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Händler des Todes

Samstag, 25. Februar 2012-15:52 -|- Eingestellt von: |

Die Bun­des­re­pu­blik gehört zu den welt­weit größten Rüs­tungs­ex­por­teuren. Ver­kauft wird dabei auch an Länder, die in bewaff­nete Kon­flikte invol­viert sind. | Von Lühr Henken | junge Welt | — Mit einem Plus von 72 Pro­zent bei kom­mer­zi­ellen Aus­fuhren von Kriegs­waffen ist 2010 der Export­um­satz deut­scher Rüs­tungs­kon­zerne gera­dezu durch die Decke geschossen. Die kom­mer­zi­elle Aus­fuhr erreichte den Wert von 2,076 Mil­liarden Euro.

Der Gesamt­ex­port erreichte in diesem Jahr (inklu­sive des von gebrauchten Bun­des­wehr­kriegs­waffen) mit 2,119 Mil­li­arden Euro einen his­to­ri­schen Höchst­stand. »Bombig ver­dient«, titelte Der Spiegel. Deutsch­land habe 2010 dabei »soviel Geld ein­ge­nommen wie noch nie« (Der Spiegel, 28.11.11).

Anlaß war die Bekannt­gabe des Rüs­tungs­ex­port­be­richts der Bun­des­re­gie­rung für das Jahr 2010, der am 7.12.2011 ver­öf­fent­licht wurde. Die Presse hatte aller­dings nur einen Anstieg von rund 50 Pro­zent ermit­telt, weil sie die Aus­fuhr gebrauchter Kriegs­waffen der Bun­des­wehr nicht her­aus­ge­rechnet hatte.

Das ange­se­hene inter­na­tio­nale Frie­dens­for­schungs­in­stitut in Stock­holm (SIPRI) führt Deutsch­land seit 2005 dau­er­haft auf Platz drei der Welt­rang­liste der Rüs­tungs­ex­por­teure. SIPRI berück­sich­tigt nur schwere Waf­fen­sys­teme ein­schließ­lich Raketen und Tor­pedos sowie Schiffs­mo­toren und große elek­tro­ni­sche Geräte. In West­eu­ropa ist die Bun­des­re­pu­blik dem­nach die Nr. 1. Im Jahr­fünft von 2006 bis 2010 war der deut­sche Rüs­tungs­handel laut SIPRI fast so hoch wie der Frank­reichs und Groß­bri­tan­niens zusammen.

In diesem Zeit­raum erfuhr der deut­sche Rüs­tungs­ex­port­wert gegen­über dem Jahr­fünft zuvor eine Ver­dop­pe­lung, wäh­rend der Welt­rüs­tungs­handel nur um knapp ein Viertel gestiegen ist. Der deut­sche Welt­markt­an­teil wuchs in diesen fünf Jahren von 6,7 auf 10,6 Pro­zent. Wir haben also, was die BRD betrifft, einen Boom in diesem Markt­seg­ment zu ver­zeichnen. 2010 hatten die USA laut SIPRI einen Welt­markt­an­teil von knapp 35, Ruß­land von 24 und Deutsch­land von 9,4 Prozent.

U-​Boote, Panzer, Raketen

Der welt­weite Waf­fen­handel ist stark kon­zen­triert. 80 Pro­zent stammen aus nur fünf Län­dern: USA, Ruß­land, Deutsch­land, Frank­reich und Groß­bri­tan­nien. 2010 expor­tierte die Bun­des­re­pu­blik Kriegs­waffen in 60 Länder. Haupt­ab­neh­mer­land war Por­tugal. Für zwei U-​Boote zahlte das kri­sen­ge­schüt­telte Land 812 Mil­lionen Euro. Auf Platz 2 das marode Grie­chen­land. Es über­wies 403 Mil­lionen Euro für ein U-​Boot. Die Haupt­emp­fänger deut­scher Kriegs­waffen von 2000 bis 2010 waren laut SIPRI Grie­chen­land, Türkei, Süd­afrika, Süd­korea, Aus­tra­lien und Spanien.

