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"Pflege der politischen Landschaft": Wulffs Verhalten und das seiner Gönner

Donnerstag, 29. Dezember 2011-15:50 -|- Eingestellt von: |

Ein Gast­bei­trag von Hans Fricke | — Im Zusam­men­hang mit dem Scha­dens­fall Wulff ist häufig auch von der all­ge­mein bekannten "Amigo"-Affäre die Rede, die den bay­ri­schen Minis­ter­prä­si­denten Max Streibl (CSU) 1993 zwang zurück­zu­treten. Weniger bekannt ist dagegen der harmlos klin­gende Begriff "Pflege der poli­ti­schen Land­schaft", den Eber­hardt von Brau­chitsch, einer der mäch­tigsten deut­schen Wirt­schafts­bosse, erfand.

Er galt als Draht­zieher der Flick-​Affäre und bestach in den acht­ziger Jahren Poli­tiker mit Mil­lio­nen­be­trägen. Weil dem Kon­zern­chef Fried­rich Karl Flick und seinem Bevoll­mäch­tigten von Brau­chitsch ihre direkte Ein­fluss­nahme auf die Politik, also die plumpe Beste­chung, nicht opportun erschien, wurde das sprach­liche Bild von der poli­ti­schen Land­schafts­pflege geboren, wel­ches die freund­liche Gestal­tung des Umfeldes eines Poli­ti­kers oder einer Partei sug­ge­rieren sollte.

Seit Bestehen der Bun­des­re­pu­blik ist das gesell­schaft­liche Leben gekenn­zeichnet von einer mas­siven Ein­fluss­nahme der Banken und Kon­zerne auf poli­ti­sche Ent­schei­dungen, egal ob es sich dabei um offene Beste­chung oder "poli­ti­sche Land­schafts­pflege" han­delt, und die Bereit­schaft von Poli­ti­kern und Par­teien, den wirk­lich Mäch­tigen diese Ein­fluss­nahme zu erleichtern.

Waren es nun in den fünf­ziger Jahren Konrad Ade­nauer, der Kölner Ban­kier Robert Pferd­menges und der Prä­si­dent des Bun­des­ver­bandes der Deut­schen Indus­trie (BDI) Fritz Berg, oder sind es heute Angela Merkel, Deut­sche Bank­chef Josef Acker­mann und Hans-​Peter Keitel (BDI), immer geht es darum, dem Kapital die besten Ver­wer­tungs­mög­lich­keiten, den ent­schei­denden Ein­fluss auf die Gesell­schaft und den größt­mög­li­chen Profit zu sichern.

Darum über­rascht der Skandal um Chris­tian Wulff als nie­der­säch­si­scher Minis­ter­prä­si­dent nie­mand so richtig, denn für viele scheint es mitt­ler­weile selbst­ver­ständ­lich geworden zu sein, dass Poli­tiker engste Bezie­hungen zur Wirt­schaft pflegen und per­sön­lich davon pro­fi­tieren. Zwi­schen den soge­nannten Eliten der Wirt­schaft und der Politik gibt es heute eine viel inten­si­vere gegen­sei­tige Durch­drin­gung als in der Vergangenheit.

Mus­ter­bei­spiel dafür ist Ger­hard Schröder (SPD), der nicht nur zum dama­ligen VW-​Chef Fer­di­nand Piech ein enges Ver­hältnis hatte und, wie ich meine, zu Recht "Genosse der Bosse" genannt wird. Wäh­rend es früher nicht die Regel war, dass Poli­tiker nach ihrem Aus­scheiden in die Wirt­schaft gingen — wie z.B. im Falle des 1987 wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung ver­ur­teilten ehe­ma­ligen Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ters Hans Fried­richs (FDP), der zur Dresdner Bank ging — ist seit der Regie­rungs­zeit Ger­hard Schrö­ders (SPD) ein sol­ches Ver­halten fast eine Art Mas­sen­phä­nomen geworden.

