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Jammern der Milliardäre

Samstag, 28. Januar 2012-15:52 -|- Eingestellt von: |

Beob­achter regis­trieren »Gefühl der Angst« in Davos. Beim 42. Welt­wirt­schafts­forum sorgen sich glo­bale Olig­ar­chen um ihre und die Zukunft des Sys­tems. | Von Rainer Rupp | junge Welt | — Am Mitt­woch begann das 42. Treffen des Welt­wirt­schafts­fo­rums (WEF), bei dem all­jähr­lich die selbst­er­nannte glo­bale Elite im Schweizer Nobel­kurort Davos zusam­men­kommt. Diesmal stand das mehr­tä­gige Treffen unter dem Motto: »Die große Trans­for­ma­tion – neue Modelle gestalten«.

Im Grunde ging es aller­dings darum, eine Sprach­re­ge­lung zu finden, wie der Kapi­ta­lismus ange­sichts seines totalen Ver­sa­gens neu legi­ti­miert und über die Krise gerettet werden kann. Unter­punkt dabei: Wie kann der dro­hende Zusam­men­bruch des Lieb­lings­pro­jektes des neo­li­be­ralen Kapi­tals, des Euro, ver­hin­dert werden.

Des­halb übten sich die Prot­ago­nisten zunächst in Kritik: Nach vier Jahren tiefer Krise haben scheinbar auch die »Macher« der glo­balen Wirt­schaft gemerkt, daß etwas nicht mehr stimmt. Allen anfäng­li­chen Pro­gnosen zum Trotz können die Pro­bleme nicht über­wunden werden.

Alle tra­di­tio­nellen »Heil­mittel« von der medialen Gesund­be­terei über staat­liche Geld­druck­or­gien bis zur Hals-​über Kopf-​Verschuldung kom­mender Gene­ra­tion haben nicht nur kläg­lich ver­sagt, son­dern die Pro­bleme verschlimmert.

In Davos wurden Klagen laut, die in diesen Kreisen sonst nie zu hören waren: Über die die Umwelt ver­nich­tende Wir­kung unkon­trol­lierter Märkte, über den selbst­zer­stö­re­ri­schen Kapi­ta­lismus, der auf Kosten der Süd­halb­kugel und künf­tiger Gene­ra­tionen auch in den ent­wi­ckelten Län­dern nur noch die Rei­chen rei­cher macht, wäh­rend der Lebens­stan­dard der Massen sinkt.

Rhe­to­risch stand gar die Frage im Raum, wie lange diese Form des Kapi­ta­lismus noch unge­straft weiter wirt­schaften kann, bevor es in den betrof­fenen Gesell­schaften zu radi­kalen Ver­än­de­rungen zum Nach­teil der jet­zigen Eliten kommt.

2500 Teil­nehmer waren in die Grau­bün­dener Pseu­do­idylle gekommen, dar­unter 40 Staats– und Regie­rungs­chefs wie Angela Merkel und der Brite David Cameron. Aber auch Dons der inter­na­tio­nalen Finanz­mafia wie George Soros oder diverse Spit­zen­banker und –Broker beehrten das WEF. Soros bei­spiels­weise dürfte die schlimmsten Befürch­tungen der anwe­senden Olig­ar­chen und Top-​Kapitalfunktionäre mit seiner Pro­gnose nur noch bestärkt haben.

Die Welt befinde sich in einer der gefähr­lichsten Zeiten der modernen Geschichte, einer Periode des »Bösen«. Europa stünde der Abstieg in Chaos und Kon­flikte bevor, so der Mann, der als Mil­li­ar­den­spe­ku­lant einst das bri­ti­sche Pfund in die Knie zwang.

Und für die USA pro­gnos­ti­zierte Soros schwere Unruhen auf den Straßen, die zu einem bru­talen Durch­greifen der Sicher­heits­kräfte und zu dras­ti­schen Ein­schnitten in die bür­ger­li­chen Frei­heiten führen würden. Das glo­bale Wirt­schafts­system, so wie wir es kennen, könnte seiner Mei­nung nach sogar völlig zusammenbrechen.

