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In besseren Kreisen

Freitag, 16. Dezember 2011-11:34 -|- Eingestellt von: |

Von Redak­tion German For­eign Policy | – JENA (Eigener Bericht) — Recherchen zum frü­heren Umfeld der Ter­ror­clique NSU in Jena (Thü­ringen) ent­hüllen Ver­bin­dungen in Teile des bun­des­deut­schen Esta­blish­ments. So wird der mut­maß­liche NSU-​Unterstützer Ralf Wohl­leben von einer Anwältin ver­tei­digt, die vor rund zehn Jahren seine Stell­ver­tre­terin im Jenaer Kreis­ver­band der NPD gewesen sein soll.

Ein Kol­lege aus ihrer Kanzlei ist gemeinsam mit renom­mierten Poli­ti­kern aus Baden-​Württemberg, dar­unter ein ehe­ma­liger Lan­des­mi­nister, für eine ange­se­hene Kul­tur­stif­tung tätig, ein anderer war Front­mann einer Rechtsrock-​Band, deren Songs der NSU als Hin­ter­grund­musik für ein Ter­ror­video benutzte. Die Neo­na­zi­szene in Jena unter­hielt Ende der 1990er Jahre, als der NSU in den Unter­grund ging, auch Kon­takte zu stu­den­ti­schen Burschenschaften.

Dies galt ins­be­son­dere für die Bur­schen­schaft Nor­mannia Jena, die eine Zeit­lang das von Wohl­leben gepach­tete "Braune Haus" nutzte. Sie war meh­rere Jahre lang in einem bur­schen­schaft­li­chen Ver­band orga­ni­siert, dem CDU-​Politiker, aber auch in Ita­lien ver­ur­teilte Südtirol-​Terroristen angehören.

Rechts­schu­lungen

Aktu­elle Recher­chen zum frü­heren Umfeld der Neonazi-​Terrorclique NSU (Natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Unter­grund) kon­zen­trieren sich auf den mut­maß­li­chen NSU-​Unterstützer Ralf Wohl­leben und seine der­zei­tige Straf­ver­tei­di­gerin. Wohl­leben war seit Ende der 1990er Jahre einer der füh­renden Köpfe der Neo­na­zi­szene in Thü­ringen; ihm wird unter anderem vor­ge­worfen, 2001 oder 2002 eine Waffe für den NSU besorgt zu haben.

Zu dieser Zeit war Wohl­leben auch NPD-​Kreisvorsitzender in Jena; seine heu­tige Anwältin Nicole Schnei­ders gehörte der Partei damals eben­falls an, Recher­chen einer Stutt­garter Online-​Zeitung zufolge als seine Stell­ver­tre­terin. Laut dem nicht demen­tierten Bericht heißt es in einem Poli­zei­ver­merk über Schnei­ders, sie habe "als Jura­stu­dentin Rechts­schu­lungen (Wie ver­halte ich mich gegen­über der Polizei/​Justiz) in der Szene" durchgeführt.

Wei­terhin werden ihr, heißt es in dem Bei­trag — eben­falls unde­men­tiert -, von den Sicher­heits­be­hörden Äuße­rungen in einem Neonazi-​Internetforum zuge­schrieben, die etwa fol­genden Rat­schlag beinhalten: "Lagert in eurer Woh­nung keine Waffen, es sei denn, ihr besitzt (…) einen (…) Waf­fen­schein oder eine Waf­fen­be­sitz­karte." Auch die Stel­lung­nahme wird kol­por­tiert, es sei "sinn­voller, nach einer Revo­lu­tion zu inhaf­tieren, anstatt zu töten".[1]

Hin­ter­grund­musik

Schnei­ders arbeitet für die Stutt­garter Kanzlei H3, der außer ihr etwa Rechts­an­walt Klaus Harsch ange­hört. Harsch gibt an, unter anderem "aktives Mit­glied im Arbeits­kreis christ­lich demo­kra­ti­scher Juristen der CDU Mit­tel­baden" zu sein und sich außerdem als Vor­stands­mit­glied im "Anwalts­verein Baden-​Baden" sowie als "erster Vor­sit­zender im Kul­tur­werk für Süd­tirol" zu betätigen.

Er ist zudem Bei­sitzer im Vor­stand der Josef-​Saier-​Stiftung, eines gemein­nüt­zigen Ver­eins, der "das künst­le­ri­sche Lai­en­schau­spiel" för­dern will. Im Vor­stand der Stif­tung trifft Harsch etwa auf den eins­tigen baden-​württembergischen Lan­des­mi­nister Erwin Vetter (CDU), auf den CDU-​Landtagsabgeordneten Karl-​Wolfgang Jägel, auf den Ober­bür­ger­meister der Stadt Baden-​Baden, wei­tere Poli­tiker sowie einen Ver­treter der Daimler AG.