Der Eli­ten­for­scher und Pro­fessor für Sozio­logie an der Uni­ver­sität Darm­stadt Michael Hart­mann erklärte dazu in junge Welt vom 22.12.2011: "Schauen wir uns das letzte rot-​grüne Kabi­nett an und auch die Ebene der Staats­se­kre­täre: Ein erheb­li­cher Teil der Ver­ant­wort­li­chen — und zwar aus beiden Par­teien — ist anschlie­ßend in die Wirt­schaft gegangen, in Vor­stände, ins geho­bene Manage­ment oder in Auf­sichts­räte… Inzwi­schen häufen sich solche Fälle.

Etwa der des ehe­ma­ligen Minis­ter­prä­si­denten und CDU-​Vorsitzenden von Hessen, Roland Koch, der nach seiner Amts­auf­gabe direkt in den Vor­stands­vor­sitz von Bilfinger-​Berger wechselte.

Oder der seines frü­heren Amts­kol­legen aus Baden-​Württemberg, Stefan Mappus, der zum Phar­ma­kon­zern Merck ging, obwohl keine Qua­li­fi­ka­tion für die Posi­tion erkennbar war. Inso­fern ist das, was man jetzt über diesen Bun­des­prä­si­denten erfährt, nur ein Glied in einer langen Kette. Nach meiner Ansicht ist der seit Ende der 90er Jahre massiv gestie­gene Ein­fluss der Wirt­schaft auf die Politik dafür verantwortlich."

Einen wei­teren Grund für diese Ent­wick­lung sieht Pro­fessor Hart­mann darin, dass die Politik sich selbst ihres Spiel­raumes beraubt hat, indem sie immer wieder mit Blick auf die Glo­ba­li­sie­rung von "Alter­na­tiv­lo­sig­keit" sprach. Weil die Wirt­schaft die Rah­men­be­din­gungen dafür setzt, was poli­tisch noch ent­scheidbar ist, müssen die Poli­tiker mit ihr enger koope­rieren. Diese Gemen­ge­lage war für ihn dafür ent­schei­dend, dass sich nie­mand mehr gewun­dert hat, wie eng beide Bereiche auch per­sön­lich ver­flochten sind.

Der Gründer des umstrit­tenen Finanz­dienst­leis­ters AWD, der Unter­nehmer und Mul­ti­mil­lionär Carsten Maschmeyer, gilt als beson­ders geschickter und erfolg­rei­cher "poli­ti­scher Land­schafts­pfleger" und als Para­de­bei­spiel für die gefähr­liche Nähe zwi­schen Lob­by­isten und Poli­ti­kern. Er hat in Han­nover eine Gruppe aus Poli­ti­kern und Unter­neh­mern um sich geschart, die soge­nannte Maschsee-​Connection, und half als Mäzen Ger­hard Schröder und Chris­tian Wulff auf ihrem Weg an die Spitze der deut­schen Politik.

Beson­ders groß­zügig war Maschmeyer gegen­über seinem Freund und dama­ligen Minis­ter­prä­si­denten Ger­hard Schröder, dem er im Land­tags­wahl­kampf 1998 mit einer Anzei­gen­kam­pagne für 650.000 Mark unter die Arme griff. Ihr­Titel: "Der nächste Kanzler muss ein Nie­der­sachse sein."

Nun ist eine wei­tere angeb­liche Maschmeyer-​Spende ans Tages­licht gekommen. Wie das ARD-​Maganzin Pan­orama am 28.April 2011 berich­tete, soll Schröder im Bun­des­tags­wahl­kampf 1998 über einen Stroh­mann eine Spende in Höhe von 150 000 Mark erhalten haben — angeb­li­cher Auf­trag­geber: Carsten Maschmeyer. Als Beleg ver­öf­fent­lichte das Magazin einen Brief ("per­sön­lich /​ver­trau­lich") des ver­meint­li­chen Stroh­mannes an eine lei­tende Beamtin der nie­der­säch­si­schen Staatskanzlei.

Neben der Frage, ob im Zusam­men­hang mit der ver­meint­li­chen Maschmeyer-​Spende illegal Wahl­kampf aus der Staats­kanzlei betrieben wurde, und was der dama­lige Leiter, der heu­tige Vor­sit­zende der SPD-​Bundestagtsfraktion, Frank-​Walter Stein­meier, wusste, gibt es einen wei­teren inter­es­santen Aspekt an der Geschichte, der aller­dings bis­lang noch nicht beleuchtet wurde.