Der deut­sche Rüs­tungs­ex­port­wert setzt sich ins­ge­samt so zusammen: Etwa die Hälfte des Werts bilden U-​Boote und Kriegs­schiffe und ein Viertel Kampf– und Schüt­zen­panzer. Dann folgen elek­tro­ni­sche Bauteile.

In den zehn Jahren von 2001 bis 2010 hat die Bun­des­re­gie­rung beim UN-​Waffenregister unter anderem den voll­zo­genen Export von je vier U-​Booten und Fre­gatten sowie von 1 620 Kampf­pan­zern Leo­pard gemeldet. Die Kampf­panzer sind vor allem aus­ran­giertes Bundeswehrmaterial.

Statt nicht mehr ver­wen­dungs­fä­hige Bun­des­wehr­waffen zu ver­schrotten, wurde in diesen zehn Jahren für gut eine Mil­li­arde Euro Alt­ma­te­rial welt­weit expor­tiert. Im letzten Dezember wurde bekannt, daß 69 Patriot-​Flugabwehrraketen aus deut­schen Beständen auf dem Weg nach Süd­korea waren. Und Thai­land wünscht die Lie­fe­rung von vier bis sechs still­ge­legten U-​Booten der Bundeswehr.

Der Rüs­tungs­ex­port­be­richt unter­scheidet zwi­schen der real erfolgten Aus­fuhr von Kriegs­waffen, von der bisher die Rede war, und Geneh­mi­gungen für Exporte. Nachdem die Medien vorab von dem exor­bi­tanten Anstieg des Han­dels mit Kriegs­gerät berich­teten, mußte die Pres­se­mit­tei­lung der Bun­des­re­gie­rung über die Beschluß­fas­sung ihres Rüs­tungs­ex­port­be­richts gera­dezu Erstaunen aus­lösen. Keine Silbe über den gewal­tigen Export­an­stieg. Der war ihr wohl zu peinlich.

Statt dessen über­schrieb sie ihre Mit­tei­lung mit »Rüs­tungs­ex­porte: Weniger Aus­fuhr­ge­neh­mi­gungen« und hob hervor, daß »2010 das Volumen der Aus­fuhr­ge­neh­mi­gungen für Rüs­tungs­güter um 5,7 Pro­zent zurück­ge­gangen sei.« Der Wert der Ein­zel­aus­fuhr­ge­neh­mi­gungen hätte sich um 290 Mil­lionen auf 4,7 Mil­li­arden Euro gesenkt. 71 Pro­zent davon seien auf EU-​, NATO– und ihnen gleich­ge­stellte Staaten entfallen.

Auf Ent­wick­lungs­länder ent­fielen etwa 365 Mil­lionen, was sogar 10,5 Pro­zent weniger seien als im Vor­jahr. Die Regie­rung betont zudem, daß sie an den angeb­lich so strengen Regeln der Aus­fuhr­kon­trolle fest­halte. Der unbe­darfte Bürger soll augen­schein­lich den Ein­druck gewinnen, daß der Waf­fen­ex­port zurückgeht.

Ver­glei­chen wir den Wert von 4,7 Mil­li­arden mit den Geneh­mi­gungs­werten der Vor­jahre, so ist es der viert­höchste seit 1996. Bei Geneh­mi­gungen in Dritt­länder ran­giert das Jahr 2010 auf Platz 5 in den letzten 15 Jahren. Die Werte schwanken Jahr für Jahr. Hier den Ein­druck erwe­cken zu wollen, es han­dele sich um eine Trend­wende, ist eine plumpe Irre­füh­rung der Öffentlichkeit.

Der kom­mer­zi­elle Kriegs­waf­fen­ex­port wird staat­lich geför­dert, indem der Staat Aus­fall­ga­ran­tien für deut­sche Rüs­tungs­trans­fers über­nimmt, die soge­nannten Hermes-​Bürgschaften. Die zuletzt bekannte Zahl ist die für 2009. Sie betrug 1,92 Mil­li­arden Euro und bezog sich auf Lie­fer­ge­neh­mi­gungen an Länder wie Ban­gla­desh, Indien, Irak, Süd­korea, Libyen, Pakistan und die Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emirate.

