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Occupy Wall Street: Das ist jetzt die wichtigste Bewegung der Welt

Freitag, 14. Oktober 2011-17:53 -|- Eingestellt von: |

Von Naomi Klein | The Nation | Über­set­zung: Wolf­gang Jung | Luft­post | — Wir ver­öf­fent­li­chen die kom­plette Rede, die Naomi Klein, die bekannte kana­di­sche Autorin und Glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­kerin, bei Occupy Wall Street halten wollte, aber nur in Kurz­form halten konnte, weil Laut­spre­cher ver­boten waren.

Ich fühle mich geehrt, dass ich ein­ge­laden wurde, am Don­ners­tag­abend bei Occupy Wall Street zu spre­chen. Es ist ein Skandal, dass Euch die Benut­zung von Laut­spre­chern ver­boten wurde. Weil das, was ich zu sagen habe, von Hun­derten von Men­schen wie­der­holt werden muss, damit es alle hören können – man nennt das auch das "mensch­liche Mikrofon" – wird das, was ich hier auf dem Liberty Square (Platz der Frei­heit in New York) sagen werde, sehr kurz sein müssen. Des­halb werde ich die län­gere, unge­kürzte Ver­sion meiner Rede veröffentlichen.

Ich liebe Euch.

Und ich sagte das nicht nur, damit Hun­derte von Euch "Ich liebe Dich" zurück­rufen, obwohl sich das als schöner Zug des mensch­li­chen Mikro­fons erweist: Wie man in den Wald hin­ein­ruft, so schallt es heraus, nur etwas lauter. (Wir haben die scherz­hafte Bemer­kung aus dem eng­li­schen Text durch ein deut­sches Sprich­wort mit dem glei­chen Sinn­ge­halt ersetzt.)

Ges­tern sagte einer der Spre­cher auf der Gewerk­schafts­kund­ge­bung: "Wir haben zuein­ander gefunden." Diese emo­tio­nale Äuße­rung spie­gelt die Schön­heit dessen wider, was hier geschaffen wird. Ihr schafft einen weit offenen Raum – wobei die Euch bewe­gende Idee so groß ist, dass sie eigent­lich kein Raum fassen kann – einen Raum für alle Men­schen, die eine bes­sere Welt wollen, in der alle zuein­ander finden können. Wir sind euch so dankbar.

Eins weiß ich genau, das eine Pro­zent (das uns beherrscht) liebt die Krise. Wenn Men­schen in Panik geraten, ver­zwei­felt sind und keiner mehr zu wissen scheint, was getan werden muss, dann ist das die ideale Gele­gen­heit für die Herr­schenden, ihre Wunsch­liste für eine noch kon­zern­freund­li­chere Politik durch­zu­setzen: die Pri­va­ti­sie­rung des Bil­dungs­sys­tems und der Sozi­al­ver­si­che­rung, die Beschnei­dung des öffent­li­chen Dienstes und die Besei­ti­gung der letzten Ein­schrän­kungen der Kon­zern­macht. In dieser Wirt­schafts­krise geschieht das auf der ganzen Welt.

Und es gibt nur eine Macht, die diese Taktik durch­kreuzen kann, und zum Glück ist das eine sehr große Macht – es sind die anderen 99 Pro­zent. Und diese 99 Pro­zent gehen von Madison bis Madrid auf die Straße und rufen: "Nein, wir werden nicht mehr länger für eure Krise bezahlen."

2008 ertönte diese Parole zum ersten Mal in Ita­lien. Dann sprang sie über auf Grie­chen­land, Frank­reich und Irland, und jetzt hat sie den Platz erreicht, von dem die Krise aus­ging. "Warum pro­tes­tieren die?" fragen die ver­wirrten Experten im Fern­sehen. Und die übrige Welt fragt zurück: "Warum habt Ihr so lange abge­wartet? Wir haben uns oft gefragt, wann Ihr end­lich auf­be­gehrt." Und die meisten rufen uns zu: "Seid bei uns willkommen!"

Viele Men­schen haben Par­al­lelen gezogen zwi­schen Occupy Wall Street und den so genannten Antiglo­ba­li­sie­rungs­pro­testen in Seattle, die 1999 die Auf­merk­sam­keit der Welt erregten. Schon damals hat sich eine glo­bale, von der Jugend ange­führte, dezen­tra­li­sierte Bewe­gung direkt mit der Kon­zern­macht ange­legt. Und ich bin stolz, an diesen Pro­testen, die wir die "Bewe­gung der Bewe­gungen" nannten, betei­ligt gewesen zu sein.

Zwi­schen damals und heute gibt es wich­tige Unter­schiede. Damals waren Gip­fel­treffen unsere Ziele; diese Treffen sind aber zeit­lich begrenzt und dauern höchs­tens eine Woche. Des­halb trafen wir uns auch immer nur vorübergehend.