Bei aller berech­tigten Empö­rung über den Skandal um Chris­tian Wulff sollten wir fol­gendes nicht aus den Augen ver­lieren: Ers­tens die Heu­chelei und das Will­kür­liche bei der Beur­tei­lung von Politiker-​Verfehlungen durch andere Poli­tiker. Die­selbe Frau Nahles zum Bei­spiel, die Wullfs Ver­halten ganz "uner­träg­lich" findet, hatte umge­kehrt kei­nerlei Ein­wände, als sich der rheinland-​pfälzische Minis­ter­prä­si­dent Kurt Beck eine Geburts­tags­sause aus Gebüh­ren­gel­dern des ZDF spon­sern ließ.

Auch die Rei­se­be­glei­tung von Bun­des­au­ßen­mi­nister Frank-​Walter Stein­meier hat nie jemand son­der­lich inter­es­siert. Dabei waren jede Menge Pas­sa­giere aus der SPD-​Unterstützer-​Szene mit an Bord, wenn er sich zu fremden Län­dern auf­machte. Bei Außen­mi­nister Guido Wes­ter­welle wie­derum war es ein großer Skandal, als man in seiner Beglei­tung Spender der FDP entdeckte.

Zwei­tens dürfen wir uns durch die täg­li­chen Mel­dungen der Medien über Chris­tian Wulff, ins­be­son­dere FAZ und WELT, nicht von dem wirk­lich Wich­tigen ablenken lassen, das da sind: Die akute Kriegs­ge­fahr durch die Groß­macht­an­sprüche der Obama-​Adminstration und die Bereit­schaft der Bun­des­re­gie­rung, sich an Kriegs­aben­teuern der USA zu beteiligen.

Die Gefähr­dung von Demo­kratie und Selbst­be­stim­mung durch die EU, die Ver­drän­gung der Gefahr des Rechts­ter­ro­rismus durch Bundes– und Lan­des­re­gie­rungen und Sicher­heits­dienste der BRD sowie die unver­ant­wort­liche Ver­schul­dung unseres Landes in kaum noch fass­baren Grö­ßen­ord­nungen, mit der die Bun­des­re­gie­rung vor­gibt, den Euro retten zu wollen.

Georg Fül­berth, eme­ri­tierter Pro­fessor für Poli­tik­wis­sen­schaft an der Uni­ver­sität Mar­burg fasst seine Gedanken dazu wie folgt zusammen: "In der Finanz– und sich anbah­nenden Wirt­schafts­krise sind die Mainstream-​Medien damit befasst, die Auf­merk­sam­keit von den Ursa­chen — Ungleich­heit und Über­ak­ku­mu­la­tion als im Kapi­ta­lismus unver­meid­li­chen Ursa­chen und Folgen seines Funk­tio­nie­rens — abzu­lenken und dafür ein Sekun­där­laster zu gei­ßeln: Gier.

Die Macht­lo­sig­keit des Poli­ti­schen wird zuneh­mend beklagt. Die war bisher gerade erwünscht gewesen Der Staat solle sich nicht nur aus der 'Wirt­schaft' her­aus­halten, son­dern für sie Schmiere stehen. Wie Schröder. So wird es bleiben. Aber für eine logi­sche Sekunde lang soll es anders aus­sehen. Des­halb hat Wulff jetzt Ärger."

In dem am 21.12.2011 erschie­nenen Bei­trag "Die käuf­liche Repu­blik" von Jacob Jung(1) stellt der Autor die berech­tigte Frage, warum der Ver­dacht, bestech­lich zu sein, aus­ge­rechnet den Bun­des­prä­si­denten trifft, wo es doch in Deutsch­land zum guten Ton gehört, dass Poli­tiker der eta­blierten Par­teien Ver­bin­dungen zu Wirt­schafts– und Lob­by­ver­bänden, Insti­tu­tionen, Orga­ni­sa­tionen und Stif­tungen unter­halten, die ihre Macht und ihr Geld nutzen, um sich poli­ti­schen Ein­fluss zu erkaufen? Und er zeigt am Bei­spiel der Agenda 2010, wie in Deutsch­land Gesetze und Reformen ent­wi­ckelt, mehr­heits­fähig gemacht und durch­ge­setzt werden.

