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Nichts Neues seit Fukushima: Wann kommt die Energiewende?

Sonntag, 12. Februar 2012-11:18 -|- Eingestellt von: |

Von René Buch­fink | Vor­wort von Jacob Jung | Jacob Jung Blog | — In einem Monat jährt sich die Reak­tor­ka­ta­strophe von Fukus­hima und damit der Aus­stieg der Bun­des­re­gie­rung aus der kurz zuvor als „Energie-​Revolution“ gefei­erten Laufzeitverlängerung.

In der Debatte über mög­liche Energie-​Szenarien für die Zukunft ging es haupt­säch­lich um die Frage, wie viel Zeit man benö­tigt, um den end­gül­tigen Aus­stieg aus der Atom­en­ergie rea­li­sieren zu können. Trotz des angeb­li­chen Zeit­man­gels sind bis heute keine nen­nens­werten Maß­nahmen der Politik zur Ener­gie­wende erkennbar.

Aus diesem Grund ver­öf­fent­liche ich hier einen Artikel von René Buch­fink, der mit Volker Qua­sch­ning, Pro­fessor für Umwelt­technik und rege­ne­ra­tive Ener­gien an der Hoch­schule für Technik und Wirt­schaft in Berlin, über die Ener­gie­wende, deren not­wen­dige Maß­nahmen und die künf­tige Ener­gie­ver­sor­gung in Deutsch­land gespro­chen hat.

Zöger­li­cher Umbau der Energieinfrastruktur

Als sich im Juni 1992 in Rio die Welt zur UN-​Klimakonferenz ver­sam­melte, war den For­schern und Poli­ti­kern die Dring­lich­keit zum Han­deln durchaus bewusst. Die Erwär­mung der Atmo­sphäre wurde als Bedro­hung für die Welt erkannt.

Selbst eine ver­hält­nis­mäßig geringe Erhö­hung der Welt­durch­schnitts­tem­pe­ratur kann in vielen Regionen der Erde dra­ma­ti­sche Aus­wir­kungen haben. Die Politik ver­sprach, dem Thema oberste Prio­rität zu geben. Ebenso wurde “Ökolo­gi­sche Nach­hal­tig­keit” als Mill­en­ni­ums­ziel definiert.

Seit 1995 treffen sich die Umwelt­mi­nister der UN-​Staaten einmal jähr­lich um zu beraten, wie es wei­ter­gehen soll. In tro­pisch heißen Nächten mit müden Augen prä­sen­tieren sie sich dabei jedes Jahr aufs neue als Kli­ma­retter. Hand­feste Ergeb­nisse unter­schreiten dabei in der Regel die Wahrnehmungsgrenze.

Vom 14. bis 15. Januar 2012 hat die zweite Ver­samm­lung der Mit­glieder der Inter­na­tio­nalen Orga­ni­sa­tion für Erneu­er­bare Ener­gien (IRENA) in Abu Dhabi, Ver­ei­nigte Ara­bi­sche Emi­rate (VAE), statt­ge­funden. Im Anschluss an die IRENA-​Versammlung fand vom 16. bis 19. Januar 2012 das World Future Energy Summit (WFES) in Abu Dhabi statt.

Mit der Teil­nahme von Chinas Pre­mier­mi­nister Wen Jiabao, zahl­rei­chen Ener­gie­mi­nis­tern und über 26.000 Besu­chern und 3000 Dele­gierten aus rund 140 Nationen stand der Gipfel in diesem Jahr ganz im Zei­chen des kom­menden UN-​Jahres für “Nach­hal­tige Energie für alle”, für das UN-​Generalsekretär Ban Ki Moon in Abu Dhabi den Start­schuss gab.

Die UN-​Initiative will bis zum Jahr 2030 neben einem Zugang zu modernen Ener­gie­dienst­leis­tungen für alle Men­schen eine Ver­dopp­lung des Anteils der erneu­er­baren Ener­gien im glo­balen Ener­giemix errei­chen. (Quelle: Bun­des­mi­nis­te­rium für Umwelt, Natur­schutz und Reak­tor­si­cher­heit)

20 Jahre nach der UN-​Klimakonferenz in Rio de Janeiro wirken die Bemü­hungen der Bun­des­re­gie­rung immer noch wie aus den Anfangs­tagen: unbe­holfen, inkon­se­quent und lang­wierig. Die Lob­by­ar­beit der Groß­kon­zerne dagegen machte bisher einen durchaus effek­tiven Ein­druck. Der zöger­li­chen Umbau der natio­nalen Ener­gie­in­fra­struktur ver­schleppte sich immer mehr.

