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Hellenische Testkaninchen

Donnerstag, 23. Februar 2012-17:53 -|- Eingestellt von: |

Mogel­pa­ckung Hilfs­paket: Das Europa der Kon­zerne will im glo­balen Rennen bleiben und seine Ein­heits­wäh­rung retten. Der Rest ist ein Expe­ri­ment mit Men­schen. | Von Klaus Fischer | junge Welt | — Am Rosen­montag wurde gerettet.

Unter dem Bei­fall einiger Cla­queure rollte von Brüssel aus ein wei­terer Hilfszug Rich­tung Athen. »Grie­chen­land ist unab­steigbar«, skan­dierte ein hand­ver­le­senes Publikum und dessen Diri­genten hofften auf einen Mar­ke­tin­geffekt. Vergeblich.

Am Dienstag kamen die Zweifel. Und obwohl deren mate­ri­elle Ursa­chen bereits vor dem Ver­pa­cken der neuen Wun­der­tüte bekannt waren, spielten die Betei­ligten die Farce Zug um Zug durch. Haupt­anlaß für die »plötz­lich« auf­kom­menden Bedenken waren aktu­ellen Zah­len­spiele zur Wirt­schafts­lage Griechenlands.

Die Ein­satz­gruppe der Troika aus EU-​Kommission, Inter­na­tio­nalem Wäh­rungs­fonds und Euro­päi­scher Zen­tral­bank hatte aus Athen Daten gemeldet, deren Ana­lyse nur einen Schluß zuläßt — an der Pleite führt kein Weg vorbei. Haupt­grund: Die grie­chi­sche Wirt­schafts­leis­tung ver­rin­gerte sich mit rasantem Tempo, weitaus stärker als bisher angenommen.

Im Oktober hatten die Troika-​Prüfer ihre Pro­gnose für den Rück­gang des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) im selben Jahr von 2,8 auf 5,5 Pro­zent kor­ri­giert. Inzwi­schen rechnen sie mit 6,1 Pro­zent, wie die Nach­rich­ten­agentur dapd aus der vor­läu­figen Schul­den­trag­fä­hig­keits­ana­lyse zitierte. Für 2012 wird ein Schrumpfen des BIP um 4,3 Pro­zent statt wie bisher ange­nommen um drei Pro­zent erwartet, noch im letzten Sommer hatten die Fach­leute von 0,7 Pro­zent Wachstum geträumt.

In den kom­menden Jahren dürfte dem­nach die anhal­tende Rezes­sion alle Hoff­nungen auf ein Gelingen des »Ret­tungs­planes« zunichte machen. Der basiert näm­lich auf der Annahme, daß die Wirt­schafts­leis­tung ab 2013 wieder wachsen wird und der Staat im Jahr 2020 seine Ver­bind­lich­keiten auf dann ver­meint­lich »trag­bare« 120,5 Pro­zent des BIP redu­ziert haben könnte.

Statt dessen wird Grie­chen­lands Wirt­schafts­leis­tung nach aktu­ellen Annahmen 2013 allen­falls sta­gnieren. Unter der­ar­tigen Vor­aus­setz­tungen erüb­rigt sich die Kom­men­tie­rung der Pro­gnose, die jetzt für 2014 ein Wachstum von 2,3 Pro­zent unterstellt.

Wie in einer ver­knüpften Excel-​Tabelle ver­schlech­tern sich damit auch alle anderen Zahlen in der aktu­ellen Wirt­schafts­pro­gnose für Athen: Die Neu­ver­schul­dung des Staates steigt, eine Redu­zie­rung auf etwa 120 Pro­zent in acht Jahren ist Illu­sion. Erhöhen wird sich vor allem die Summe der not­wen­digen Hilfs­zah­lungen, woher auch immer sie kommen mögen.