Wenn wir auf­tauchten, bestimmtem wir für kurze Zeit die Schlag­zeilen der Welt­presse und ver­schwanden dann wieder. Und in der Raserei des Super­pa­trio­tismus und Mili­ta­rismus, die auf die Anschläge am 11.09. folgte, war es leicht, uns zumin­dest in Nord­ame­rika ein­fach wegzufegen.

Occupy Wall Street hin­gegen hat sich ein festes Ziel gewählt. Und Ihr habt euch nicht auf ein End­datum für Eure Anwe­sen­heit hier fest­ge­legt. Das war klug. Nur wenn Ihr hier­bleibt, kann Eure Bewe­gung Wur­zeln schlagen. Das ist von ent­schei­dender Bedeutung.

Es ist eine Erschei­nung des Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ters, dass zu viele Bewe­gungen wie schöne Blumen auf­blühen, aber schnell wieder ver­welken, weil sie keine kräf­tigen Wur­zeln haben. Und sie haben auch keine lang­fris­tigen Pläne, wie sie sich am Leben erhalten könnten. Wenn dann Stürme auf­kommen, werden sie ein­fach weggeweht.

Alle mit­be­stimmen zu lassen und tief demo­kra­tisch zu sein, ist wun­derbar. Diese Grund­sätze solltet Ihr auch bei­be­halten, wenn Ihr Euch an die schwie­rige Arbeit macht, Struk­turen und Ein­rich­tungen auf­zu­bauen, die stark genug sind, um die kom­menden Stürme abzu­wet­tern. Ich glaube fest daran, dass Ihr das schaffen werdet.

Wichtig ist auch, dass diese Bewe­gung nichts Unrecht­mä­ßiges tut: Ihr habt Euch für die Gewalt­lo­sig­keit ent­schieden und den Medien nicht die Bilder von zer­bro­chen Fens­ter­scheiben und Stra­ßen­kra­wallen gelie­fert, nach denen sie lechzen. Eure enorme Dis­zi­plin hat dazu geführt, dass immer nur der unpro­vo­zierte bru­tale Ein­satz der Polizei gezeigt werden konnte, der sich letzte Nacht noch einmal wie­der­holt hat. Inzwi­schen wächst und wächst die Unter­stüt­zung für diese Bewe­gung. Ver­haltet Euch auch wei­terhin so weise!

Der größte Unter­schied zu 1999 besteht darin, dass der Kapi­ta­lismus damals einen außer­ge­wöhn­li­chen Wirt­schafts­boom erlebte. Die Arbeits­lo­sig­keit war niedrig, und die Aktien stiegen. Die Medien berauschten sich an dem bil­ligen Geld. Damals ging es nur um Wachstum und nicht um Firmenpleiten.

Schon damals wiesen wir darauf hin, dass die Dere­gu­lie­rung der Preis für den Rausch war. Die Arbeits­be­din­gungen ver­schlech­terten sich, und die Umwelt­ge­setze wurden miss­achtet. Kon­zerne wurden mäch­tiger als Regie­rungen, und das zer­störte die Demo­kratie (in den kapi­ta­lis­ti­schen Län­dern). Aber um ehr­lich zu Euch sein, auch als die Wirt­schaft boomte, ließ sich ein auf Hab­gier auf­ge­bautes Wirt­schafts­system schlecht ver­kaufen, zumin­dest in den rei­chen Staaten.

Zehn Jahre später scheint es so, als gäbe es über­haupt keine rei­chen Staaten mehr, son­dern nur noch reiche Leute. Und diese Leute wurden reich durch die Plün­de­rung des öffent­li­chen Eigen­tums und durch die Aus­beu­tung der Boden­schätze der ganzen Welt.

Heute kann jeder sehen, dass dieses System zutiefst unge­recht ist und zuneh­mend außer Kon­trolle gerät. Unge­hemmte Hab­gier hat die Welt­wirt­schaft zerrüttet.

Sie zer­stört auch unsere Umwelt. Unsere Ozeane werden über­fischt und durch Hydraulic Frac­tu­ring und Tiefwasser-​Bohrungen ver­schmutzt; auch durch die Aus­beu­tung der Teers­ände von Alberta, die zu den schmut­zigsten Ener­gie­re­serven unseres Pla­neten gehören, wird unser Wasser vergiftet.

Die Atmo­sphäre kann die großen Mengen von Koh­len­di­oxyd nicht mehr auf­nehmen, die wir pro­du­zieren, und das führt zu der gefähr­li­chen Erd­er­wär­mung. Die neue Nor­ma­lität beschert uns ganze Serien von ökono­mi­schen und ökolo­gi­schen Katastrophen.

Die Pro­bleme auf unserer Erde sind so groß und so offen­sicht­lich, dass es heute viel leichter als 1999 ist, mit den Men­schen in Ver­bin­dung zu kommen und sie für eine Bewe­gung zu mobilisieren.