Am 11. März 2012 jährt sich die Reak­tor­ka­ta­strophe von Fukus­hima zum ersten Mal. Der pro­pa­gierte Traum vom risi­ko­losen und bil­ligen Strom war aus­ge­träumt. Auch die PR der Strom­riesen verlor nun end­gültig ihre Glaub­wür­dig­keit. In Zusam­men­hang mit den Reak­tor­un­fällen in Japan ist es in der Bun­des­re­gie­rung zu einem erstaun­li­chen Poli­tik­wechsel gekommen, der unter dem Sam­mel­be­griff „Ener­gie­wende“ die Runde macht.

Aus diesem Grund habe ich Herrn Prof. Dr. Qua­sch­ning nach seinen Ansichten gefragt. Er ist Pro­fessor an der Hoch­schule für Technik und Wirt­schaft in Berlin und lehrt dort seit 2004 in dem Fach­be­reich Umwelt­technik /​Rege­ne­ra­tive Energien.

Inter­view mit Prof. Dr. Volker Quaschning

René Buch­fink: Herr Prof. Qua­sch­ning sie sagen 100% Erneu­er­bare Ener­gien bis 2050 sind mög­lich. Dies erscheint in Hin­blick auf die Klima– sowie Res­sour­cen­pro­ble­matik unum­gäng­lich. Wie bewerten Sie die Bemü­hungen der Bun­des­re­gie­rung, als aus­rei­chend oder an wel­chen Stellen wün­schen Sie sich kon­krete Verbesserungen?

Prof. Dr. Volker Qua­sch­ning: Die neu­esten Ergeb­nisse der Kli­ma­for­scher sagen, dass wir sogar bis 2040 unsere Ener­gie­ver­sor­gung kom­plett auf rege­ne­ra­tive Ener­gien umstellen müssen, wenn wir nicht extrem ris­kante Kli­ma­ver­än­de­rungen pro­vo­zieren wollen.

Prin­zi­piell gehen die Ver­än­de­rungen im Ener­gie­senktor in Deutsch­land zwar in die rich­tige Rich­tung, für einen wirk­li­chen Kli­ma­schutz ist das Tempo aber viel zu gering. Wir müssen den Umbau noch um den Faktor zwei bis drei beschleu­nigen, damit wir über­haupt eine Chance haben, die Kli­ma­schutz­ziele zu erreichen.

Hier hat sich seit Fukus­hima prak­tisch nichts Ent­schei­dendes getan. Wir brau­chen drin­gend eine Viel­zahl an beherzten Maß­nahmen. Statt­dessen dis­ku­tieren wir gerade, den Ausbau der Solar­en­ergie wieder stark zu ver­lang­samen. Die angeb­liche Ener­gie­wende hat unsere Regie­rung durchaus clever verkauft.

Das war es dann aber auch schon. Die Ener­gie­wende ist kein Selbst­läufer und wir brau­chen noch mas­sive Anstren­gungen und auch Auf­klä­rung, um die gesamte Bevöl­ke­rung dabei mit­zu­nehmen. Viele haben den Ein­druck, die Ener­gie­wende sei schon fast geschafft, dabei fängt sie jetzt gerade erst richtig an.

René Buch­fink: Die Ver­flech­tungen zwi­schen Politik und den großen Ener­gie­ver­sor­gern, wie z.B. zwi­schen dem Land Baden-​Württemberg und EnBW, sind tra­di­tio­nell sehr eng. Ener­gie­riesen wie EON, Vat­ten­fall etc. ent­de­cken die „Rege­ne­ra­tiven Ener­gien“ und wollen von der “Ener­gie­wende” pro­fi­tieren, Stich­wort Off­shore, Gas­kraft­werke bzw. Braun­koh­le­kraft­werke, was halten sie davon?

