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Konkursverschleppung

Samstag, 04. Februar 2012-18:04 -|- Eingestellt von: |

Grie­chen­land darf aus EU-​Sicht nicht pleite gehen. Erst müssen die maroden Banken West­eu­ropas saniert sein. Dafür sorgt die EZB. | Von Rainer Rupp | junge Welt | — Die Sprache der Poli­tiker ist nicht mehr in der Lage, die Wirk­lich­keit zu erfassen, schrieb kürz­lich der Autor und Schrift­steller Ingo Schulze in der Süd­deut­schen Zeitung.

Das gilt auch für die deut­schen Kon­zern– und Main­stream­me­dien, ins­be­son­dere wenn sie unkri­tisch über die immer neuen Euro-​Rettungsaktionen schwafeln.

Statt den Hit­män­nern des Inter­na­tio­nalen Wäh­rungs­fonds (IWF), der Euro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) und der EU zumin­dest medial in die Arme zu fallen und sie von ihrem schänd­li­chen Werk abzu­halten, feuert unsere »freie« Presse die neo­li­be­ralen Todes­schwa­dronen bei der Liqui­die­rung der letzten Reste des Sozi­al­staates der »faulen« Grie­chen auch noch an.

Statt an die Soli­da­rität der Völker gegen den Klas­sen­kampf von oben zu appel­lieren, werden die Men­schen mit Bana­li­täten ver­äp­pelt. Statt sich zu empören über die von oben dekre­tierte Mas­sen­ver­ar­mung der Völker Europas, sta­cheln sie lieber die deut­sche Groß­manns­sucht an, z.B. mit Bal­ken­über­schriften wie »Neid auf Superdeutschland«.

Noch schwerer wiegt jedoch das Schweigen über jenes Pro­jekt, das die EU-​Eliten unter Füh­rung der »eisernen« Kanz­lerin zur ver­meint­li­chen Ret­tung Grie­chen­lands aus­ge­heckt haben.

Obwohl das kleine Land pleite ist, egal wie man die Dinge dreht und wendet, und nur ein radi­kaler und umfas­sender Schul­den­schnitt Hoff­nung und Erleich­te­rung für die Bevöl­ke­rung bringen kann, ver­su­chen EU, IWF und EZB, die Masse der grie­chi­schen Bevöl­ke­rung in eine jahr­zehn­te­lange Zins­knecht­schaft zu zwingen, an deren Ende das Land den­noch bank­rott ist.

Davon pro­fi­tieren nur die Banken und das neo­li­be­rale Euro-​Projekt, wäh­rend die sozialen Kosten dieser Kon­kurs­ver­schlep­pung auf die Masse der grie­chi­schen Bevöl­ke­rung abge­wälzt werden.

Vom EU-​Ministertreffen zu Wochen­be­ginn in Brüssel berichten unsere Medien fol­genden Sach­ver­halt: Wenn die pri­vaten Banken einem grie­chi­schen Schul­den­schnitt von 100 Mil­li­arden Euro zustimmen und die Regie­rung in Athen noch här­tere Spar­maß­nahmen als bisher beschlossen durch­setzt, dann wird das Land nicht im März pleite gehen, son­dern aus dem EU-​Hilfspaket einen weiter Kredit von 130 Mil­li­arden Euro erhalten.

Dank unge­wöhn­lich scharfer Ein­schnitte in das soziale Netz des Landes, der mas­siven Kür­zung der Renten und der Aus­gaben für Schulen und Uni­ver­si­täten etc., soll es dann Grie­chen­land gelingen, seinen Schul­den­berg von der­zeit gut 160 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­duktes (BIP) bis zum Jahr 2020 auf 120 Pro­zent zu ver­rin­gern. Und das soll die »Ret­tung« sein?

Selbst wenn die von Berlin der EU dik­tierte Sanie­rung nach Plan ginge, wäre Grie­chen­land nach acht bis neun Jahren här­tester Ent­sa­gungen im Jahr 2020 dort, wo Ita­lien jetzt schon steht, näm­lich bei einer Ver­schul­dung von 120 Pro­zent des BIP und damit am Rande des Abgrunds.

