Perspektive 50 plus – Der Kassenfüller zum Abräumen
Sonntag, 25. Juli 2010-17:51 -|- Eingestellt von: Julie |
Ein Erfahrungsbericht von Eberhard Wetzig, Jg. 1953, Pirna | PR Sozial | — Stellen Sie sich vor, Sie kaufen sich ein Auto. Beim Unterschreiben des Kauf– vertrags lesen Sie im Kleingedruckten, dass Sie sich mit …
… Unterzeichnung dieses Vertrages verpflichten, auch alle anderen Produkte dieses Autohändlers zu kaufen, sobald dafür in Ihrem Briefkasten Werbeflyer des Händlers liegen. Sie meinen, so etwas Unverschämtes von Kopplungsge– schäft gibt es in einer Demokratie nicht?
Weit gefehlt.
In der Arge Sächsische Schweiz – Osterzgebirge gibt es so etwas tatsächlich. Nur heißt der Vertrag dort nicht Kaufvertrag, sondern Eingliederungsvereinba– rung. Und die Grundlage für dieses Vorgehen bildet das Programm Perspektive 50 plus.
Hier soll der Generation 50+ verstärkt geholfen werden, auf dem ersten Arbeits– markt wieder Fuß zu fassen. So die Theorie. Aber wie will man das in oben ge– nannter Arge tun? Indem man einen (Zitat) „Pakt“ schmiedet! Zwischen allen Beteiligten!
Und das sind offenbar der ältere Langzeitarbeitslose, die Arge, die privaten Arbeitsvermittler, die Unternehmen der Region und die sogenannten Aktivie– rungsfirmen mit ihren unsäglichen Bewerbungstrainings, Typ– und Gesundheits– beratungen, Computer-Ein-und-Ausschaltlehrgängen usw.
Spätestens hier dürfte schon ein Stirnrunzeln angemessen sein. Und hat nicht der Begriff Pakt im Deutschen eine eher negative Bedeutung? Etwas Kriegeri– sches, etwas Geheimbündlerisches, etwas Böses wie Stalin — Hitler – Pakt, War– schauer Pakt, kurz etwas ganz Finsteres, vor dem man sich hüten sollte?
Also steigen wir in die Tiefe und erforschen die Akteure dieses Paktes mit dem Namen Perspektive 50 plus am Beispiel der Arge Sächsische Schweiz – Osterz– gebirge.
Da ist zum ersten die Arge. Sie hat für den Pakt extra Fallmanager als Nebenbe– treuer abgestellt, die sich nur mit Aufgaben aus ebendiesem Pakt beschäftigen. Wie bringt man nun auf neue Art Unternehmen dazu, arbeitsmarktpolitische Ladenhüter doch noch einzustellen? Ist doch gerade mit diesen Ladenhütern die letzten fünf Jahre nicht wirklich etwas Positives passiert.
Der Lösungsansatz ist so alt wie einfallslos: Die Unternehmen werden zusätz– lich gefördert, wenn sie einen solchen Ladenhüter einstellen. Aber Vorsicht, die Unternehmen müssen Mitglieder des Paktes sein, sonst gibt’s diese Sonderför– derung nicht. Sie können als Altersrentenkandidat nicht einfach zur Arge gehen und sagen, dass Sie ein Unternehmen gefunden haben, das sie einstellt. Dann wäre Pustekuchen mit Sonderförderung. Nur die Firmen, deren Stellenangebote Ihnen die o.g. Vermittler zukommen lassen, gehören zum Club.
Und damit lockt die Arge natürlich den älteren Hartz-IV–Empfänger unentwegt, indem sie vorgaukelt, dass sie aufgrund stärkerer Förderung auch mehr und willigere Unternehmen auf ihrer Seite hat. Und der Arbeitslose wird heiß.
Auch er will in den Club. Vergessen die Gründe, warum er seit Ewigkeiten nie zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, vergessen, dass sein Berufsab– schluss durch lange Arbeitsmarktferne entwertet ist, vergessen seine vergeb– liche Suche nach passgenauen Stellenangeboten im Internet.
Doch halt. Noch ist die Kuh nicht vom Eis. Ein wichtiges Element fehlt noch – die Eingliederungsvereinbarung.