Export­schlager Massenvernichtung

Ein zweites bri­santes Faktum blendet die Regie­rung in der Pres­se­mit­tei­lung völlig aus: den Export von Klein­waffen. Der Begriff »Klein­waffe« klingt harmlos. Aber die Waffen sind es kei­nes­wegs – im Gegen­teil. Denn unter diese Kate­gorie fallen neben Pis­tolen und Revol­vern auch Maschinen– und Schnell­feu­er­ge­wehre, Maschi­nen­pis­tolen und kleine Mörser.

Diese sind wahre Mas­sen­ver­nich­tungs­waffen: Von 100 Kriegs­toten sterben 73 durch Gewehre, Pis­tolen und Revolver. Über­wie­gend trifft das Frauen und Kinder. Die deut­sche Firma Heckler&Koch (H&K) hat etwa 15 Mil­lionen Gewehre des Typs G3 her­ge­stellt. Völlig legal wurden sie in 88 Staaten expor­tiert. Schät­zungen spre­chen davon, daß seit 1949, dem Jahr der Fir­men­grün­dung von Heckler&Koch, etwa 1,5 Mil­lionen Men­schen mit H&K-Produkten getötet wurden.

Lizenz­ver­ein­ba­rungen zum Nachbau gibt es mit der Türkei, Saudi-​Arabien, Mexiko, Iran und Pakistan. G-​3-​Gewehre finden sich heute im Bür­ger­krieg in Somalia, in Thai­land, tür­ki­sche Sol­daten töteten mit dem G-​3-​Gewehr Kurden, das mexi­ka­ni­sche Militär setzte sie in Chiapas ein.

Wo die Waffen letzten Endes landen, ist nicht steu­erbar. Zum Bei­spiel fanden sich unter dem Schah-​Regime in Lizenz her­ge­stellte Waffen im Bür­ger­krieg im Süd­sudan und in Darfur wieder. Pakistan hat H&K-Waffen unkon­trol­liert expor­tiert. Im russisch-​georgischen Krieg befanden sich G-​36-​Gewehre auf der Seite Geor­giens im Ein­satz; ebenso im Libyen-​Krieg 2011. Und das, obwohl Libyen und Geor­gien nicht direkt belie­fert worden sind.

Ange­sichts dieser ver­hee­renden Aus­wir­kungen ist es beson­ders anstößig, daß der deut­sche Klein­waf­fen­ex­port seit Jahren steigt. Dabei ist skan­dalös, daß ins­be­son­dere Lie­fe­rungen in Dritt­länder, also außer­halb von NATO und EU, beson­ders stark zuge­nommen haben. Zahlen belegen das. Geneh­mi­gungen für diesen Klein­waf­fen­ex­port liegen im Zeit­raum 2005 bis 2010 beim 2,3fachen des Wertes des vor­her­ge­henden Jahr­fünfts. Der Wert für 2010 ist der dritt­höchste in den ver­gan­genen 15 Jahren. Das trifft auch auf den Muni­ti­ons­handel für Klein­waffen mit Dritt­län­dern zu. Ihr Geneh­mi­gungs­wert im letzten Jahr­fünft ist sogar viermal so hoch wie in den fünf Jahren davor.

2010 erteilte die Regie­rung die Geneh­mi­gung für den Export von Klein­waffen in 31 Staaten außer­halb von EU und NATO. Fast 30 Pro­zent davon gingen 2010 an das repres­sive Regime in Saudi-​Arabien (3008 Gewehre, 56330 Bestand­teile für Gewehre sowie 30002 Bestand­teile für Maschinenpistolen).

Zudem wurden dem Land am Golf 20 Mil­lionen Bestand­teile für Gewehr­mu­ni­tion geneh­migt. Sau­di­sche Truppen betei­ligten sich an der Nie­der­schla­gung fried­li­cher Pro­teste in Bah­rain im März 2011 und sind immer noch nicht zurück­ge­zogen worden. Demons­tra­ti­ons­ver­bote gegen die Schiiten im Osten des Landes werden brutal durch­ge­setzt. 2011 wurde bekannt, daß Heckler&Koch in Saudi-​Arabien eine Fabrik für Sturm­ge­wehre des Typs G36 errichtet hat. Sie hat bereits die Pro­duk­tion auf­ge­nommen und wirbt für den Export.