Am Bei­spiel des Zustan­de­kom­mens der Agenda 2010 schil­dert er, wie durch die Initia­tive einer ein­zigen ver­mö­genden Familie, näm­lich der Familie Mohn, mit ihren weit ver­zweigten Bertelsmann-​Stiftungen, Betei­li­gungs­ge­sell­schaften und inter­na­tio­nalen Orga­ni­sa­tionen eine Reform for­mu­liert, ent­wi­ckelt und durch­ge­setzt wurde, die einen erheb­li­chen nega­tiven Ein­fluss auf die Lebens­um­stände eines großen Teils unserer Gesell­schaft hat.

Beson­ders per­fide sei in diesem Zusam­men­hang, dass sich die Bertelsmann-​Stiftung zur Durch­set­zung dieser unso­zialen und gefähr­li­chen Reform aus­ge­rechnet die Sozi­al­de­mo­kraten als Erfül­lungs­ge­hilfen aus­ge­sucht habe. Eine ver­gleich­bare Reform hätte man der Union in Deutsch­land nicht durch­gehen lassen. Der SPD aber gelang dies pro­blemlos, womit sie ein wei­teres Mal in ihrer langen Geschichte genau die­je­nigen ver­raten hat, deren Inter­essen zu ver­treten sie voll­mundig vorgibt.

Vor dem Hin­ter­grund der unge­hemmten Ein­fluss­nahme eli­tärer Min­der­heiten auf die Politik wirkt nach Jungs Auf­fas­sung die Affäre um Chris­tian Wulff nicht wie eine Aus­nahme, son­dern sei ein modell­haftes Abbild der poli­ti­schen Wirk­lich­keit Deutschlands.

"Warum hat es aber jetzt aus­ge­rechnet ihn getroffen?",

fragt Jung abschlie­ßend und meint:

"Viel­leicht hat der Bun­des­prä­si­dent ein­fach keine Lust mehr auf sein Amt, viel­leicht will die Presse der Kanz­lerin zeigen, zu was man bei Springer fähig ist, wenn man nur will, viel­leicht öffnen die Medien durch die Unmög­lich­ma­chung der Regie­rung auch nur den Gebur­ten­kanal für eine neue, rechte Partei unter Füh­rung von Karl-​Theodor zu Guttenberg."

Im Epilog seines Bei­trages "Der Fall Maschmeyer oder die gefähr­liche Nähe zwi­schen Lob­by­isten und Poli­ti­kern" schrieb der Blogger Martin Reiher (2) am 29.04.2011:

"Die Zuwen­dungen an Ger­hard Schröder erweisen sich rück­bli­ckend als gute Inves­ti­tion für Carsten Maschmeyer. Einige Jahre nach dem Wahl­sieg 1998 wird es die Schröder-​Regierung sein, die der Finanz­dienst­lei­ter­branche mit der Ein­füh­rung der staat­lich geför­derten Riester-​Rente ein Mil­li­ar­den­ge­schäft beschert.

Der Erfinder dieser pri­va­ti­sierten Alters­vor­sorge, Arbeits­mi­nister a.D. Walter Riester, zieht dar­aufhin nicht nur als gut bezahlter Werber für die Riester-​Rente durch die Lande, son­dern steht auch dem Ver­treiber der Riester-​Rente, Maschmeyers AWD, zu Diensten…

Carsten Maschmeyer ist inzwi­schen bei AWD aus­ge­schieden und hat eine Bera­tungs­firma gegründet, die Maschmeyer­Rürup AG, wo er zuständig ist für die Gewin­nung von Auf­trag­ge­bern. Dies dürfte ihm dank seines guten Drahtes zu zahl­rei­chen Spit­zen­po­li­ti­kern nicht allzu schwer fallen, denn zu den Kunden gehören u.a. "Regie­rungen und inter­na­tio­nale Organisationen".

Maschmeyers Geschäfts­partner ist der ehe­ma­lige AWD-​Chefökonom Bert Rürup, Ex-​Regierungsberater von Ger­hard Schröder — und Erfinder der von AWD ver­trie­benen 'Rürup-​Rente'. Trans­pa­rency inter­na­tional nannte die Ver­bin­dung von Riester und Rürup zu Maschmeyer kürz­lich 'ein Bei­spiel für poli­ti­sche Kor­rup­tion'."

