QR Code Business Card

Geerkens, Springer, Wulff und Konsorten

Freitag, 03. Februar 2012-14:32 -|- Eingestellt von: |

Das Dos­sier Wulff oder: Es gibt keinen Wulff, ohne die, die hinter ihm stehen. | Von René Kiesel | SAV-​Sozialistische Alter­na­tive | — Im Dezember letzten Jahres sahen wir kurz vor Weih­nachten die hei­lige Drei­ei­nig­keit zer­fallen – Unter­nehmer, höchster Amts­träger der Bun­des­re­pu­blik und ihre Zei­tung, BILD, lagen im Clinch. Der Grund dafür: Ein geplanter Artikel der BILD über die Kre­dit­ver­mitt­lung des Unter­neh­mers Geer­kens an den Bun­des­prä­si­denten Wullf und dessen hit­ziger Anruf beim Chef­re­dak­teur Kai Diek­mann, mit der Auf­for­de­rung, ihn nicht zu veröffentlichen.

In der Pres­se­öf­fent­lich­keit gab es einen Auf­schrei über Ver­let­zung der Pres­se­frei­heit. Die „Wulff-​Affäre“ erfuhr unter­schied­liche Wahr­neh­mung. Wäh­rend sich die arbei­tende Bevöl­ke­rung wenig über die Ver­bin­dung von Staats­ver­tre­tern und Unter­neh­mern wun­derte, zwei­felten Teile der bür­ger­li­chen Öffent­lich­keit an der Unab­hän­gig­keit und dem Amts­ethos der Wür­den­träger in Deutsch­land. Die Poli­ti­ker­kaste ver­suchte Abstand zu gewinnen und mög­lichst zu ver­meiden, dass ihre Ver­bin­dungen eben­falls durch­leuchtet werden.

Vor einigen Tagen wurde ein 240-​seitiges Ant­wort­pa­pier von Wulffs Anwälten und Spre­chern her­aus­ge­geben, in dem er auf den Fra­ge­ka­talog der „Welt“ ein­geht. Selbst für Arbei­tende, die sich dafür inter­es­sierten, dürfte es kaum mög­lich sein, sich dieses Pam­phlet zu Gemüte zu führen.

Wer ist eigent­lich dieser Chris­tian Wulff?

Wulff wuchs in einer römisch-​katholischen Familie auf und trat bereits als Schüler der Jugend­or­ga­ni­sa­tion der CDU, der Jungen Union (JU), bei. Er wurde deren nie­der­säch­si­scher Vor­sit­zender und brachte es wenig später zum Bundesvorsitzenden.

Er war Grün­dungs­mit­glied des 1979 gegrün­deten „Anden­paktes,“ bzw. der Jungen Wilden. Dieser irre­füh­rende Name bezeich­nete eine männlich-​konservative Seil­schaft inner­halb der CDU, der pro­mi­nente CDU-​Politiker wie Roland Koch, Gün­ther Oet­tinger und wei­tere angehörten.

Ziel dieser Seil­schaft war es, Kan­di­da­tur­ab­spra­chen zu treffen und ein inner­par­tei­li­ches Gegen­ge­wicht zu Kohl und Merkel zu bilden. Vielen hohen CDU-​Politikern und Funk­tio­nären diente dieses Netz­werk als Sprung­brett nach oben. So auch dem Bundespräsidenten.

Als Minis­ter­prä­si­dent von Nie­der­sachsen von 2003 bis 2010, führte das Kabi­nett unter seiner Füh­rung erheb­liche Ver­schlech­te­rungen ein. Dazu gehörten unter anderem dras­ti­sche Kür­zungen im Bil­dungs­be­reich, Strei­chung des pau­schalen Blin­den­geldes im Jahr 2005 und Wie­der­ein­füh­rung nach Pro­testen in gerin­gerer Höhe.

Unter seiner Feder wurde das Tur­bo­ab­itur im Flä­chen­staat ein­ge­führt und gleich­zeitig die Lern­mit­tel­frei­heit abge­schafft sowie die Aus­gaben für die innere Sicher­heit (vor allem bei der Polizei) erhöht. Sein Enga­ge­ment für die Lauf­zeit­ver­län­ge­rung der AKWs, die im letzten Jahr nach mas­siven Pro­testen zurück­ge­nommen werden musste, war ein wei­terer Schau­platz, auf dem sich der nie­der­säch­si­sche Regie­rungs­chef bewegte.