Der Kom­men­tator einer bri­ti­schen Nach­rich­ten­agentur berich­tete von einem unter­schwel­ligen »Gefühl der Angst« in Davos. Aller­dings habe nie­mand außer Soros die Pro­bleme, die »jeder hier fürchtet«, mit solch »bru­taler Offen­heit« angesprochen.

Den­noch sei das der Hin­der­grund für »gro­teske Ent­wick­lungen wie das Gejammer von Mil­li­ar­dären über die glo­bale Last der Ungleichheit« – eine Anspie­lung auf den US-​Multimilliardär Warren Buffet, der aus Sorgen um die zukünf­tige poli­ti­sche Sta­bi­lität der USA seine Mit-​Milliardäre auf­ge­for­dert hatte, end­lich mehr Steuern zu zahlen.

Zum Auf­takt wurde in Davos ein Bericht über die Risiken für die Welt im Jahr 2012 vor­ge­stellt. Titel: »Die Saat der Dystopie«. Eine dysto­pi­sche Gesell­schaft ist laut Wiki­pedia »eine dik­ta­to­ri­sche Regie­rungs­form bzw. eine Form repres­siver sozialer Kon­trolle«. In dem Bericht wurde fest­ge­stellt, daß viele Indi­ka­toren für die wirt­schaft­liche und gesell­schaft­liche Gesund­heit in die fal­sche Rich­tung zeigen.

Auch in den Dis­kus­sionen wurde aner­kannt, daß tief­grei­fende Reformen des Kapi­ta­lismus dringen nötig seien, um eine dysto­pi­sche Ent­wick­lung zu ver­hin­dern – z.B. mit Reformen von oben wie wei­land der des deut­schen Reichs­kanz­lers Otto Bis­marck. Der hatte mit seinen Sozi­al­ge­setzen im aus­ge­henden 19. Jahr­hun­dert einer sozialen Revo­lu­tion in Deutsch­land den Wind aus den Segeln genommen.

Im Rahmen der Kritik am neo­li­be­ralen Kapi­ta­lismus wurde auch der längst in Ver­ges­sen­heit gera­tene Karl Polanyi wieder aus­ge­graben. Der am 1886 in Wien gebo­rene und 1964 in Kanada gestor­bene Wirt­schafts­wis­sen­schaftler wurde durch seine vom libe­ralen Main­stream abwei­chende Lehre bekannt, die zwar den Kapi­ta­lismus kom­pro­mißlos ver­tei­digt, aber zugleich davor warnt, daß voll­kommen freie Märkte zum poli­ti­schen und sozialen Kol­laps führen.

Ange­sichts von vier Jahren Krise, die welt­weit 200 Mil­lion Men­schen in die Arbeits­lo­sig­keit gestürzt hat, und wach­sender sozialer Pro­teste und Unruhen auch in den west­li­chen Staaten hat Polanyi gute Aus­sichten, zur neuen Licht­ge­stalt des aka­de­mi­schen Apo­lo­geten des Kapi­ta­lismus zu werden.

Das Ausmaß der Beun­ru­hi­gung der »Eliten« über die hoch­ge­fähr­liche Mischung aus wach­sender Arbeits­lo­sig­keit, Ein­kom­mens­un­gleich­heit und Hoff­nungs­lo­sig­keit wurde auch in einer Mei­nungs­um­frage unter den Teil­neh­mern der Kapitalismus-​Debatte in Davos deut­lich: 40 Pro­zent meinten, das aktu­elle System ent­spreche nicht den Erfor­der­nissen der Gesell­schaft des 21. Jahrhunderts.

Nur 20 Pro­zent waren damit ein­ver­standen, der Rest konnte sich nicht ent­scheiden. In der anschlie­ßenden Debatte zwi­schen Gewerk­schafts­ver­tre­tern und Top­ma­na­gern zeigte sich jedoch, daß letz­tere weit­rei­chende Reformen in Rich­tung Sozi­al­staat ablehnen. Es mache »keinen Sinn, einer Welt, die längst ver­schwunden ist, nach­zu­weinen«, war der Tenor.

Quelle: junge Welt

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Dankeschön!

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gelesen: 160 · heute: 2 · zuletzt: 21. Mai 2012

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