Auch Chris­tian Wulff pro­fi­tierte von Maschmeyers Groß­zü­gig­keit. Zum Bei­spiel, als der fast 43 000 Euro für eine Anzei­gen­kam­pagne springen ließ, die im nie­der­säch­si­schen Wahl­kampf ein wer­be­wirk­sames Interview-​Buch mit Wulff bewarb. Sein viel­sa­gender Titel :"Besser die Wahr­heit". Schon lange vor Chris­tian Wulff hatten Maschmeyer und seine Freunde Ein­fluss in Han­nover, näm­lich als "Frogs" (Freunde von Ger­hard Schröder).

Zu ihnen gehörten der spä­tere Kanz­ler­amts­chef Bodo Hom­bach, der heu­tige Ver­lags­ge­schäfts­führer Man­fred Bis­singer und der mäch­tige RWE-​Chef Jürgen Groß­mann. Das alles sind füh­rende Leute aus der Wirt­schaft, die nach dem Motto "Eine Hand wäscht die andere" handeln.

In Bayern, wo dieses Prinzip bis zur Per­fek­tion ver­fei­nert worden ist, ent­wi­ckelten sich dann die bekannten "Amigos", die diesmal "Hannover-​Connection", "Maschsee-​Mafia" oder wie sie der Vor­sit­zende der Links­frak­tion im nie­der­säch­si­schen Landtag, Man­fred Sohn, nennt: "dumm­dreiste Misch­poke". Für beson­deres Auf­sehen sorgte auch, dass Schrö­ders frü­herer Regie­rungs­spre­cher Bela Anda zum AWD als Spre­cher wechselte.

Diese Freunde "erbte" Wulff, als er Minis­ter­prä­si­dent von Nie­der­sachsen wurde. Der ehe­ma­lige Bild am Sonntag-​Chefredakteur und Poli­tik­be­rater Michael Spreng prägte für den Han­no­ve­raner Klüngel den Begriff "Erbfreundschaften".

So ver­wun­dete es auch nicht, dass Wulff die Lau­datio bei der Ver­lei­hung der Ehren­dok­tor­würde der Uni­ver­sität Hil­des­heim an seinen engen Freund Maschmeyer hielt und als Bun­des­prä­si­dent seinen Som­mer­ur­laub auf Mal­lorca ver­brachte — auf dem Anwesen dieses engen Freundes. Das Prä­si­di­alamt sieht darin nichts Anrüchiges.

Vor allem der Nord­deut­sche Rund­funk befasste sich immer wieder kri­tisch mit den Geschäfts­prak­tiken von Maschmeyers AWD. Es ging um Vor­würfe wie Falsch­be­ra­tung von Anle­gern und zu hohen Pro­vi­sionen. Im Januar 2011 beschwor der NDR-​Film "Der Drü­ck­er­könig und die Politik" einen juris­ti­schen Clinch zwi­schen dem Sender und Maschmeyer herauf. Hin­weise darauf, um wel­chen Typ Mensch es sich bei Maschmeyer han­delt, dessen enger Freund­schaft sich Bun­des­prä­si­dent Wulff rühmt, gab es recht­zeitig und wahr­lich mehr als genug. Schon am 17. Mai 2011schrieb ein Herr Guido Lan­gen­stück (3):

"War es nicht Carsten Waschmeyer, der zu AWD-​Zeiten Tau­sende Klein­an­leger beschissen, um ihr mühsam Erspartes gebracht und damit in die Depres­sion getrieben hatte? Maschmeyer erin­nert mich an einen Brand­stifter, der anschlie­ßend Feu­er­lö­scher ver­kauft. Schlau ist der Bur­sche schon. Der macht aus allem Geld. Fragt sich nur, wie lange es noch dauert, bis unser Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff begreift, wen er sich da (frei­willig) zum Freund gemacht hat."

Am 16.12.2011 berich­tete Robert von Lucius in der Frank­furter All­ge­meinen, dass der Kitt der "Erb­freund­schaften" brö­ckeln würde. Fotos, auch öffent­liche Begeg­nungen, mit Maschmeyer scheine Wulff inzwi­schen zu scheuen. Auch Schröder habe die Büro­ge­mein­schaft mit der Rechts­an­walts­kanzlei Götz von From­berg, der zu einer Kern­figur der Hannover-​Gruppe gerechnet wird, auf­ge­löst. Offenbar seien die Han­no­ve­raner sensibilisiert.