Auf der einen Seite trat Wulff öffent­lich dafür ein, dass vom Bank­rott bedrohte Staaten die Insol­venz aus mora­li­schen Gründen nicht heraus zögern dürften und sprach sich gegen Euro-​Bonds und den Kauf von Staats­an­leihen durch die Euro­päi­sche Zen­tral­bank aus.

Damit zählt er zu den Inter­es­sen­ver­tre­tern des Flü­gels des deut­schen Kapi­tals, der einen Umgang mit der Euro­krise über die Aus­wei­tung von Ret­tungs­pa­keten für zu ris­kant und kost­spielig für deut­sche Unter­nehmen hält und eher eine Ant­wort darin sieht, Länder wie Grie­chen­land, Ungarn, u.s.w. in den Bank­rott gehen zu lassen, um mög­lichst viel seines Kapi­tals zu retten.

Anders sieht es aus, wenn es um die Ret­tung der eigenen Banken geht. Als der Auto­bauer Por­sche im Zuge der ersten Kri­sen­phase 2008 vor dem dro­henden Aus stand, wäre auch die Haus­bank des Unter­neh­mens gefährdet gewesen. Die Baden-​Württembergische Bank (BW), Tochter der staat­li­chen Lan­des­bank Baden-​Württemberg (LBBW), erhielt damals Schüt­zen­hilfe von Wulff.

Als Minis­ter­prä­si­dent war er ein pro­mi­nenter Ver­treter im Auf­sichtsrat der Volks­wagen AG. Er setzte sich dafür ein, dass VW 49,9% der Akti­en­an­teile der Por­sche AG für 3,9 Mrd. Euro erwirbt und diese und mög­li­cher­weise auch die BW-​Bank vor dem Bank­rott ret­tete. Vor diesem Hin­ter­grund erscheint es durchaus kon­se­quent, wenn Wulff als guter Pri­vat­kunde der BW-​Bank einen güns­tigen Kredit als Dan­ke­schön erhält.

Nebenbei erscheint dies als ein­leuch­tendes Bei­spiel dafür, dass inter­na­tional tätige Kon­zerne in Kri­sen­si­tua­tionen ziem­lich genau wissen, auf wel­chem natio­nalen Boden sie stehen und wessen Unter­stüt­zung sie in Anspruch nehmen. Mal davon abge­sehen, welche Unter­neh­mer­freunde durch Dienst­reisen mit dem Prä­si­denten gute Geschäfte machten und es ihm dankten. Eine Hand wäscht die andere.

Als „gute“ Kon­ser­va­tive gehören nicht nur BILD-​Pfaffe Peter Hahne und Vor­stand der Bun­des­agentur für Arbeit, Frank-​Jürgen Weise, son­dern ebenso Chris­tian Wulff dem Kura­to­rium der evan­ge­li­kalen ProChrist-​Vereinigung an. Nachdem in der Öffent­lich­keit deren Ableh­nung zu Evo­lu­ti­ons­theorie, Schei­dung, Schwan­ger­schafts­ab­bruch und deren Ein­schät­zung von Homo­se­xua­lität als heil­bare Krank­heit beleuchtet wurde, ließ Wulff für die Dauer seiner Prä­si­dent­schaft seine Kura­to­ri­ums­mit­glied­schaft ruhen.

Daneben unter­hielt er freund­schaft­liche Kon­takte zum Arbeits­kreis Christ­li­cher Publi­zisten (ACP), die ein stramm homo­phobes, geschichts­re­vi­sio­nis­ti­sches und ras­sis­ti­sches Pro­gramm ver­treten. (Zu einer Kritik dazu siehe: http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​2​/​3​2​8​7​1​/​1​.​h​tml)

Von einer Krise in die nächste – die schwarz-​gelbe Regierung

Der Prä­si­dent der konservativ-​liberalen Regie­rungs­ko­ali­tion ver­liert immer weiter an Zustim­mung. Laut einer Umfrage von ZEIT ONLINE, die vom 18. bis zum 20. Januar durch­ge­führt wurde, sagten 78% der Befragten, dass Wulff die Affäre eher noch nicht über­standen hätte und 69%, dass er sein Amt eher nicht mehr ange­messen aus­üben könne. (siehe: Zeit​.de).