Obwohl Ita­liens Wirt­schaft viel stärker ist und eine brei­tere und aus­ge­gli­che­nere Struktur hat als Grie­chen­land, konnte das Land bis vor kurzem an den Finanz­märkten nur noch zu hor­renden Zinsen Geld leihen. Soll so die Ret­tung Grie­chen­lands 2020 aus­sehen? Jedes Kind kann sehen, daß das nie­mals funk­tio­nieren kann. Aber warum unter­nehmen dann die euro­päi­schen Eliten solche große Anstrengungen?

Es geht nicht um Grie­chen­lands Ret­tung, son­dern ledig­lich darum, die unaus­weich­liche Pleite des Landes hin­aus­zu­zö­gern. Bank– und Ver­si­che­rungs­kon­zerne haben nach wie vor zuviel Geld in Grie­chen­land ste­cken, um bei dessen Zah­lungs­un­fä­hig­keit nicht selbst vor dem Bank­rott zu stehen.

Zudem könnte bei einer Pleite Grie­chen­lands auch Por­tugal kippen. Um für diesen Sturm gewappnet zu sein, muß das euro­päi­sche Ban­ken­system drin­gend seine über­di­men­sio­nierten Schulden abbauen und die Quote des Fremd­ka­pi­tals zum Eigen­ka­pital von teil­weise über 50 zu eins auf neun zu eins zu reduzieren.

Dazu ist es für die euro­päi­schen Banken not­wendig, laut EU-​Aufsichtsbehörde schnellst­mög­lich 114,7 Mil­li­arden Euro an neuem Eigen­ka­pital zu finden. Aller­dings dürfen die Banken auch dabei weiter tricksen und lügen – indem sie Schrott­pa­piere, die sie noch nicht der EZB zum Nomi­nal­wert ver­kauft haben, zum selbst geschätzten Höchst­preis in ihren fri­sierten Bilanzen halten dürfen.

Die tat­säch­liche Sanie­rung der Banken ist ein langer Prozeß, der noch viele Jahre dauern wird. Bis dahin darf Athen nicht pleite gehen, und die Grie­chen müssen für die Banken weiter bluten.

Den­noch kam es Ende 2011 fast zum Crash, als eine Eis­zeit den euro­päi­schen Finanz­sektor ein­zu­frieren drohte und die Banken sich gegen­seitig miß­trauten. Mitte Dezember beschenkte der neue EZB-​Chef Mario Draghi – wahr­schein­lich sta­tu­ten­widrig – die euro­päi­schen Geld­häuser mit knapp 500 Mil­li­arden Euro. Die dürfen sie zu einem Zins­satz von ledig­lich einem Pro­zent mit einer Lauf­zeit von drei Jahren haben.

Als Sicher­heit genügte es der EZB, wenn die Geschäfts­banken bei ihr Schrott­pa­piere hin­ter­legten, die sie zum Nomi­nal­wert annahm. Jüngste Sta­tis­tiken zeigen aber, daß diese gigan­ti­sche Aus­deh­nung der Ban­ken­li­qui­dität so gut wie nichts zur Kre­dit­ver­gabe an die reale Wirt­schaft beige­tragen hat, d.h. bei Pro­du­zenten oder Kon­su­menten kam das EZB-​Geld nicht an.

Kein Wunder, denn allein im ersten Quartal 2012 brau­chen die Finanz­kon­zerne nach Angaben des US-​Analysten Bill Bonner 230 Mil­li­arden Euro zur Refi­nan­zie­rung der eigenen Schulden. Mit dem »Rest« des EZB-​Geldes langten sie kräftig bei den neu­an­ge­bo­tenen Schuld­scheinen der Euro– Pro­blem­länder zu.

Das hat z.B. im Fall Ita­lien zu einem Rück­gang der Zinsen von über sieben auf fünf Pro­zent geführt – für die Banken war das den­noch ein Schnäpp­chen. Nach Abzug der EZB-​Zinskosten blieben ihnen immer noch vier Pro­zent, was z.B. bei 100 Mil­li­arden Euro auf ein Jahr berechnet ein statt­li­ches Geschenk der EZB an die Geld­in­sti­tute (vier Mil­li­arden Euro) bedeutet.

Da macht den Top­ma­na­gern das Geld­ver­dienen wieder Spaß und läßt fette Boni erwarten.

Quelle: junge Welt

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Dankeschön!

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