Hartz-Kapitalismus feiert Jubiläum: Vor zehn Jahren gab »Rot-Grün« Sozialabbau in Auftrag
Mittwoch, 22. Februar 2012-10:31 -|- Eingestellt von: Julie |
Von Christoph Butterwegge | junge Welt | — Heute vor zehn Jahren richtete die rot-grüne Regierung auf dem Höhepunkt eines Skandals um gefälschte Vermittlungsbilanzen der Bundesanstalt für Arbeit die Kommission »Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt« ein, die das damalige VW-Personalvorstandsmitglied Peter Hartz leitete.
Ihr gehörten 15 Mitglieder an, darunter neben Hartz weitere Manager sowie mehrere Unternehmensberater, ein Kommunalpolitiker und zwei Wissenschaftler. Deutlich unterrepräsentiert waren die Gewerkschaften – ihr Dachverband, der DGB, ebenso wie Betriebsräte und Initiativen der Erwerbslosen als unmittelbar Betroffene sogar überhaupt nicht vertreten.
Die später nach Hartz benannte Kommission setzte nicht bei den Ursachen der Massenarbeitslosigkeit, sondern auf der Erscheinungsebene an. Statt die Entwicklung des zeitgenössischen Kapitalismus zu analysieren und ein in sich schlüssiges Konzept der Krisenbewältigung mittels seiner Beeinflussung durch eine aktive Wirtschafts-, Struktur– und Beschäftigungspolitik auszuarbeiten, verortete sie das Problem im staatlich-administrativen und im Vermittlungsbereich.
So wurde der Eindruck unterstrichen, daß es die Betroffenen letztlich selbst verschulden, weil sie faul seien, zu wenig Eigeninitiative entfalteten und nur deshalb nicht sofort nach ihrer Kündigung eine neue Stelle fänden.
Mit vier Gesetzen »für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt« bemühten sich SPD und Bündnisgrüne, die auf 344 Berichtsseiten dargelegten Kommissionsvorschläge in Verwaltungshandeln umzusetzen.
Die Hartz-Gesetze waren der gravierendste Eingriff in das deutsche System der sozialen Sicherheit seit über 50 Jahren. Besonders Hartz IV ebnete den Weg vom aktiven zum »aktivierenden« Wohlfahrtsstaat, der auf Fürsorge, Almosen und Suppenküchen setzt.
Mit der Arbeitslosenhilfe wurde zum ersten Mal nach 1945 eine für Millionen Menschen existentiell wichtige Sozialleistung abgeschafft. Das als Ersatz konzipierte Arbeitslosengeld II orientierte sich nicht mehr am früheren Nettoverdienst, sondern brach mit dem Prinzip der Lebensstandardsicherung und warf selbst Facharbeiter und Ingenieure, die nicht sofort eine neue Stelle fanden, nach einer kurzen Schonfrist auf das Sozialhilfeniveau zurück.
Ein staatlich geförderter Niedriglohnsektor, den die Hartz-Gesetze zu errichten halfen, war das Einfallstor für neue Armut. Um sie mit Erfolg zu bekämpfen, wäre ein gesetzlicher, flächendeckend wirksamer Mindestlohn nötig.
Quelle: junge Welt
Mit freundlicher Genehmigung zur Wiedergabe hier auf Mein Politikblog. Dankeschön!
Der Autor Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Kürzlich ist sein um die jüngste Hartz-IV-Neuregelung aktualisiertes Buch »Armut in einem reichen Land« im Campus Verlag (Frankfurt am Main/New York 2012) erschienen.
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Kategorie » BA/ArGe/Hartz IV « | Tags » Arbeitslosigkeit, Christoph Butterwegge, Die Grünen, Grüne, Hartz, Hartz IV, Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, Sozialabbau, SPD «
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