Die Legi­ti­ma­ti­ons­krise des Staats­ober­hauptes ver­tieft die poli­ti­sche Krise der Bun­des­re­gie­rung. Eine Situa­tion, in der der Kan­didat von CDU/​CSU und FDP vor einem mög­li­chen Rück­tritt steht, wirkt sich auf Merkel und ihr Kabi­nett aus, die sich öffent­lich zu Wulff bekannt haben.

Nachdem die SPD vorher die Füße still hielt, bietet sich bei einem Rück­tritt Wulffs die Mög­lich­keit, ihren rot-​grünen Gegen­kan­di­daten Gauck wieder auf die Agenda einer Prä­si­den­ten­wahl zu stellen. Bei der benannten ZEIT-​Umfrage sagten 21%, dass sie Gauck wählen würden, gäbe es eine freie Wahl­mög­lich­keit für dieses Amt.

Ein SPD-​Abgeordneter, Heiner Bart­ling, zieht vor den nie­der­säch­si­schen Staats­ge­richtshof, der über einen etwaigen Ver­stoß Wulffs als Minis­ter­prä­si­dent gegen die Lan­des­ver­fas­sung ent­scheiden soll. Dieser Fall würde dann ein­treten, wenn das Gericht ent­scheidet, dass die dama­lige Lan­des­re­gie­rung ihrer Aus­kunfts­pflicht gegen­über den Land­tags­ab­ge­ord­neten bezüg­lich der Betei­li­gung des Landes am Nord-​Süd-​Dialog (ein Treffen von Unter­neh­mern, zu dem auch Poli­ti­ke­rInnen geladen werden) nicht nach­ge­kommen ist.

Wulff sagte als Regie­rungs­chef auf eine kleine Anfrage der SPD im Lan­des­par­la­ment, es hätte keine finan­zi­elle Betei­li­gung gegeben, dabei bezu­schusste das Bun­des­land die Ver­an­stal­tung. Ein Urteil hätte für Wulff keine juris­ti­schen Folgen, da die gesamte Lan­des­re­gie­rung beklagt wäre. Die poli­ti­schen Folgen für einen Bun­des­prä­si­denten, der sich nicht an die Lan­des­ver­fas­sung gehalten hat, werden von Bart­ling jedoch hoch eingeschätzt.

Die BILD und ihr Präsident?

Schon im Jahr 2008 halfen sie, die Schei­dung Wulffs von seiner ersten Frau und die Hoch­zeit mit Bet­tina Körner nicht zum Bruch­punkt mit der kon­ser­va­tiven Öffent­lich­keit werden zu lassen. Eine wohl­wol­lend neu­trale Bericht­er­stat­tung über Chris­tian Wulff wurde immer wieder abge­löst durch eine Iko­ni­sie­rung der heu­tigen „First Lady“. Nach der von seinen erz­kon­ser­va­tiven Freunden sonst so ver­teu­felten Schei­dung, erhielt er durch den Springer-​Verlag die Absolution.

Liest man aller­dings die Artikel aus der Zeit um die Prä­si­den­ten­wahl im Sommer 2010, kann man sich des Ein­drucks nicht erwehren, dass die BILD-​Zeitung den Gegen­kan­di­daten Joa­chim Gauck bevor­zugt hat. Mög­li­cher­weise liegen dessen Befür­wor­tung von Sar­ra­zins Aus­sagen und sein kon­se­quenter Anti­kom­mu­nismus näher an der poli­ti­schen Aus­rich­tung des Springer-​Konzerns. +´´

Es ergab sich nach der erfolg­rei­chen Wahl den­noch eine Medi­en­part­ner­schaft zwi­schen den Springer-​Zeitungen und Wulff. Foto­jour­na­listen besagter Zei­tung durften ihn wäh­rend seiner Amts­ein­füh­rung begleiten und Foto­se­rien dar­über veröffentlichen.

Wäh­rend seiner Ansprache am 03. Oktober 2010, dürfte Wulff mit seiner Aus­sage, dass „der Islam […] inzwi­schen auch zu Deutsch­land“ gehöre, einigen Kon­ser­va­tiven vor den Kopf gestoßen haben.

