der revisionistischen Zeitschrift "Deutschland in Geschichte und Gegenwart" aus dem extrem rechten Grabert-Verlag und im "Handbuch zur deutschen Nation" aus dem ebenfalls extrem rechten Hohenrain-Verlag gedruckt wurden.
[8] Neonazis aus dem "Thüringer Heimatschutz", von denen einige Kontakte zur Nazi-Terrorclique NSU unterhielten, standen mit Claus Nordbruch in Kontakt: Schießen lernen in Südafrika? Frankfurter Allgemeine Zeitung 26.11.2011. Zum "Thüringer Heimatschutz" s. auch Staatliche Aufbauhilfe für Neonazis
[9] Ralph Schroeder: Opferzahlen; www.hilfskomitee-suedliches-afrika.de
[10] Andreas Speit: Unbesiegte Deutsche; www.taz.de 30.04.2005
[11] "Die Seriosität ist äußerst fragwürdig"; www.taz.de 26.04.2008
[12] Walter von Goldendach, Hans-Rüdiger Minow: "Deutschtum erwache!" Aus dem Innenleben des staatlichen Pangermanismus, Berlin 1994
Beitragsdetails
Kategorie » Gesellschaft/Soziales, Politik/Wirtschaft « | Tags » Aden, Apartheid, Aschenauer, Bundesfinanzministerium, CSU, Deutschtum, Europa, Fröschle, Koschyk, Minderheiten, Nationalsozialismus, Polen, Rechte, Rechtsextremismus, VDA, Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland «
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