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Massenhaltung mit Zukunft

Sonntag, 12. Februar 2012-14:35 -|- Eingestellt von: |

Politik hat Ent­wick­lung der Stu­die­ren­den­zahlen massiv unter­schätzt. Eine drei­viertel Mil­lion mehr Anfänger bis 2020. Mil­li­ar­den­lö­cher bei Hoch­schul­fi­nan­zie­rung. | Von Ralf Wurz­ba­cher | junge Welt | — Hoppla – ver­rechnet. Mit ihren Vor­aus­sagen zur kurz– und mit­tel­fris­tigen Ent­wick­lung der Stu­die­ren­den­zahlen lagen die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen offenbar voll daneben.

Nach einer neueren Schät­zung der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz (KMK) ist bis 2020 mit rund 750.000 Stu­di­en­an­fän­gern mehr zu rechnen als bisher ange­nommen. Damit ent­puppt sich auch die aktu­elle und künf­tige Finanz­aus­stat­tung der Hoch­schulen als grobe Fehl­kal­ku­la­tion. Bliebe es beim jet­zigen Stand, fehlen in den kom­menden Jahren Mittel in zwei­stel­liger Milliardenhöhe.

Das Papier der KMK befindet sich zwar offi­ziell noch in Arbeit und soll nach den fäl­ligen Bera­tungen erst im März beschlossen werden. Die Zahlen, die in der Presse gehan­delt werden und einem am Don­nerstag von den Amts­chefs der Kul­tus­mi­nis­te­rien behan­delten Papier ent­stammen sollen, erscheinen aber zwei­fellos richtungsweisend.

Darin ist von jähr­lich deut­lich über 450.000 Stu­di­en­an­fän­gern bis 2019 die Rede. Ein Absinken auf das Niveau von 2010 (442.000) sei frü­hes­tens für 2021 absehbar. Und bis 2025 sollen pro Jahr noch immer weit über 400.000 junge Men­schen ein Stu­dium aufnehmen.

Wie bitter nötig eine Revi­sion des alten Zah­len­werks ist, offen­bart die aktu­elle Lage. Im Jahr 2009 hatte die KMK für 2011 mit rund 420.000 Stu­di­en­neu­lingen kal­ku­liert. Tat­säch­lich strömten aber über eine halbe Mil­lion junge Men­schen an die Hoch­schulen – eine Abwei­chung von 100.000. Die über­ra­schende Aus­set­zung der Wehr­pflicht taugt da nur bedingt als Ausrede.

Daß wegen der Umstel­lung auf das acht­jäh­rige Gym­na­sium (G8) dop­pelte Abitur­jahr­gänge aus Bayern und Nie­der­sachsen an die Hoch­schulen streben würden, wußten die Kul­tus­mi­nister vor drei Jahren längst. Nur hatten sie wohl nicht damit gerechnet, daß im all­ge­meinen sehr viel mehr Jugend­liche ihr Glück in einem Stu­dium suchen könnten.

Die Politik wurde so offenbar Opfer der eigenen Pro­pa­ganda. Ihr erklärtes Ziel war es schließ­lich, die Stu­die­ren­den­quote deut­lich hoch­zu­schrauben. Jetzt, wo ihr »Wunsch« in Erfül­lung geht, steht sie mit ziem­lich leeren Händen da.

Die baden-​württembergische Wis­sen­schafts­mi­nis­terin The­resia Bauer (Grüne) brachte am Don­nerstag gegen­über der Wochen­zei­tung Die Zeit die Zahl von zusätz­lich 9,5 Mil­li­arden Euro ins Spiel, die bis 2020 allein zur Aus­fi­nan­zie­rung der Bachelor-​Studiengänge gebraucht würden. Dazu kämen noch die Mittel für die Master-​Plätze.

Bauer sieht nun die Länder wie auch den Bund in der Pflicht, Geld nach­zu­legen. Kai Geh­ring von der Bun­des­tags­frak­tion der Grünen ver­langte ent­spre­chend, den »unter­di­men­sio­nierten und unter­fi­nan­zierten Hoch­schul­pakt« nicht länger zu deckeln. Für die SPD-​Fraktion erneu­erte der Abge­ord­nete Sven Schulz den Vor­schlag, im Rahmen eines »Hoch­schul­pakts Plus« kurz­fristig min­des­tens 50.000 Stu­di­en­plätze mehr zu finanzieren.

Janine Wissler von der Links­partei in Hessen for­derte ein Ende der »stu­den­ti­schen Mas­sen­hal­tung an den Hoch­schulen«. Der Hoch­schul­pakt müsse end­lich neu ver­han­delt werden. »Dies gilt übri­gens nicht nur für die Hör­säle, die jedem Stu­die­renden einen Platz bieten müssen, all die Stu­den­tinnen und Stu­denten brau­chen auch Wohn­raum«, so Wissler.

Quelle: junge Welt

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Vielen Dank!

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