Wei­tere Geneh­mi­gungen für den Export von Klein­waffen wurden 2010 erteilt an das König­reich Bah­rain (gewalt­same Nie­der­schla­gung fried­li­cher Demons­tranten seit März 2011), an das Sul­tanat Brunei (Aus­nah­me­zu­stand seit 1962), an Indien (drei bewaff­nete Kon­flikte im Land), an Mexiko (Auf­stands­be­kämp­fung gegen die Zapa­tisten in Chiapas) und an die Phil­ip­pinen. Deutsch­land ist der dritt­größte Klein­waf­fen­ex­por­teur der Welt – nach den USA und Ita­lien. (nd vom 29.11.2011)

Es stellt sich die Frage, wes­halb diese Aus­fuhren geneh­migt werden. Die Regie­rung beruft sich auf ihre »Poli­ti­schen Grund­sätze« aus dem Jahr 2000, wonach ins­be­son­dere in diese Dritt­länder der Export von Kriegs­waffen und Rüs­tungs­gü­tern »restriktiv gehand­habt« wird. Der ent­spre­chende Passus in diesen »Poli­ti­schen Grund­sätzen« klingt eindeutig:

»Geneh­mi­gungen für Exporte nach KWKG (Kriegs­waf­fen­kon­troll­ge­setz) und/​oder AWG (Außen­wirt­schafts­ge­setz) kommen nicht in Betracht, wenn die innere Lage des betref­fenden Landes dem ent­ge­gen­steht, z.B. bei bewaff­neten internen Aus­ein­an­der­set­zungen und bei hin­rei­chendem Ver­dacht des Miß­brauchs zu innerer Repres­sion oder zu fort­dau­ernden und sys­te­ma­ti­schen Men­schen­rechts­ver­let­zungen. Für diese Frage spielt die Men­schen­rechts­si­tua­tion im Emp­fän­ger­land eine wich­tige Rolle.« (Punkt 4)

Jedoch, wie heißt es so schön: Keine Regel ohne Aus­nahme. So auch hier: »Der Export von Kriegs­waffen wird nicht geneh­migt, es sei denn, daß im Ein­zel­fall beson­dere außen– oder sicher­heits­po­li­ti­sche Inter­essen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land unter Berück­sich­ti­gung der Bünd­nis­in­ter­essen für eine aus­nahms­weise zu ertei­lende Geneh­mi­gung sprechen.

Beschäf­ti­gungs­po­li­ti­sche Gründe dürfen keine aus­schlag­ge­bende Rolle spielen.« (Punkt 2) Aus­nahms­weise? Schauen wir uns die Geneh­mi­gungen für Klein­waffen nur seit 2005 an. Bah­rain wurden Klein­waffen 2006, 2007 und 2009 geneh­migt, und Indien, Mexiko, die Phil­ip­pinen und Saudi-​Arabien erhielten seit 2005 Jahr für Jahr Geneh­mi­gungen. Klar ist, die Aus­nahmen wurden zur Regel, so daß sich die Regie­rungs­grund­sätze als Augen­wi­scherei erweisen.

Das trifft auch auf die Türkei zu, die zwar dank ihrer NATO-​Mitgliedschaft keinen Lie­fer­re­strik­tionen unter­liegt, die jedoch im Innern repressiv in Kur­distan agiert und von Zeit zu Zeit auch im Nach­bar­land Irak bombt. Welche deut­schen Aus­rüs­tungs­lie­fe­rungen (u.a. Gewehre, Muni­tion und Elek­tronik) dort ein­ge­setzt werden, geht aus den Regie­rungs­be­richten nicht hervor.

Kei­nerlei Transparenz

So viel zum Export von Waffen, die zur inneren Repres­sion ver­wendet werden können. Was ist mit allen anderen? Der in der Dis­kus­sion immer wieder ver­wen­dete Begriff Span­nungs­ge­biet, in das keine Waffen gelie­fert werden dürfen, findet sich in den Vor­schriften nicht. Statt dessen werden diese Zonen so beschrieben:

»Die Lie­fe­rung von Kriegs­waffen und kriegs­waf­fen­nahen sons­tigen Rüs­tungs­gü­tern wird nicht geneh­migt in Länder, die in bewaff­nete Aus­ein­an­der­set­zungen ver­wi­ckelt sind oder wo eine solche droht, in denen ein Aus­bruch bewaff­neter Aus­ein­an­der­set­zungen droht oder beste­hende Span­nungen und Kon­flikte durch den Export aus­ge­löst, auf­recht­er­halten oder ver­schärft würden.