Die Ver­bin­dungen von poli­ti­scher Macht, Geschäfts­in­ter­essen und Rot­licht­mi­lieu, über die der nie­der­säch­si­sche Landtag seit gut einem Jahr immer wieder in Anfragen und Debatten spreche, würden inzwi­schen zumin­dest das Tages­licht scheuen.

Am 21.12.2011 schrieb FOCUS-​Online-​Redakteur Chris­toph Pagel unter der Über­schrift: "Wulffs Hannover-​Connection — Maschmeyer kennt sie alle":

"Bei allen Ver­flech­tungen bleibt die Frage, warum sich ein sol­cher Sumpf der Macht aus­ge­rechnet in Han­nover bildet und nicht etwa in Berlin, Ham­burg oder Mün­chen. Eine Erklä­rung könnte sein, dass sich in der mit­tel­großen Lan­des­haupt­stadt Han­nover Kapital, Pro­mi­nenz und Politik viele leichter nahe kommen können.

So war es mög­lich, dass nicht nur Chris­tian Wulff und Ger­hard Schröder von Han­nover aus ihren Auf­stieg begannen. Auch die beiden Par­tei­vor­sit­zenden Sigmar Gabriel (SPD) und Philipp Rösler (FDP) sowie Arbeits– und Sozi­al­mi­nis­terin Ursula von der Leyen (CDU) habe die Zeit in Nie­der­sachsen in bun­des­po­li­ti­sche Spit­zen­ämter gehoben."

Zu nennen in diesem Zusam­men­hang wären auch Frank-​Walter Stein­meier, Patrik Döring, Peter Struck und Bri­gitte Zypries. Die meisten von ihnen arbei­teten auch irgend­wann in der nie­der­säch­si­schen Staatskanzlei.

Erwar­tungs­gemäß bekräf­tigt die Bun­des­kanz­lerin immer wieder ihre Unter­stüt­zung für Wulff. Regie­rungs­spre­cher Georg Streiter sagte dazu:

"Der Bun­des­prä­si­dent tut erkennbar alles, um die an ihn her­an­ge­tra­genen Fragen zu beant­worten. Es hat sich nichts daran geän­dert, dass die Bun­des­kanz­lerin volles Ver­trauen in die Person Chris­tian Wulffs und in die Amts­füh­rung des Bun­des­prä­si­denten hat. Er ist ein guter und aner­kannter Bundespräsident."

Schon eine Woche vorher hatte Frau Merkel erklärt, dass sie die Arbeit des Bun­des­prä­si­denten schätze und wür­dige. Unter­stüt­zung bekommt Wulff auch von füh­renden Poli­ti­kern der schwarz-​gelben Koali­tion. Vor allem Ver­treter der FDP stellen sich klar hinter Wulff. Aus der Oppo­si­tion kommt dagegen weiter Kritik. Die stell­ver­tre­tende FDP-​Chefin Sabine Leutheuser-​Schnarrenberger sagte im Bay­ri­schen Rund­funk: "(…)Es ist nicht eine Affäre Wulff. Rück­tritts­for­de­rungen nannte sie "ganz ver­ein­zelte Stimmen".

Der FDP-​Bundestagsabgeordnete Erwin Lotter hatte Wulff den Rück­tritt nahe­ge­legt und seine For­de­rung inzwi­schen bekräf­tigt. Der desi­gnierte FDP-​Generalsekretär Patrik Döring sagte der Zei­tung Die Welt:

"Der Bun­des­prä­si­dent hat deut­lich gemacht, dass er sein Han­deln vor sich und seinem Amt ver­ant­worten kann. Der Respekt vor dem Amt des Bun­des­prä­si­denten ver­bietet es mir, sein Urteil infrage zu stellen."

Grünen-​Geschäftsführerin Steffi Lemke sagte dagegen, die Erklä­rung des Bun­des­prä­si­denten reiche nicht aus.