Dabei ist nicht die Rede von Unter­stüt­zung für die Mehr­zahl der grie­chi­schen Bürger. Denen kommt in den Plan­spielen der Euro­kraten allen­falls die Rolle von Ver­suchs­ka­nin­chen zu. Lohn­kür­zungen werden dik­tiert — ohne Ein­fluß auf die Preise zu haben. Auch beim Ren­ten­klau hält sich die Obrig­keit strikt an die Grund­re­geln des Klas­sen­kampfes von oben. Hohe Pen­sionen werden gering, nied­rige stark gekürzt.

Wer will auch einem ver­dienten Admiral die Hälfte der Alters­be­züge weg­nehmen, wo er sich doch immer für den Kauf deut­scher U-​Boote ein­ge­setzt hat? Selbst die beken­nenden Sozi­o­pa­then in Brüssel und Washington (IWF) mußten Druck machen, damit Athens Olig­ar­chen ihre Pala­dine in Regie­rung, Justiz und Militär nicht kom­plett von den Kür­zungen ausnehmen.

Grie­chen­lands Gewerk­schaften und Linke Par­teien wären schlecht beraten, wenn sie die Schul­digen an ihrer Misere aus­schließ­lich in Berlin, Brüssel oder Paris suchten. Es gehört zum Kalkül der Herr­schenden, in Kri­sen­si­tua­tionen die Völker gegen­ein­ander auf­zu­hetzen. Daß ihnen dies trotz erwie­senem Können bei der Her­bei­füh­rung dieser Krisen und legen­därer Unfä­hig­keit bei deren Lösung immer wieder gelingt, kann schon fast als Makel unserer Art ange­sehen werden.

Bei­spiel für kal­ku­lierte Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit ist der vom Europa der Kon­zerne geplante Ölboy­kott gegen Iran. Da wird dem poten­ti­ellen per­si­schen Atom­auf­steiger ange­kün­digt, dessen Öl nicht mehr kaufen zu wollen. Doch die groß­spre­che­risch insze­nierte Aktion ist allen­falls ein Hun­ger­streik, für Grie­chen­land aber womög­lich ein »Todes­fasten«. Athen nimmt Teheran mehr als ein Drittel des nach Europa gehenden Erdöls ab.

Sollen die Grie­chen den drin­gend benö­tigten Ener­gie­träger dann am »freien Markt« kaufen? Schon jetzt wird der Preis des Petro­leums von Spe­ku­lanten in neue Rekord­höhen getrieben. Es ist kaum aus­zu­denken was geschieht, wenn das Land mit der Hälfte oder weniger des bisher ver­brauchten Öls aus­kommen müßte.

Europas Herr­scher dürften das als Kol­la­te­ral­schaden akzep­tieren. Sie und ihre Helfer haben der­zeit alle Hände voll zu tun, damit ihnen nicht der ganze Laden um die Ohren fliegt. Die Schul­den­krise ist, trotz zahl­rei­cher Facetten, haupt­säch­lich ein trans­at­lan­ti­scher Wirt­schafts­krieg, ein Kampf um eines der wich­tigsten Werk­zeuge beim Aus­plün­dern der Welt — um eine domi­nante glo­bale Wäh­rung. Washington und Wall Street, assis­tiert von ihren Kom­plizen im Lon­doner Aus­guck, üben gewal­tigen Druck aus, um den Euro als Kon­kur­renten aus­zu­schalten. Das könnte gelingen.

Obwohl Dollar und Pfund min­des­tens ebenso marode daher­kommen wie der Euro, die Schulden beider Kon­tra­henten ein­ander in nichts nach­stehen, kann die Dollar-​Fraktion auf den Vor­teil bauen, jahr­zehn­te­lang beherr­schend zu sein. Den spielt sie der­zeit aus — nicht ohne gleich­zeitig am Ast zu sägen, auf dem sie selbst hockt.

Quelle: junge Welt

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Dankeschön!

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Kategorie » Finanzkrise « | Tags » , , «

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gelesen: 570 · heute: 5 · zuletzt: 20. Mai 2012

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