Die BILD ist nicht die zuver­läs­sigste Bünd­nis­part­nerin. Es mag zu bezwei­feln sein, dass es nicht des Öfteren vor­kommt, dass hoch­ran­gige Amts– und Wür­den­träger in Staat und Wirt­schaft mit ent­spre­chenden Redak­teu­rInnen Abspra­chen über die Ver­öf­fent­li­chung von Arti­keln treffen. Den­noch ist der Ver­such des Bun­des­prä­si­denten, derart in die Ver­öf­fent­li­chung eines Arti­kels ein­zu­greifen, ein Skandal.

Mög­li­cher­weise mag das wirt­schaft­liche Inter­esse der Zei­tung im Ange­sicht eines sol­chen Skan­dals letzt­end­lich über den Bedarf an guten Bezie­hungen zum Bun­des­prä­si­dent gegangen sein. Dar­über kann nur gemut­maßt werden. Was jedoch mit ziem­li­cher Sicher­heit gesagt werden kann, ist, dass die BILD ihren Ein­fluss, den sie vorher zum Schutze Wulffs ein­setzte, nun gegen ihn gel­tend macht. Der Anruf kann als gute Gele­gen­heit genutzt worden sein, einem zu wei­chen Bun­des­prä­si­denten klar zu machen, wel­ches die poli­ti­sche Linie des Springer-​Verlags ist.

Doch bei allem Gezeter, dass nun von allen Ecken und Enden der Medi­en­land­schaft zu ver­nehmen ist, sollte nicht in Ver­ges­sen­heit geraten, dass BILD, Welt und Co. ganz öffent­lich Abspra­chen mit Chris­tian Wulff treffen. Das aller­dings wird als Ein­ver­nehmen und Rück­sicht­nahme dargestellt.

Nur eine Frage: wie viele wütende Lese­rInnen rufen jeden Tag in der BILD-​Redaktion an, um sich über einen Artikel zu beschweren, ohne, dass darauf rea­giert wird?

Über die Pressefreiheit

„Pres­se­frei­heit ist die Frei­heit von 200 rei­chen Leuten, ihre Mei­nung zu ver­breiten… Da die Her­stel­lung von Zei­tungen und Zeit­schriften immer grö­ßeres Kapital erfor­dert, wird der Kreis der Per­sonen, die Pres­se­or­gane her­aus­geben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhän­gig­keit immer größer und immer gefähr­li­cher…“ schrieb Paul Sethe in einem Leser­brief an den „Spiegel“ im Jahr 1965. Sethe war einer der fünf Grün­dungs­her­aus­geber der kon­ser­va­tiven Tages­zei­tung „Frank­furter All­ge­meine Zei­tung (FAZ).“

Die nach­voll­zieh­bare Reak­tion auf eine redak­tio­nelle Hal­tung, die nicht der eigenen ent­spricht, wäre die, ein­fach das Abon­ne­ment der ent­spre­chenden Zei­tung zu kün­digen und damit seinen Ein­fluss als Kunde gel­tend zu machen. Der Mei­nungs­markt regelt das. Oder doch nicht?

Zwar machen bei BILD der Ver­kauf auf der Straße und in den Kiosken sowie die Abos einen Anteil aus (wie bei anderen Zei­tungen). Jedoch darf man sich nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass es bei einem Anzei­gen­preis von 414.500,00 Euro pro Seite (Quelle: http://​www​.axel​springer​-media​pilot​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​B​I​L​D​-​P​r​e​i​s​e​-​F​o​r​m​a​t​e​-​2​0​1​2​-​B​I​L​D​_​2​1​3​2​9​8​1​.​h​tml) wohl zu ver­schmerzen ist, sollten ein paar Abos wegfallen.

Anders sähe es aus, würde ein pro­mi­nenter Anzei­gen­kunde seinen Ver­trag etwa wegen einer unan­ge­nehmen oder kri­ti­schen Bericht­er­stat­tung zurück­ziehen. Die BILD ist nicht die ein­zige Zei­tung, die von Anzei­gen­kunden lebt, aber ein gutes Bei­spiel, da sie beson­ders viel Wer­bung ent­hält. Bei einer derart kom­mer­zi­ellen und pro­fit­ori­en­tierten Aus­rich­tung der Zei­tung, muss die Frage gestattet sein, wie viel Pres­se­frei­heit in der Presse steckt.