In seiner Kanzlei arbeitet der im baden-​württembergischen Esta­blish­ment wohl­ge­lit­tene Harsch nicht nur mit der ehe­ma­ligen NPD'lerin Schnei­ders, son­dern auch mit einem lang­jäh­rigen Front­mann einer berüch­tigten Neo­na­zi­band ("Noie Werte") zusammen. Rechts­an­walt Steffen Hammer war Sänger der letztes Jahr auf­ge­lösten Gruppe, deren Songs als Hin­ter­grund­musik auf dem NSU-​Terrorvideo Ver­wen­dung fanden.

Über "Noie Werte" urteilte das Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-​Württemberg, als sich 2008 her­aus­stellte, dass ein zweites Band­mit­glied als ehren­amt­li­cher Richter tätig war, deren Auf­treten wecke "Asso­zia­tionen zum natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regime", sei "gewalt­ver­herr­li­chend" und "von einer ver­fas­sungs­feind­li­chen Ideo­logie" gezeichnet.[2] Der ehren­amt­liche Richter wurde suspendiert.

Im "Braunen Haus"

Die Neo­na­zi­szene in Jena unter­hielt, als Ende der 1990er Jahre die wegen Bom­benbau gesuchte Ter­ror­gruppe mit aktiver Unter­stüt­zung ihres Umfeldes abtauchte, auch Kon­takte zu stu­den­ti­schen Bur­schen­schaften. Im Mit­tel­punkt stand zuerst die Bur­schen­schaft Jenensia Jena, eine Ver­bin­dung, die damals dem rund 10.000 Männer umfas­senden Dach­ver­band Deut­sche Bur­schen­schaft (DB) angehörte.

Zu einem Auf­tritt, der Kon­takte zwi­schen der Bur­schen­schaft und dem "Thü­ringer Hei­mat­schutz" erkennen ließ — diesem ent­stammte auch der NSU -, kam es Ende 1999. Damals schützten Akti­visten aus dem "Thü­ringer Hei­mat­schutz" eine Vor­trags­ver­an­stal­tung der Jenensia Jena mit einem extrem rechten Refe­renten; wei­tere Mit­glieder der Neonazi-​Organisation nahmen — wie schon mehr­fach zuvor bei der Jenensia — an der Ver­an­stal­tung teil.

Das Ereignis führte dazu, dass elf Bur­schen­schafter wegen ihrer Bezie­hungen zum "Thü­ringer Hei­mat­schutz" aus der Jenensia aus­ge­schlossen wurden; darauf grün­deten diese eine neue Bur­schen­schaft, die Bur­schen­schaft Nor­mannia Jena. Als Fest­redner bei deren Grün­dungs­ver­an­stal­tung trat der ehe­ma­lige CDU-​Bundestagsabgeordnete Hein­rich Lummer auf.

Die Nor­mannia Jena warb in einer der bedeu­tendsten Zeit­schriften der extremen Rechten um Mit­glieder und führte ihre Ver­an­stal­tungen eine Zeit­lang im von Ralf Wohl­leben gepach­teten "Braunen Haus" durch.

Volks­tums­be­zogen

Zugleich war die Bur­schen­schaft Nor­mannia Jena meh­rere Jahre lang Mit­glied zwar nicht der Deut­schen Bur­schen­schaft (DB), aber doch der Bur­schen­schaft­li­chen Gemein­schaft. Dabei han­delt es sich um einen Zusam­men­schluss von mehr als 40 Bur­schen­schaften auf dem Rechts­au­ßen­flügel der DB. Diesen Bur­schen­schaften gehören nicht nur zahl­reiche Poli­tiker der öster­rei­chi­schen FPÖ, son­dern etwa auch der deut­schen Uni­ons­par­teien an.[3]

Als etwa die Bur­schen­schaft Nor­mannia Hei­del­berg, die der Bur­schen­schaft­li­chen Gemein­schaft ange­hört, im Sommer 2009 den jähr­lich rotie­renden DB-​Vorsitz über­nahm, da erhielten zwei CDU-​Funktionäre zen­trale Ämter, unter ihnen ein ehe­ma­liges Lan­des­vor­stands­mit­glied der Jungen Union in Hessen. Die Bur­schen­schaft­liche Gemein­schaft behauptet, es habe "keine frei­wil­lige Abtre­tung der (deut­schen, d. Red.) Ost­ge­biete statt­ge­funden"; sie ver­trete daher "den volks­tums­be­zo­genen Vater­lands­be­griff ohne Rück­sicht auf staat­liche Gebilde und deren Grenzen".[4]

Bei internen Ver­an­stal­tungen der Bur­schen­schaft­li­chen Gemein­schaft trafen sich deren Mit­glieder mit Ver­tre­tern der Nor­mannia Jena, unter anderem bei einer Kneipe wäh­rend des Bur­schen­tages 2009. Nach der Feier folgte ein Streit unter­schied­li­cher Bur­schen­schafter, ob der Ver­treter der Nor­mannia Jena wäh­rend der Feier ein Par­tei­ab­zei­chen der NSDAP oder nur eine Preu­ßen­fahne als Anste­cker getragen habe — oder beides.[5]

"Ohne Opfer geht es nicht"

Nicht wenigen Bur­schen­schaf­tern aus Mit­glieds­bünden der Bur­schen­schaft­li­chen Gemein­schaft ist eine bestimmte, heute weithin ver­ges­sene Form extrem rechter Gewalt nicht fremd: der soge­nannte Südtirol-​Terrorismus der 1960er Jahre. Damals agi­tierte eine völ­ki­sche Auto­no­mie­be­we­gung der Deutsch­spra­chigen im Norden Ita­liens ("Süd­tirol") für eine stär­kere Abschot­tung gegen den Rest des Landes.