Wir alle wissen oder ahnen wenigs­tens, dass die Welt aus den Fugen ist: Wir tun so, als sei alles unbe­grenzt – auch die begrenzten fos­silen Brenn­stoffe und die Auf­nah­me­fä­hig­keit der Atmo­sphäre für Emis­sionen. Gleich­zeitig lassen wir uns aber ein­reden, dass es bei den Finanz­mit­teln, die wir benö­tigen, um die Gesell­schaft auf­zu­bauen, die wir drin­gend bräuchten, starre und unver­rück­bare Limits gibt, obwohl reich­lich Geld dafür da ist.

Die Haupt­auf­gabe unserer Zeit ist es, dieses Ver­halten umzu­drehen: Wir müssen nach­weisen, dass es die behaup­tete Geld­knapp­heit nicht gibt, und darauf bestehen, dass wir es uns sehr wohl leisten können, eine men­schen­wür­dige, soli­da­ri­sche Gesell­schaft auf­zu­bauen und gleich­zeitig die Begrenzt­heit unsere Erde zu respektieren.

Vor allem müssen wir den Kli­ma­wandel stoppen. Dieses Mal darf unsere Bewe­gung nicht, gespalten, aus­ge­bremst oder durch irgend­welche Ereig­nisse in den Hin­ter­grund gedrängt werden. Dieses Mal müssen wir erfolg­reich sein. Und ich spreche nicht nur die Regu­lie­rung der Banken und die Erhö­hung der Steuern für die Rei­chen an, obwohl auch das wichtig ist.

Ich spreche über die Ver­än­de­rung der Werte, auf denen unsere Gesell­schaft auf­ge­baut ist. Das ist schwer in einer ein­zigen medi­en­wirk­samen For­de­rung unter­zu­bringen und auch schwierig umzu­setzen. Aber es ist trotzdem drin­gend, obwohl es hart werden wird.

Ihr auf diesem Platz habt damit ange­fangen. Wie Ihr Euer Essen teilt, Euch gegen­seitig wärmt, frei­mütig Eure Infor­ma­tionen aus­tauscht, medi­zi­ni­sche Betreuung orga­ni­siert, Medi­ta­ti­ons­kurse ver­an­staltet und Ertüch­ti­gungs­pro­gramme durch­führt, das ist bei­spiel­haft. Mein Lieb­lings­plakat trägt die Auf­schrift "Ich küm­mere mich um Dich". In einer Gesell­schaft, in der es die Men­schen ver­meiden, ein­ander anzu­sehen, und in der die Devise gilt, "Lasst sie doch sterben", ist das ein ziem­lich radi­kales Statement.

Am Ende möchte ich auf Einiges hin­weisen, was in diesem groß­ar­tigen Kampf wichtig ist und worauf es dabei nicht ankommt.

Unwichtig ist,

  • wie wir uns kleiden,

  • ob wir unsere Fäuste ballen oder das Peace-​Zeichen tragen,

  • ob unsere Träume von einer bes­sere Welt den Medien passen.

      Nur Weniges ist wirk­lich wichtig:

      • unser Mut,

      • unser mora­li­scher Kompass

      • und wie wir ein­ander behandeln.

      Wir haben den Kampf gegen die mäch­tigsten wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Kräfte unseres Pla­neten auf­ge­nommen. Das kann schon Angst machen. Und weil diese Bewe­gung immer stärker wird, könnte die Angst (vor mög­li­chen Repres­sionen) noch größer werden.

      Stellt Euch darauf ein, das Ihr in Ver­su­chung kommen werdet, Euch leichter erreich­baren Zielen zuzu­wenden – wie zum Bei­spiel der Person, die auf diesem Treffen neben Euch sitzt. Diese "Schlacht" wäre ja auch leichter zu gewinnen.

      Gebt dieser Ver­su­chung nicht nach. Ich sage nicht, dass Ihr Euch nicht streiten sollt. Aber dieses Mal müssen wir so mit­ein­ander umgehen, als planten wir, den Kampf, der viele, viele Jahre dauern wird, Seite an Seite mit­ein­ander durch­zu­stehen, weil die vor uns lie­gende Auf­gabe uns das abfor­dern wird.

      Lasst uns diese wun­der­bare Bewe­gung so behan­deln, als ob sie die wich­tigste Sache der Welt wäre. Weil sie das auch wirk­lich ist.

      Quelle: Luft­post | Wir waren bemüht, den mit­rei­ßenden
      Schwung der Rede zu ver­mit­teln, was bei abso­luter Tex­treue nicht mög­lich gewesen. wäre. Der Inhalt bleibt unver­än­dert. Infor­ma­tionen über Naomi Klein sind hier auf­zu­rufen.

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      Kategorie » Gesellschaft/Soziales, Politik/Wirtschaft, Widerstand « | Tags » , , , «

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      gelesen: 97 · heute: 2 · zuletzt: 20. Mai 2012

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