Was soll denn an einer Eingliederungsvereinbarung Wichtiges sein? Sind wir nicht längst gewohnt, dass selbige vor allem fruchtlos ist für den Hilfebedürfti– gen? Das schon. Aber jetzt kommt die Steigerung an staatlichem Zynismus. So mit mir geschehen, der für das Projekt Perspektive 50 plus auserkoren war. Die Betonung liegt auf war. Und das kam so:
Ich hatte einen Termin bei einer Perspektive 50 plus — Vermittlerin. Dort erhielt ich tatsächlich einen Stellenvorschlag, für eine Helfertätigkeit 40h-Woche, 2-Schicht-System, 6,65€/h, 30km vom Wohnort entfernt. Einzige Bedingung, ich sollte in meiner Eingliederungsvereinbarung folgenden Passus wie beiläufig einfügen lassen.
„Herr Wetzig verpflichtet sich, an allen Maßnahmen des Projek– tes Perspektive 50 plus teilzunehmen.“
Was das für Maßnahmen sein sollten, konnte mir die Vermittlerin der Arge Sächsische Schweiz – Osterzgebirge nicht sagen.
Wie bitte? Das Kopplungsgeschäft des Autohändlers, jetzt durch eine staatliche Behörde?
Und wie nebenbei haben wir nun auch die vorher erwähnten Aktivierungsfirmen mit im Boot. Diese Parasiten der Arbeitsförderung sollten einzig durch meine Willenserklärung über mich restlos verfügen und ihre Sinnlosprodukte nach Her– zenslust auf Steuerzahlerkosten breitstreuen können?
Noch Herr meiner fünf Sinne, unterschrieb ich geistesgegenwärtig nicht.
Jetzt kam der große Rückzieher. Die Vermittlerin erklärte mir, dass sie mich aus dem Projekt wegen meiner Weigerung betreffs dieses einen Punktes wieder herausnehmen würde. Meine Mitgliedschaft im Club dauerte somit geschlagene 30 Minuten.
Den Stellenvorschlag konnte ich zwar behalten, aber der Unternehmer, der mich nun einstellen sollte, muss auf einen nicht zu verachtenden Teil an Fördergeld verzichten, obwohl er selbst Mitglied im Club ist.
Jedenfalls bekam ich einen Vermittlungsgutschein. Denn der Stellenvorschlag lief über einen privaten Arbeitsvermittler, angeblich würden nur noch große Firmen sich direkt an die Arbeitsagentur wenden, so die Behauptung der Vermittlerin. Also auch die Sparte der PAV ist mit im Boot, wenn das große Verdienen an den Elenden angesagt ist.
Und so haben wir die ganze illustre Gesellschaft beisammen:
- den Unternehmer, der alles mitnimmt, was er kriegen kann,
- den privaten Arbeitsvermittler, der sich das frühere Kerngeschäft der Arbeitsverwaltung bezahlen läßt (was macht die eigentlich jetzt???),
- die Aktivierungsfirmen, die sich wie Vampire auf den entmündigten Arbeitslosen stürzen und
- die ArGe, die Tag für Tag damit beschäftigt ist, ihr Lügengespinst über ein nicht funktionierendes Gesetz zu breiten, das den Namen trägt – Hartz IV.
…und fresset das Fleisch meines Volkes; und wenn ihr ihnen die Haut abgezogen habt, zerbrecht ihr ihnen auch die Gebeine und zerlegt's wie in einen Topf und wie Fleisch in einen Kessel. (Micha 3.3)
Übrigens: Das Stellenangebot habe ich auch im Internet gefunden! Bei eben dem selben privaten Arbeitsvermittler! Allein wäre ich nie auf die Idee gekom– men, mich dort zu bewerben.
Sie läuft dort nämlich unter der Beschreibung
- „..Arbeitsplatz in einem jungen, dynamischen Team…“
Quelle: PR Sozial
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Kategorie » Arbeit/Gewerkschaft, BA/ArGe/Hartz IV « | Tags » Aktivierung, Arbeit, Arbeitsmarkt, Arbeitsvermittler, Eingliederungsvereinbarung, Hartz IV, Maßnahmen, Perspektive 50 plus «
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