Im Jahr 2001 wurde ein Fall offenbar, bei dem die Luft­hansa sich für ihre Inter­essen stark machte. Sie hatte ein Groß­abon­ne­ment bei der „Süd­deut­schen Zei­tung“. Diese wurde an alle Flug­gäste auf dem Gate oder direkt im Flug­zeug verteilt.

Dann gab es einen Pilo­ten­streik, geführt von der Ver­ei­ni­gung Cockpit. Die Luft­hansa befand die Berichte dar­über in der „Süd­deut­schen“ zeigten zu wenig Ver­ständnis für die Hal­tung der Geschäfts­füh­rung. Dar­aufhin wurden 10.000 Abon­ne­ments gekün­digt (Stel­lung­nahme der Redak­tion: http://​www​.211nff​.de/​p​r​e​s​s​e​.​htm.)

Oben ange­führte Bei­spiele zeigen, dass die Moral Wulffs, als auch der bür­ger­li­chen Presse eine dop­pelte ist und wer oder wel­ches Inter­esse wirk­lich hinter ihnen steht. Die „Wahl“ zwi­schen Wulff und dem, was als Pres­se­frei­heit bezeichnet wird, ist also keine wirkliche.

Umge­kehrt sollte nicht der Schluss gezogen werden, dass die Pres­se­frei­heit als eines der bürgerlich-​demokratischen Rechte, wel­ches einen Fort­schritt gegen­über der feu­dalen Selbst­herr­lich­keit und Zensur dar­stellt, wertlos wäre. In jedem Fall sollte dafür ein­ge­treten werden, dieses Recht zu ver­tei­digen. Es macht einen großen Unter­schied, ob eine kri­ti­sche oder linke Zei­tung ihre Artikel allen zugäng­lich ver­öf­fent­li­chen kann, oder ob sie der Zensur zum Opfer fallen.

Ver­flech­tung von Wirt­schaft und Staat

Lenin schrieb 1917 in „Der Impe­ria­lismus als höchstes Sta­dium des Kapitalismus“:

„Die „Per­so­nal­union“ der Banken mit der Indus­trie findet ihre Ergän­zung in der „Per­so­nal­union“ der einen wie der anderen Gesell­schaften mit der Regie­rung. Jei­dels schreibt: „Frei­willig werden Auf­sichts­rats­stellen gewährt an Per­sonen mit gut klin­genden Namen, auch ehe­ma­ligen Staats­be­amten, die im Ver­kehr mit den Behörden manche Erleich­te­rung (!!) schaffen können“… „Im Auf­sichtsrat einer Groß­bank sieht man gewöhn­lich … ein Par­la­ments­mit­glied oder ein Mit­glied der Ber­liner Stadt­ver­wal­tung“.

Wollen wir am nahe­lie­genden Bei­spiel der Volks­wagen AG, als einer der bedeu­tendsten deut­schen Kon­zerne, mit Sitz in Nie­der­sachsen prüfen, inwie­fern es auf dieses Unter­nehmen zutrifft.

Schaut man auf die Zusam­men­set­zung des Auf­sichts­rates, die maß­geb­lich von der Höhe des Akti­en­be­sitzes und dem Mit­be­stim­mungs­ge­setz gere­gelt wird, an, so ergibt sich ein klares Bild.

Für das Land Nie­der­sachsen, das über eine Toch­ter­ge­sell­schaft 20,01 % der Anteile der Volks­wagen AG wäh­rend Wulffs Regent­schaft erworben hat, sitzen als Wulffs Nach­folger der nie­der­säch­si­sche Minis­ter­prä­si­dent David McAl­lister und Wirtschafts-​, Arbeits– und Ver­kehrs­mi­nister Jörg Bode im Aufsichtsrat.

