Haircut, Misrata, Gottschalk: Die FDP kann einem Angst machen
Freitag, 24. Februar 2012-10:27 -|- Eingestellt von: Julie |
Von Vincent Streichhahn | junge Welt | — Um die 40 Leute folgten am vergangenen Donnerstag einer Einladung der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in die Berliner Urania. Meist im Anzug, entweder jung oder alt und überwiegend männlich.
Typische FDP-Klientel halt. Gastredner Dieter Schnaas, Chefreporter der Wirtschaftswoche, hatte ein übersichtliches Thema abgesteckt: »Kernkraft – Gentechnik – Eurokrise — Angstrepublik Deutschland?«
Vorgestellt wude er mit dem Hinweis auf die Traditionen der FDP, die demnach über das »Steuern runter«-Mantra hinausgehen. Die Naumann-Stiftung nämlich würde im Sinne der ersten liberalen Partei Deutschlands, der Fortschrittspartei, die hiesige Technikfeindlichkeit bekämpfen. Ungehalten betrat Chefreporter Schnaas das Podium.
Wir müssen darüber diskutieren, ob wir wirklich so ein technikfeindliches Land sind,
sagte er und verdeutlichte mit fast überzogenen Gesten, wie wenig er diese Auffassung teilt.
Er sprach dann lieber über Angst im allgemeinen; nicht die Sorte, die der Gattung im Verlauf der Evolution das Überleben sicherte. Es ging ihm um die Gesellschaft von heute. Die werde aus zwei wesentlichen Gründen von Angst beherrscht. Der eine sei die Beschleunigung, die es schwierig machte, Ereignisse zu trennen.
Schnaas verdeutlichte das, indem er die letzten Monate blitzlichtartig Revue passieren ließ: Tahrir-Platz, Haircut, Misrata, Bin Laden, Gottschalk. Über all das hätten wir vieles erfahren, das wir nicht einordnen könnten oder verständen. Wir seien Simultanten, Leute, die alles gleichzeitig machten, nicht zu verwechseln mit Simulanten. Ein seniles Lachen ertönte. Das Lachen eines Sterbenden, dachte ich zu meiner Beruhigung.
Bedeutender sei die soziale Funktion der Angst: »Vor einigen Monaten, als die FDP noch fünf Prozent hatte«, habe mit dem GAU in Fukushima nicht ein »Jahrhundertereignis« stattgefunden. Vielmehr sei die Katastrophe hierzulande politisch instrumentalisiert worden, um – bar jeder Vernunft — den Atomausstieg zu begründen.
Der 1998 verstorbene Soziologe Niklas Luhmann habe in diesem Zusammenhang von »Angstkommunikation« gesprochen. Deren Kennzeichen sei die Unangreifbarkeit der Argumente, die eine moralische Existenz führten. Damit begann eine unangenehme Aufrechnerei. Niemand sei bei dem GAU direkt gestorben, meinte Schnaas, andere Katastrophen hätten im selben Jahr Hunderttausende Menschenleben gefordert.
Ein Risiko lasse sich nicht beherrschen, sei nur kalkulierbar, auch das »Restrisiko« eines Atomunfalls. Wenn die Politik als Gegenstück zum Risiko nur die Sicherheit kenne, so sei das nach Luhmann eine »politische Konstruktion«. Als die Strahlenopfer kleingeredet waren, beschrieb Schnaas die Politik und die Instrumentalisierung von Angst als siamesische Zwillinge. Und setzte noch einen drauf, indem er auch den Klimawandel noch zur politischen Strategie erklärte.
Wie stark der anthropogene Einfluß sei, wisse man nicht. Die Politik benutze den Klimawandel, um vom Hunger in der Welt abzulenken. Es sei leichter zu sagen, man rette die Welt in 100 Jahren, als den Hunger kurzfristig zu stillen.
Dann empfahl der Chefreporter, »sich am besten auch mal für Sachen nicht zu interessieren«. Das ließ sich direkt beherzigen.
Quelle: junge Welt
Mit freundlicher Genehmigung zur Wiedergabe hier auf Mein Politikblog. Dankeschön!
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Kategorie » Parteien u. Politiker « | Tags » FDP, Friedrich-Naumann-Stiftung, Schnaas, Vincent Streichhahn «
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