Lie­fe­rungen an Länder, die sich in bewaff­neten äußeren Kon­flikten befinden oder bei denen eine Gefahr für den Aus­bruch sol­cher Kon­flikte besteht, scheiden des­halb grund­sätz­lich aus, sofern nicht ein Fall des Arti­kels 51 der UN-​Charta vor­liegt.« (Punkt 5 der »Poli­ti­schen Grundsätze«)

Auf den ersten Blick scheint es so zu sein, daß es dem­nach Waf­fen­lie­fe­rungen in den Nahen Osten, Süd­asien und nach Süd­korea nicht geben dürfte, denn dort drohen bewaff­nete äußere Kon­flikte. Gelie­fert wird den­noch. Behauptet wird, die Lie­fe­rungen wirkten eben nicht aus­lö­send für Kriege, würden die Span­nungen nicht ver­schärfen und würden sie auch nicht auf­recht­er­halten. Falls daran den­noch Zweifel bestehen, wird Artikel 51 der UN-​Charta, das Recht auf Selbst­ver­tei­di­gung, legi­ti­mie­rend hinzugezogen.

Also ist alles eine Frage des Ermes­sens. Debatten über heikle Lie­fe­rungs­ab­sichten werden aus dem Bun­destag ver­bannt. Die Ent­schei­dungen fallen abhör­si­cher im Bun­des­si­cher­heitsrat. Debatten nach den Ent­schei­dungen finden anläß­lich der Ver­öf­fent­li­chung des Rüs­tungs­ex­port­be­richts statt – also bisher min­des­tens ein Jahr später. For­de­rungen nach Trans­pa­renz wehrt die Regie­rung ab.

Der Umfang der Aus­fuhr­ge­neh­mi­gungen in die drei ange­spro­chenen Gebiete – also Nahost, Süd­asien und Süd­korea – ist relativ hoch. Sowohl Indien als auch Pakistan wurden in den drei Jahren von 2008 bis 2010 jeweils Exporte im Wert von 200 bis 250 Mil­lionen Euro geneh­migt. Wie in den Fällen Grie­chen­land und Türkei werden hier ebenso zwei unmit­tel­bare Rivalen mit deut­schen Waffen aufgerüstet.

Seit 2008 haben die Geneh­mi­gungen in den Nahen und Mitt­leren Osten gewaltig zuge­nommen. Die Liste führen die Emi­rate mit fast einer Mil­li­arde an, gefolgt von Saudi-​Arabien für fast 600 Mil­lionen Euro. Dann kommen Kuwait, Israel, Oman, Bah­rain und Katar. Hier wird gegen den Iran auf­ge­rüstet. Süd­korea wurden in den drei Jahren Geneh­mi­gungen für 2,1 Mil­li­arden Euro erteilt. Auch die des­po­ti­schen ara­bi­schen Regime Nord­afrikas erhielten Geneh­mi­gungen. Im Jahr­fünft bis 2010 an Tune­sien für fünf Mil­lionen, an Alge­rien für 30, an Libyen für 63 und an Ägypten für 132 Mil­lionen Euro.

Der Geneh­mi­gungs­boom hält an. 2011 hat der Bun­des­si­cher­heitsrat eine Vor­an­frage Saudi-​Arabiens für den Export von 270 Kampf­pan­zern »Leo­pard 2 A7+« gut­ge­heißen. Ihr Wert liegt bei etwa drei Mil­li­arden Euro. Diese spe­ziell für den Kampf in Städten und Ort­schaften ent­wi­ckelten Panzer eignen sich für den Ein­satz gegen Auf­stän­di­sche in Saudi-​Arabien und in dessen Nach­bar­län­dern. Die Haupt­ent­schei­dung steht noch aus.