Bode ist gleich­zeitig im „Aus­schuss für Geschäfte mit Groß­ak­tio­nären“ tätig. Für die Skan­di­na­viska Ens­kilda Banken AB, hier­zu­lande besser als SEB-​Bank bekannt, sitzt deren Prä­si­dentin und Vor­stands­vor­sit­zende im glei­chen Gre­mium. (Quellen: hier und hier)

Dies ist kein Ein­zel­fall, denn viele Betei­li­gungs­ge­sell­schaften weisen eine ähnliche Struktur auf. Der ehe­ma­lige SPD-​Finanzsenator in Berlin und Ver­fasser der Schmäh­schrift gegen Mus­lime, Arme und alle, die nicht in sein sozi­al­dar­wi­nis­ti­sches Welt­bild passen, Thilo Sar­razin hatte 46 „Neben­jobs“. Dar­unter fielen Posten in Ber­liner Immo­bi­li­en­ge­sell­schaften und Banken. (http://​www​.bz​-berlin​.de/​a​r​c​h​i​v​/​f​i​n​a​n​z​s​e​n​a​t​o​r​-​t​h​i​l​o​-​s​a​r​r​a​z​i​n​-​a​r​t​i​c​l​e​3​2​6​2​3​5​.​h​tml)

Durch diese leicht zugäng­li­chen Infor­ma­tionen und die Zusam­men­hänge, die dadurch deut­lich werden, wird die Frage auf­ge­worfen, wem dieser Staat, bzw. wem die Reprä­sen­tanten des Staates und soge­nannte Volks­ver­treter wirk­lich dienen. Der Mehr­heit der arbei­tenden Bevöl­ke­rung oder der Min­der­heit der Kapi­ta­lis­ten­klasse, die alle wirt­schaft­liche Macht in ihren Händen vereint?

Eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der mar­xis­ti­schen Staats­theorie würde über den Rahmen des Arti­kels hin­aus­gehen. Daher sei nur kurz gesagt, dass die Kapi­ta­lis­ten­klasse diesen Staat als Ord­nungs­hüter benö­tigt, so sehr libe­rale Wirt­schafts­theo­re­tiker dessen Rückzug aus wirt­schaft­li­chen Belangen auch beschwören mögen.

Wäh­rend der ersten Phase der aktu­ellen Welt­wirt­schafts­krise wurde plötz­lich klar, dass es Banken gibt, die „too big to fail,“ (zu groß, um kaputt zu gehen) sind. Das Risiko, dass eine Unter­neh­mens­pleite dieser Dimen­sion das gesamte kapi­ta­lis­ti­sche Gebilde in Gefahr bringt, war zu hoch, als dass man auf ihre Ret­tung hätte ver­zichten können. Es wurde ganz unver­blümt zuge­geben, dass die Banken sys­tem­re­le­vant wären.

Um wäh­rend der Krise der Gegen­wehr der Arbei­ter­klasse ent­gegen zu wirken, legte man Kurz­ar­bei­ter­geld und Kon­junk­tur­pro­gramme staat­li­cher­seits auf, über deren Höhe vorher alle Wirt­schafts­li­be­ralen ihre weisen Köpfe geschüt­telt hätten. Wie sich in Tune­sien, Ägypten und Grie­chen­land zeigte, bringen Mas­sen­streiks und Pro­teste der Arbei­ter­klasse das herr­schende System ins Wanken.

Geht es um die Siche­rung ihrer eigenen Macht, ver­gessen die Kapi­ta­listen leicht ihre Worte von ges­tern. Zur Siche­rung des gesamten System, agiert der Staat in den Worten Fried­rich Engels" als „ide­eller Gesamt­ka­pi­ta­list“ und schreckt selbst vor Ver­staat­li­chungen nicht zurück. Eine per­sön­liche Ein­be­zie­hung poli­ti­scher Ver­tre­te­rInnen in den Mecha­nismus der Kon­zerne in Form von Vor­ständen und Auf­sichts­räten scheint daher nur logisch.

Es geht dabei nicht nur um die Sys­te­mer­hal­tung selbst, son­dern um die Durch­set­zung ihrer Inter­essen und Aus­wei­tung ihres Ein­flusses. Was harmlos Lob­by­ismus genannt wird, wirkt sich in der Gesetz­ge­bung aus, wenn bei­spiels­weise Wirt­schafts­kanz­leien Geset­zes­vor­lagen ver­fassen, die dann beschlossen werden.