"Es geht nicht um die Frage, ob Chris­tian Wulff per­sön­lich sein Vor­gehen ver­ant­worten kann, son­dern ob sein Vor­gehen mit seinem Amt als Minis­ter­prä­si­dent ver­einbar war und mit seinem Amt als Bun­des­prä­si­denten zu ver­ein­baren ist."

Die Erklä­rungen der Bun­des­kanz­lerin sind inso­fern auf­schluss­reich, als sie früher wie­der­holt betont hatte, der gegen­sei­tige Respekt der Ver­fas­sungs­or­gane gebiete es, sich nicht gegen­seitig zu bewerten und zu kom­men­tieren. Sind ihre jet­zigen Lobes­hymnen für Wulff ein Zei­chen dafür, dass es mit dem Respekt doch nicht so weit her ist?

Bedeuten ihre aner­ken­nenden Worte, dass sie Angst um ihn hat und fürchtet, schon wieder einen Bun­des­prä­si­denten zu ver­lieren? Ein Rük­tritt Wulffs würde Frau Merkel schaden, denn sie hat ihn gegen den Wider­stand in den eigenen Reihen in diese Posi­tion gebracht.

Er ist ihr per­sön­li­cher Prä­si­dent, so wie der völlig mit dem Amt des Bun­des­prä­si­denten über­for­derte Hein­rich Lübke Ade­nauers per­sön­li­cher Prä­si­dent war, von dem Ade­nauer sagte, dass er "keine Schwie­rig­keiten" machen werde. Es ist ein durch­sich­tiges Spiel mit der Macht. Stürzt Wulff, dann hat sie keinen Bun­des­prä­si­denten mehr, der vor­be­haltlos in ihrem Inter­esse handelt.

Der Bun­des­prä­si­dent habe seinen "Kredit ver­spielt" befand die Zeit und ver­hängte über das Staats­ober­haupt eine unbe­fris­tete "Bewäh­rungs­auf­sicht". Die Frank­furter All­ge­meine Zei­tung erteilte ihm Auf­tritts­verbot ("Der Bun­des­prä­si­dent wird künftig schweigen müssen"). Es liegt nahe, dass die Bun­des­kanz­lerin für ihre unein­ge­schränkte Unter­stüt­zung des beschä­digten Bun­des­prä­si­denten von diesem einen Preis for­dern wird, z.B. keine Ein­wände gegen Gesetze, die beschlossen werden sollen.

In der Sit­zung des Ältes­ten­rates des nie­der­säch­si­schen Land­tages am 20.12.2011 setzte sich die Regie­rungs­frak­tionen von CDU und FDP durch. Sie erklärten den Ältes­tenrat für nicht zuständig, das Ver­halten Wulffs als ehe­ma­liger Minis­ter­prä­si­dent zu bewerten. Grüne und SPD wollen in der Causa Wulff jedoch nicht nachgeben.

Beide Frak­tionen erklärten, dass sie nun wei­tere par­la­men­ta­ri­sche Wege prüfen werden. Stefan Schos­tock, SPD-​Fraktionschef, wies darauf hin, dass der Ältes­tenrat die letzte Mög­lich­keit gewesen sei, den Fall Wulff unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit zu behan­deln. Was er so nicht sagte, aber was nahe liegt: diese Chance hat die Koali­tion verspielt.

Auch die Rede des Bun­des­prä­si­denten hat seine Kri­tiker nicht über­zeugt. Sie kam ent­schieden zu spät und ließ viele Fragen offen, etwa die nach den Hin­ter­gründen der Tren­nung von seinem Spre­cher Olaf Gla­e­seker, der auch sein Berater, enger Ver­trauter, manche sagen sein Erfinder war. Wer wie Wulff Ver­feh­lungen nur scheib­chen­weise zugibt, muss sich vor­werfen lassen, dass er einen tak­ti­schen Umgang mit der ganzen Wahr­heit pflegt.

Bei poli­ti­schen Geg­nern war Wulff vor Jahren weniger zurück­hal­tend, auch wenn es sich um die Ämter des Bun­des­prä­si­denten und des nie­der­säch­si­schen Minis­ter­prä­si­denten han­delte. Im Jahr 2000 ging er den dama­ligen Bun­des­prä­si­denten Johannes Rau an. Dieser stand wegen einer Flug­af­färe unter Druck. Nachdem erneut Vor­würfe gegen Rau bekannt geworden waren, for­derte der CDU-​Politiker dessen Rücktritt.

