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“Mit jedem Skandal wird sein Fell dicker”

Dienstag, 07. Februar 2012-10:56 -|- Eingestellt von: |

Die Linke hat im nie­der­säch­si­schen Landtag einen Unter­su­chungs­aus­schuß zum »Fall Wulff« bean­tragt. Gespräch mit Kres­zentia Flauger. | Inter­view: Ralf Wurz­ba­cher | junge Welt | — Kres­zentia Flauger ist Vor­sit­zende der Frak­tion Die Linke im nieder­sächsischen Landtag.

Die Affäre Chris­tian Wulff (CDU) erhält prak­tisch jeden Tag Nach­schub. Neu­ester Vor­wurf: Als Minis­ter­prä­si­dent von Nie­der­sachsen soll er einen Skoda zum Vor­zugs­preis erworben haben und dabei mut­maß­lich vom VW-​Konzern begüns­tigt worden sein. Wie viele Ent­hül­lungen braucht es noch zum Rück­tritt des Bundespräsidenten?

Herr Wulff erweist sich doch als sehr hart­nä­ckig. Man hat das Gefühl, mit jedem neuen Skandal wird sein Fell dicker. Des­halb habe ich auch starke Zweifel, daß er jemals seinen Hut nimmt – ganz egal, was noch alles her­aus­kommen mag.

Wenn er schon von sich aus nicht die Kon­se­quenzen zieht – was muß geschehen?

Wir brau­chen einen par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungsau­schuß, der alle Machen­schaften der Ver­gan­gen­heit auf den Tisch bringt. Es hat sich hin­läng­lich gezeigt, daß das Befragen der Lan­des­re­gie­rung und das Ver­spre­chen von Herrn Wulff, die Dinge selbst offen­zu­legen, nicht weiter führen. Es bleibt daher nur der eine Ausweg:

Die Ein­set­zung eines sol­chen Aus­schusses, in dem das ganze Ausmaß der Klün­gelei mit Zeu­gen­ver­neh­mungen und Aus­sa­ge­pflicht ans Licht beför­dert wird. Sollte dabei her­aus­kommen, daß die Gesetze nicht aus­rei­chen, um die Käuf­lich­keit von Poli­ti­kern zu ver­hin­dern, dann müssen neue her.

Ihre Frak­tion hat einen ent­spre­chenden Antrag in den Landtag ein­ge­bracht. Wann wird die Sache entschieden?

Vor­aus­sicht­lich am 22. oder 23. Februar wird das Par­la­ment dar­über abstimmen.

Und wie stehen Ihre Chancen?

Die Grünen nähern sich uns, aber damit es reicht, braucht es auch Stimmen aus dem SPD-​Lager. Dort ziert man sich aber bisher in der Frage. Offi­ziell wird das damit begründet, der Auf­wand sei zu groß. Wahr­schein­li­cher ist aller­dings, daß man fürchtet, es könnten auch Frag­wür­dig­keiten her­aus­kommen, die sich die SPD in Zeiten ihrer Regie­rungs­ver­ant­wor­tung hat zuschulden kommen lassen.

Woran denken Sie dabei?

Es ist ja ein offenes Geheimnis, daß Ger­hard Schröder als nie­der­säch­si­scher Regie­rungs­chef mit Carsten Maschmeyer in den­selben Par­ty­kel­lern in Han­nover gesessen hat wie nach ihm Chris­tian Wulff. Schröder war es auch, der später als Bun­des­kanzler die Riester-​Rente ins Werk gesetzt hat, von der sein Freund Maschmeyer als AWD-​Chef massiv pro­fi­tiert. Und das sind nur zwei von meh­reren Ver­dachts­mo­menten für Filz und Vet­tern­wirt­schaft, die auf das Kerb­holz der SPD gehen könnten.

Was haben Ihre Befra­gungen der amtie­renden Regie­rung von David McAl­lister (CDU) in der Wulff-​Affäre ergeben?

Die Regie­rung ist aus­ge­wi­chen, wo und wie sie nur konnte. Sie ging sogar so weit, das Par­la­ment zu belügen. Das kennen wir bereits: Wir hatten schon einmal eine große Anfrage zur Ver­flech­tung von Wirt­schaft und Politik mit Blick auf Maschmeyer gestellt, um am Ende doch nur mit Halb– und Unwahr­heiten abge­speist zu werden.

Im Fall Wulff muß für die Regie­rung ganz allein dessen frü­herer Spre­cher Olaf Gla­e­seker als Sün­den­bock her­halten. Das dürfte auch dem Selbst­schutz dienen: McAl­lister und Wulff sind eng befreundet, wes­halb davon aus­zu­gehen ist, daß auch der jet­zige Regie­rungs­chef gewußt haben muß, was unter Wulff in der Staats­kanzlei abge­laufen ist.

Es gibt also das »System Nie­der­sachsen«, und das ist parteiübergreifend?

Auf alle Fälle. Wie sich jetzt zeigt, war und ist auch die FDP darin ver­strickt. Aktuell macht ja der Fall des Plei­te­kon­zerns CEMAG die Runde, der offen­sicht­lich rechts­widrig auf Betreiben von Exwirt­schafts­mi­nister Walter Hirche 18 Mil­lionen Euro an För­der­gel­dern ein­ge­stri­chen hat. Dabei hat dieser sogar Rechts­vor­schriften außer Kraft gesetzt, um seinem Duz­freund einen Gefallen zu tun.

Der Duz­freund ist CEMAG-​Pleitier Ali Memari Fard. Hirche sagt heute, er könne sich an die Ange­le­gen­heit nicht erinnern.

Bei­spiele für derlei Gedächt­nis­ver­luste bei poli­ti­schen Ent­schei­dern gibt es leider zur Genüge. Viel­leicht kann Hir­ches Erin­ne­rungs­ver­mögen ja mit einer par­la­men­ta­ri­schen Anfrage auf die Sprünge geholfen werden. Da werden wir sicher­lich noch initiativ werden.

Quelle: junge Welt

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Danke!

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