2011 ist die Kanz­lerin als Han­dels­rei­sende in Sachen Rüs­tungs­ex­port beson­ders enga­giert gewesen. In Indien warb sie für Euro­fighter (der Anteil von EADS Deutsch­land am Eurofighter-​Konsortium beträgt 33 Pro­zent), in Angola bot sie bis zu acht schlag­kräf­tige Patrouil­len­boote an. Alge­rien soll Fre­gatten erhalten, der Bau einer Fabrik für Trans­port­panzer des Typs »Fuchs« ist geplant. Israel soll ein sechstes atom­waf­fen­fä­higes U-​Boot von HDW erhalten.

Im Bun­des­haus­halt 2012 sind dafür 135 Mil­lionen Euro Zuschuß aus deut­schen Steu­er­gel­dern bereit­ge­stellt. Indo­ne­sien mel­dete den Kauf­wunsch von 100 Kampf­pan­zern des Typs »Leo­pard 2 A6«. Der deut­schen Rüs­tungs­in­dus­trie reicht das nicht. Der Bun­des­ver­band der deut­schen Sicher­heits– und Ver­tei­di­gungs­in­dus­trie (BDSV), ein Lob­by­ver­band der 80 größten deut­schen Rüs­tungs­be­triebe, wünscht sich eine noch stär­kere Unter­stüt­zung der Bun­des­re­gie­rung bei der Ver­mark­tung ihrer töd­li­chen Pro­dukte. Ver­tei­di­gungs­mi­nister Thomas de Mai­zière (CDU) hat diese bereits zugesagt.

Große Pro­jekte sind welt­weit aus­ge­schrieben. Aus­tra­lien bietet einen U-​Boot-​Auftrag über 19 Mil­li­arden Euro an, bis 2030 will das Land zwölf U-​Boote kaufen. Die zum ThyssenKrupp-​Konzern gehö­rende Werft HDW ist unter den drei Bewer­bern um den Auf­trag. Ins­ge­samt wird bis 2020 von einem Bedarf von zirka 60 Mari­ne­schiffen für Alge­rien, Bra­si­lien, Indien, Israel, den Emi­raten und Katar ausgegangen.

Der Ein­satz der Bun­des­kanz­lerin für die Euro­fighter in Indien war ver­ge­bens. Ende Januar wählte Neu-​Delhi das fran­zö­si­sche Kampf­flug­zeug »Rafale« aus. Der Her­steller Dassault Avia­tion darf nun 128 Jagd­flug­zeuge im Wert von zirka zehn Mil­li­arden Dollar pro­du­zieren, aber auch EADS pro­fi­tiert von diesem Auf­trag, denn der deutsch-​französische Kon­zern hält 46 Pro­zent an Dassault. Dar­über hinaus gibt es welt­weit Aus­schrei­bungen für über 200 Kampf­flug­zeuge, bei denen der Euro­fighter noch im Rennen ist.

»Bedeu­tender Wirtschaftsfaktor«?

EADS ist zwar kein »rein« deut­scher Kon­zern, aber mit einem deut­schen Anteil von 22,5 Pro­zent am Rüs­tungs­um­satz von 13,4 Mil­li­arden Euro 2010 ist er der größte deut­sche Rüs­tungs­kon­zern. Platz 2 belegt Rhein­me­tall mit zwei Mil­li­arden, gefolgt von Krauss Maffei/​Wegmann mit 900 Mil­lionen. Platz 4 teilen sich mit je 700 Mil­lionen Euro gemeinsam Diehl und Thys­sen­Krupp. Auf Platz 6 folgt MTU Aero Engine mit einem Rüs­tungs­um­satz von 500 Mil­lionen Euro vor Heckler&Koch mit 250 Mil­lionen im Jahr 2010. (Der Spiegel vom 11.7.2011)

Die deut­schen Rüs­tungs­kon­zerne setzen nach eigenen Angaben im Jahr etwa 16 Mil­li­arden Euro um, wovon zirka 70 Pro­zent in den Export gehen, und beschäf­tigen unge­fähr 80000 Men­schen. Sie behaupten von sich, daß sie ein »bedeu­tender Wirt­schafts­faktor« seien.