Wulff erklärte damals im FOCUS, die SPD solle "Johannes Rau zurück­ziehen". Damit atta­kierte er den Prä­si­denten weit schärfer als seine Par­tei­freunde, die sich eher zurück­hielten, um das Amt nicht zu beschä­digen. Zugleich betonte er, dass "wir gerade jetzt einen unbe­fan­genen Bun­des­prä­si­denten" bräuchten und "ihn gegen­wärtig nicht zur Ver­fü­gung haben".

Auch mit dem ehe­ma­ligen nie­der­säch­si­schen Minis­ter­prä­si­denten Ger­hard Glo­gowski ging Wulff hart ins Gericht, als der SPD-​Politiker 1999 wegen der "Aida-​Affäre" unter Druck geriet. Dabei ging es um die Bezah­lung eines Operbe­su­ches von Glo­gowski in Kairo.

Wulff betonte damals, Vor­teils­an­nahme sei "mit dem Amt des Minis­ter­prä­si­denten nicht ver­einbar". Nach einer Reihe wei­terer Vor­würfe trat Glo­gowski zurück. Das reichte Wulff aber nicht, er wollte einen Unter­su­chungs­aus­schuss, denn "der Schein von Abhän­gig­keiten" sei "ein Pro­blem für die Würde des Amtes" erklärte Wulff damals laut Han­no­ver­scher All­ge­meiner Zeitung.

Chris­tian Wulff hat seine eigenen Maß­stäbe ver­letzt. Er ist beschä­digt und mit ihm einmal mehr das Amt. Daran können auch noch so viele anders­lau­tende Erklä­rungen und Abwie­ge­lungen der schwarz-​gelben Koali­tion etwas ändern. "Es bleibt das fade Gefühl des Unge­wissen und eines Sys­tems Han­nover", meinte die Frak­ti­ons­vor­sit­zende der Grünen im Bun­destag, und der Vor­sit­zende der Links­frak­tion im nie­der­säch­si­schen Landtag, Man­fred Sohn, erklärte ohne Wenn und Aber:

"Meiner Mei­nung nach muss er umge­hend zurück­treten. Das ist schließ­lich ein Amt, in dem es um die per­sön­liche Inte­grität geht — und die hat Wulff nie besessen."

Und der FDP-​Bundestagsabgeordnete Erwin Schlotter, der Wulffs Rück­tritt for­dert, meinte: "Ich bin zumin­dest positiv über­rascht, dass er wenigs­tens die Weih­nachts­an­sprache nicht auch noch von Anwälten hat ver­lesen lassen."

Die kurze öffent­liche Erklä­rung des Bun­des­prä­si­denten war nicht geeignet, die Debatte zu beenden. Ein Ende der Dis­kus­sion über den Scha­dens­fall Wulff ist nicht abzu­sehen, wie die jüngsten Ent­hül­lungen zu den Son­der­kon­di­tionen seines BW-​Bankkredits für "geho­bene Pri­vat­kunden" belegen.

Bischöfin Margot Käß­mann ist nach ihrer Trun­ken­heits­fahrt zurück­ge­treten. Sie hat gespürt, dass ihre Glaub­wür­dig­keit gelitten hatte und dass sie ihre Ämter nicht mehr ange­messen hätte aus­füllen können. Der Kölner Kar­dinal Meisner sagte, wenn ich selbst in einer ver­gleich­baren Lage wie Wulff wäre, "dann müßte ich meinen Hir­ten­stab abgeben, dann müßte ich resignieren".

Chris­tian Wulff muss sich fragen, ob das bei ihm anders ist.

Quelle: via eMail an Mein Politikblog

Mit herz­li­chem Dank an den Autor Hans Fricke !


(1) http://​jac​ob​jung​.word​press​.com/​2​0​1​1​/​1​2​/​2​1​/​d​i​e​-​k​a​u​f​l​i​c​h​e​-​r​e​p​u​b​l​ik/

(2) blog​.abge​ord​ne​ten​watch​.de

(3) blog​.abge​ord​ne​ten​watch​.de

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