"Die Italiener" — gemeint waren Ita­lie­nisch Spre­chende — sollten im Süden bleiben, war zu hören. Die Auto­no­mie­be­we­gung griff zu Gewalt; bei Schusswaffen-​Attentaten und Sprengstoff-​Anschlägen kamen binnen weniger Jahre eine zwei­stel­lige Zahl von Men­schen ums Leben. An den Taten waren teil­weise auch Bur­schen­schafter aus Deutsch­land und aus Öster­reich beteiligt.

Einige Bur­schen­schafter aus Bünden, die der Bur­schen­schaft­li­chen Gemein­schaft ange­hören, wurden von ita­lie­ni­schen Gerichten in diesem Zusam­men­hang wegen Mordes oder anderer Straf­taten verurteilt.Mehrere von ihnen leben heute in Deutsch­land, manche halten in Bur­schen­schafts­häu­sern Vor­träge über die Ereig­nisse damals. 1966 äußerste sich ein Bur­schen­schafter aus der Bur­schen­schaft­li­chen Gemein­schaft zu den Attentaten:

"Unter Mord ver­steht man bekannt­lich die Tötung aus gemeinen, nied­rigen Motiven. Und das kann man den Aktionen der Frei­heits­kämpfer (eine Eigen­be­zeich­nung der Südtirol-​Terroristen, d. Red.) ja nicht unter­stellen, daß sie solche ver­folgen. Denn das Ziel, das sie haben, ist ein sehr edles und hohes, und daß es ohne Opfer nicht geht, ist selbstverständlich."[6]

Inner­halb der Bur­schen­schaft­li­chen Gemein­schaft fand die Nor­mannia Jena, als sie ihre Treffen im "Braunen Haus" des mut­maß­li­chen NSU-​Unterstützers Ralf Wohl­leben abhielt, meh­rere Jahre lang eine Heimat.

Quelle: German For­eign Policy

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[1] Meinrad Heck: Von Rechts wegen; www​.kon​text​wo​chen​zei​tung​.de

[2] BVerfG, 2 BvR 337/​08 vom 06.05.2008; www​.bverfg​.de

[3] Die Vor­sit­zende im Geschäfts­jahr 2009/​2010 stellt sich vor: Die Bur­schen­schaft Nor­mannia Hei­del­berg; Bur­schen­schaft­liche Blätter 4/​2009

[4] Stand­punkte der Bur­schen­schaft­li­chen Gemein­schaft; www​.bur​schen​schaft​liche​-gemein​schaft​.de

[5] Die Debatte, in der es unter anderem auch darum ging, ob ein ehe­ma­liger Bur­schen­schafter sich kleide "wie ein Hein­rich Himmler-​Verschnitt" und ob Bur­schen­schafter einen Ver­bin­dungs­stu­denten mit schwarzer Haut mit den Worten belei­digt hatten: "Husch, Husch, Husch — Neger in den Busch", ist im Internet ein­sehbar unter links​unten​.indy​media​.org/​d​e​/​n​o​d​e​/​5​0​376

[6] Nor­bert Burger (Bur­schen­schaft Olympia Wien), zitiert nach: Wolf­gang Purt­scheller: Auf­bruch der Völ­ki­schen. Das braune Netz­werk, Wien 1993. Günter Schwein­berger (Bur­schen­schaft Olympia Wien) äußert, Bur­schen­schafter hätten einen Bei­trag "im Unter­grund­kampf gegen die ita­lie­ni­schen Besatzer" Süd­ti­rols geleistet: "Mit­glieder der Bur­schen­schaft Ger­mania Erlangen, Olympia Wien, Bruna-​Sudetia Wien und Alania Wien waren in Ita­lien inhaftiert.

Bur­schen­schafter der Bres­lauer Bur­schen­schaft Raczek zu Bonn, Danubia Mün­chen, Alle­mania Königs­berg, Olympia Wien und Ober­ös­ter­rei­cher Ger­manen Wien waren in Deutsch­land ein­ge­sperrt. Mit­glieder der Bur­schen­schaften Raczek Breslau, Danubia Mün­chen, Olympia Wien, Brixia Inns­bruck und Ober­ös­ter­rei­cher Ger­manen Wien wurden in Abwe­sen­heit in Ita­lien zu ver­schieden hohen Frei­heits­strafen ver­ur­teilt. Beim großen Grazer Süd­ti­rol­pro­zess im Herbst 1965 waren von 27 Ange­klagten zwölf Burschenschafter."

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gelesen: 157 · heute: 4 · zuletzt: 19. Mai 2012

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