Stimmt das? Welche ökono­mi­sche Rele­vanz hat die deut­sche Rüs­tungs­in­dus­trie? Der Umsatz von 16 Mil­li­arden Euro bedeutet gerade einmal einen Anteil von 0,64 Pro­zent am deut­schen Brut­to­in­lands­pro­dukt von 2500 Mil­li­arden Euro. Das ist sehr wenig. 80000 Beschäf­tigte von 28,5 Mil­lionen sozi­al­ver­si­che­rungs­pflichtig Beschäf­tigten sind 0,28 Pro­zent. Auch dies ist gesamt­wirt­schaft­lich betrachtet eine mar­gi­nale Größe. Mit anderen Worten, ein Ver­zicht auf Rüs­tungs­pro­duk­tion wäre ökono­misch leicht ver­kraftbar. Die vom BDSV sich selbst ver­lie­hene Aus­zeich­nung ist also eine glatte Übertreibung.

Eine Umstel­lung auf zivile Pro­dukte, mit dem Ziel, die Arbeits­plätze zu erhalten, müßte finan­ziell durch ein Kon­ver­si­ons­pro­gramm flan­kiert werden. Nur so lassen sich Gewerk­schaften und Beschäf­tigte dafür gewinnen. His­to­ri­sche Ansätze gibt es dazu ins­be­son­dere in Bremen. Dort wurde in den 90er Jahren die Zusam­men­ar­beit von Unter­nehmen, Politik, Wis­sen­schaft, Gewerk­schaften und Frie­dens­be­we­gung erfolg­reich erprobt. Inhalt­liche Vor­ar­beiten reichten auf betrieb­liche Initia­tiven zu alter­na­tiver Fer­ti­gung sei­tens der IG Metall zurück.

Unter­stüt­zung läßt sich also in den Gewerk­schaften ein­for­dern. Ihre Beschlüsse sind ent­spre­chend. Im DGB-​Grundsatzprogramm von 1996 steht: »Rüs­tungs­ex­porte müssen dau­er­haft redu­ziert, Rüs­tungs­aus­gaben nach­haltig gesenkt werden.« Die IG Metall ver­fügt seit 1998 über ein »Akti­ons­pro­gramm Rüs­tungs­kon­ver­sion«. Ihr Gewerk­schaftstag in Leipzig 2007 hat den AK Wehr­technik beauf­tragt, dieses zu aktua­li­sieren. Es ist aller­dings nicht erkennbar, ob oder wie das geschieht.

Die Bevöl­ke­rung lehnt Rüs­tungs­ex­porte mit großer Mehr­heit ab. Das ergab zuletzt eine reprä­sen­ta­tive Emnid-​Umfrage Anfang Oktober 2011. Auf die Frage »Sollte Deutsch­land Ihrer Mei­nung nach Waffen und andere Rüs­tungs­güter in andere Länder ver­kaufen oder nicht?« ant­wor­teten 78 Pro­zent mit »nicht verkaufen«.

Eine ähnliche Frage lau­tete: »In den Kriegs– und Kri­sen­ge­bieten werden die meisten Men­schen durch Pis­tolen, Gewehre und Maschi­nen­pis­tolen getötet. Sollte Deutsch­land den Ver­kauf sol­cher Waffen ins Aus­land grund­sätz­lich ver­bieten?«. 73 Pro­zent ant­wor­teten mit Ja.

Für ein grund­sätz­li­ches Verbot von Rüs­tungs­ex­porten setzt sich die »Aktion Auf­schrei – Stoppt den Waf­fen­handel!« ein. Die Kam­pagne hat das Ziel, daß das grund­sätz­liche Verbot von Rüs­tungs­ex­porten ins Grund­ge­setz auf­ge­nommen wird. Unter die For­de­rung werden bun­des­weit Unter­schriften gesammelt.

Quelle: junge Welt

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Dan­ke­schön!


www​.auf​schrei​-waf​fen​handel​.de

Lühr Henken ist einer der Spre­cher des Bun­des­aus­schusses Frie­den­rat­schlag (www​.ag​-frie​dens​for​schung​.de) und im Beirat der Infor­ma­ti­ons­stelle Mili­ta­ri­sie­rung (IMI) e.V. (www​.imi​-online​.de)

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gelesen: 1274 · heute: 3 · zuletzt: 18. Mai 2012

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