Im schlimmsten Falle geht der Kampf um die Inter­essen der Kon­zerne bis in den Krieg, wenn Märkte neu erschlossen oder auf­ge­teilt werden müssen, um noch mehr Profit zu gene­rieren und im Wett­rennen mit anderen Unter­nehmen stand­zu­halten. Der Staat als Orga­ni­sator der bewaff­neten Gruppen, Polizei und Armee, und Exe­ku­tive nach innen und gegen­über allen anderen Staaten, ob fried­lich oder feind­lich gesinnt, erfüllt eine uner­setz­liche Funktion.

Ent­flechten oder Abschaffen?

Immer wieder werden die Ver­flech­tungen von Staat und Wirt­schaft deut­lich. Man kann die Uhr danach stellen, dass nach jedem Bekannt­werden eines sol­chen Falls, kurz darauf die For­de­rung laut wird, dass doch end­lich diese ver­fluchte Ver­bin­dung von Poli­ti­ke­rInnen und der Wirt­schaft durch­bro­chen und beendet werden muss. Von Bür­ger­li­chen wird der mora­li­sche Zei­ge­finger erhoben. Dabei ist diese Ver­bin­dung weder etwas Neues, noch eine Aus­nahme. Sie ist ganz all­täg­lich und immer vorhanden.

In den Lehr­bü­chern, die einem an Schule und Uni­ver­sität vor die Nase gehalten werden, erhebt sich der Staat bis zu einem gewissen Grad über die Gesell­schaft. Tat­säch­lich regelt er die Bezie­hungen der Gesell­schaft. Ihm obliegt es, Ver­stöße zu ahnden und die gesell­schaft­li­chen Bezie­hungen juris­tisch fest­zu­legen. Was dem zugrunde liegt, sind die realen Bezie­hungen in der Gesell­schaft, das reale Machtgefüge.

Ist es vor­stellbar, dass der Staat sich tat­säch­lich in einer Klas­sen­ge­sell­schaft, in der die große arbei­tende Mehr­heit einer besit­zenden Klasse gegen­über­steht, die alle Pro­duk­ti­ons­mittel und Reich­tümer auf sich ver­eint und die Ver­fü­gungs­ge­walt dar­über hat, über die Klassen erhebt?

Ein Staat, der gänz­lich unab­hängig von realen Macht­ver­hält­nissen ist, exis­tiert höchs­tens in der Theorie. Wie könnte er unab­hängig von jenen sein, die über die Pro­duk­tion bestimmen, in deren Macht es liegt tau­sende von Arbei­te­rInnen in die Arbeits­lo­sig­keit und Armut zu stürzen, die den Waren­ver­kehr regeln, die ent­scheiden was und wie pro­du­ziert wird? Dieses Gebilde zu ent­flechten, bei dem die staat­li­chen Ver­tre­te­rInnen oben­drein für gute Arbeit ent­spre­chend ent­lohnt werden (siehe Wulff), ist schwer vorstellbar.

Die ein­zige Alter­na­tive, die dazu bleibt, ist das Macht­ver­hältnis in der Gesell­schaft zu ver­än­dern. Das bedeutet, dass vor allem die Arbei­ter­klasse als Mehr­heit der Gesell­schaft die Macht über die Pro­duk­tion erlangt und ent­scheidet, nach wel­chen Prä­missen pro­du­ziert wird. An Profit ori­en­tiert oder nach den Bedürf­nissen der Men­schen und der Umwelt.

Das bedeutet, dass die Mehr­heit demo­kra­tisch ent­scheiden und planen muss, um dem Gerecht zu werden. Das bedeutet aber auch, dass der bür­ger­liche Staat seine grund­le­genden Funk­tionen als Instru­ment zur Auf­recht­er­hal­tung der kapi­ta­lis­ti­schen Herr­schaft nicht mehr erfüllen kann.

Er muss dem­ent­spre­chend abge­schafft und durch einen wirk­lich demo­kra­ti­schen Arbei­ter­staat, der den Bedürf­nissen der Mehr­heit ent­spricht, ersetzt werden.

Quelle: SAV-​Sozialistische Alternative

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Dankeschön!

Beitragsdetails

Kommentar-Autor

Kategorie » Medien/Journalismus, Parteien u. Politiker « | Tags » , , , , , , , , , , , «

Trackback: Trackback-URL |  Kommentar-Feed: RSS 2.0 | Beitrag drucken |
gelesen: 125 · heute: 2 · zuletzt: 21. Mai 2012

Kommentare und Pings sind geschlossen.