Prof. Dr. Volker Qua­sch­ning: Wollen wir mit der Ener­gie­wende ernst machen, müssen wir uns bald ent­scheiden, welche Kraft­werke wir haben wollen. Bauen wir Solar– und Wind­en­ergie im nötigen Tempo weiter aus, werden sich bereits in 10 Jahren keine Braun­kohle– und Atom­kraft­werke mehr ins Netz inte­grieren lassen. Bis­lang haben die großen Ener­gie­ver­sorger die rege­ne­ra­tiven Ener­gien nicht wirk­lich ernst genommen. Daher haben sie auch ver­gleichs­weise wenige rege­ne­ra­tive Kraft­werke in ihrem Portfolio.

Inzwi­schen ist ihnen durchaus die Kon­kur­renz­si­tua­tion bewusst geworden. Um ihre nicht mehr zukunfts­fä­higen Kohle– und Atom­kraft­werke noch länger betreiben zu können, ver­su­chen sie nun, mit aller Kraft den Ausbau der Solar­en­ergie mit Hilfe der Politik deut­lich zu redu­zieren. Letzt­end­lich werden die Ener­gie­riesen aber die Ener­gie­wende nicht ver­hin­dern können.

Schaffen sie nicht bald­mög­lichst, die Ener­gie­wende bei ihrem Kraft­werks­park ein­zu­leiten, könnte es in einigen Jahren den einen oder anderen großen Ver­sorger nicht mehr geben. Da die öffent­liche Hand an vielen Ver­sor­gern stark betei­ligt ist, wäre das sehr schade um die damit ver­lo­renen Steuergelder.

René Buch­fink: Was halten sie von den Argu­menten in Hin­blick auf den Ausbau der Wind­en­er­gie­kraft­an­lagen, dass Strom­lei­tungen von Norden nach Süden fehlen und die Netz­in­fra­struktur nicht aus­rei­chend ist?

Prof. Dr. Volker Qua­sch­ning: Die Netze in Deutsch­land sind der­zeit dafür aus­ge­legt, den Strom stern­förmig von großen zen­tralen Kraft­werken zu den Ver­brau­chern zu trans­por­tieren. Stellen wir unsere Strom­ver­sor­gung im Wesent­li­chen auf Pho­to­vol­taik– und Wind­kraft­an­lagen um, müssen auch die Netze ange­passt werden. Für Pho­to­vol­ta­ik­an­lagen sind es vor allem die Nieder– und Mit­tel­span­nungs­netze, da die Anlagen in der Nähe der Ver­brau­cher stehen. Bauen wir die Offshore-​Windenergie stark aus, brau­chen wir lange Hochspannungsleitungen.

Wenn man die Ener­gie­wende will, muss man auch Lei­tungen zubauen. Wenn man aber einen intel­li­genten Ver­sor­gungsmix wählt, kann man die Zahl der Lei­tungen mini­mieren du trotzdem einen schnellen Zubau errei­chen. Ich habe den Ein­druck, dass sich viele gerne hinter den feh­lenden Lei­tungen ver­ste­cken und den Ausbau nur halb­herzig vor­an­treiben, um den Umbau der Ener­gie­ver­sor­gung damit auszubremsen.

René Buch­fink: Lassen sie uns nun einen Blick in die Zukunft wagen. Wird eine dezen­trale Ener­gie­ver­sor­gung das Modell der Zukunft oder wird es einige wenige Gro­ßer­zeuger geben oder eine Mischung aus großen und kleinen Anlagen? Was prä­fe­rieren Sie?

Prof. Dr. Volker Qua­sch­ning: Große zen­trale fos­sile oder ato­mare Kraft­werke wird es in 30 Jahren nicht mehr geben. Statt­dessen werden wir viele dezen­trale Photovoltaik-​, Windkraft-​, Biomasse-​, Geo­thermie– und Was­ser­kraft­an­lagen haben. Etliche zen­trale Offshore-​Windparks werden eben­falls in dem Mix eine grö­ßere Rolle spielen.

Mit intel­li­genten Spei­cher­sys­temen und einer Ver­knüp­fung zwi­schen dem Strom– und dem Gas­netz lässt sich dann auch mit einem deut­lich dezen­tra­leren, voll­kommen rege­ne­ra­tiven Kraft­werks­park eine sichere und auch bezahl­bare Ener­gie­ver­sor­gung auf­bauen. Damit wären dann die nötigen Maß­nahmen zum Kli­ma­schutz und zur Wah­rung der Lebens­grund­lagen für die künf­tigen Gene­ra­tionen eingeleitet.

Quelle: Jacob Jung Blog

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gelesen: 136 · heute: 4 · zuletzt: 20. Mai 2012

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