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Prager Fenstersturz, Numero Vier

Donnerstag, 15. Oktober 2009-10:14 -|- Eingestellt von: |

Von German For­eign Policy

Ein deut­scher EU-​Parlamentarier ver­langt ein Amts­ent­he­bungs­ver­fahren gegen den Prä­si­denten der Tsche­chi­schen Repu­blik. Sollte Václav Klaus den "Ver­trag von Lis­sabon" nicht unmit­telbar rati­fi­zieren, sobald eine posi­tive Ent­schei­dung des tsche­chi­schen Ver­fas­sungs­ge­richts vor­liegt, müsse Klaus aus dem obersten tsche­chi­schen Ver­fas­sungs­organ zwangs­weise ent­fernt werden, for­dert der Sozi­al­de­mo­krat Jo Leinen.

Berichten zufolge haben deut­sche Diplo­maten ent­spre­chende Schritte bereits in Prag son­diert. Dabei soll auch die Ent­mach­tung des Prä­si­denten mit­tels einer Ände­rung der tsche­chi­schen Ver­fas­sung dis­ku­tiert worden sein. Die Inter­ven­tionen betreffen einen deut­schen Nach­bar­staat, dessen Ver­fas­sungs­or­gane nicht zum ersten Mal ins Faden­kreuz der Ber­liner Außen­po­litik geraten. In Prag unver­gessen und Ursache der Vor­be­halte gegen den "Ver­trag von Lis­sabon" sind die deut­schen Expan­si­ons­be­stre­bungen, die vor 70 Jahren in einen Welt­krieg mündeten.

Auch ohne Berück­sich­ti­gung der his­to­ri­schen Zusam­men­hänge reißt das deut­sche Vor­gehen demo­kra­ti­sche Min­dest­stan­dards nieder, die wäh­rend der Instal­lie­rung des soge­nannten Ver­trags von Lis­sabon schon mehr­fach ins Lächer­liche gezogen wurden. Der Ver­trags­ent­wurf begüns­tigt den Umbau der EU zur global ope­rie­renden Mili­tär­macht und stärkt die deut­sche Hege­monie. Die mas­siven Ein­mi­schungs­ver­suche werden in der Bun­des­re­pu­blik von einer natio­na­lis­ti­schen Medi­en­kam­pagne gegen die Tsche­chi­sche Repu­blik begleitet.

Wie der deut­sche Euro­pa­par­la­men­ta­rier Jo Leinen (SPD) ver­langt, muss in der Tsche­chi­schen Repu­blik ein Amts­ent­he­bungs­ver­fahren gegen Staats­prä­si­dent Václav Klaus ein­ge­leitet werden, sollte dieser den "Ver­trag von Lis­sabon" nach einem posi­tiven Ent­scheid des tsche­chi­schen Ver­fas­sungs­ge­richts nicht sofort ratifizieren.[1] Das Gericht berät der­zeit über eine Klage meh­rerer tsche­chi­scher Par­la­ments­ab­ge­ord­neter, die den Ver­trag im Wider­spruch zur Ver­fas­sung des Landes sehen.

Berlin drängt hin­gegen auf eine schnelle Ver­ab­schie­dung. Wie die bri­ti­sche Presse berichtet, haben deut­sche und fran­zö­si­sche Diplo­maten bereits mit tsche­chi­schen Kol­legen über Wege ver­han­delt, "das Hin­dernis Klaus zu ent­fernen". Im Gespräch ist dem­nach außer einem Amts­ent­he­bungs­ver­fahren auch eine Ände­rung der tsche­chi­schen Ver­fas­sung, um die Rechte des Prä­si­denten zu beschneiden.[2] Ver­wei­gere Klaus seine Unter­schrift unter den Ver­trag, dann "muss er den Kon­se­quenzen ins Auge sehen", droht ein deut­scher Diplomat.[3]

Zugriff

Mit den aktu­ellen Akti­vi­täten gegen Prag ergreift Berlin erst­mals direkte Schritte zur Abset­zung oder Ent­mach­tung eines EU-​Staatschefs, der deut­schen Vor­haben nicht Vor­schub leistet. Die Maß­nahmen, die der staat­li­chen Sou­ve­rä­nität Tsche­chiens Hohn spre­chen, reißen erneut demo­kra­ti­sche Min­dest­stan­dards in der EU ein. Bereits bei ihren bis­he­rigen Schritten zur Durch­set­zung des Ver­trags­ent­wurfs hat die Bun­des­re­gie­rung demons­triert, wie sie per Refe­rendum (in Frank­reich und den Nie­der­landen) abge­lehnte Doku­mente umde­kla­riert und inhalts­gleich neu zur Ent­schei­dung vor­legen lässt.

Zudem hat Berlin klar­ge­stellt, dass, sollte ein Refe­rendum — wie in Irland — tat­säch­lich unver­meid­lich sein, Abstim­mungen wie­der­holt werden können, bis PR-​Offensiven das gewünschte Ergebnis erbringen.[4] Mit den jüngsten Inter­ven­tionen in Prag stehen nun auch Ver­fas­sungs­ge­setze von EU-​Mitgliedstaaten zur Dis­po­si­tion. Bereits vor Inkraft­treten des Ver­trags­ent­wurfes erweist sich damit eine häufig geäu­ßerte Kritik an dem Doku­ment als zutref­fend: dass durch die soge­nannte euro­päi­sche Inte­gra­tion die Sou­ve­rä­nität der Mit­glied­staaten unter­graben und dem Zugriff der west­eu­ro­päi­schen Hege­mo­ni­al­mächte geöffnet wird.

Eile

Selbst die Eile, zu der Berlin bei der Rati­fi­zie­rung des Ver­trags­ent­wurfes drängt, hat ihren Grund in der Ver­mei­dung demo­kra­ti­scher Ver­fahren. Die Bevöl­ke­rung Groß­bri­tan­niens lehnt den Ver­trag mit großer Mehr­heit ab; die jet­zige sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Regie­rung hat ihn des­wegen ohne ein Refe­rendum rati­fi­ziert. Nun hat der Par­tei­chef der Kon­ser­va­tiven ange­kün­digt, die Rati­fi­zie­rung auf­heben und ein Refe­rendum abhalten zu wollen, sollte seine Partei bei den nächsten Par­la­ments­wahlen siegen.

Vor­aus­set­zung ist, dass der Ver­trag bis dahin noch nicht in Kraft gesetzt wurde. Eine Mehr­heit für die Kon­ser­va­tiven gilt als sicher. Die Wahlen sind für das kom­mende Früh­jahr ange­kün­digt. Wollte Berlin die bri­ti­sche Bevöl­ke­rung daran hin­dern, den Ver­trags­ent­wurf per Refe­rendum abzu­lehnen, müsste das Doku­ment noch vor den Lon­doner Wahlen rati­fi­ziert werden — um jeden Preis. Der Bun­des­re­gie­rung bleibt nicht viel Zeit.

Eigen­tums­an­sprüche

Dabei hätte Berlin es jeder­zeit in der Hand, die Ein­wände des tsche­chi­schen Staats­prä­si­denten zu ent­kräften. Václav Klaus ver­langt Garan­tien dafür, dass die EU-​Menschenrechtscharta, die mit dem "Ver­trag von Lis­sabon" ver­bunden ist, nicht miss­braucht werden kann, um Eigen­tums­an­sprüche umge­sie­delter Deut­scher gegen­über der Tsche­chi­schen Repu­blik zu stärken.

Solche Ansprüche werden von den "Sude­ten­deut­schen" seit je vor­ge­tragen. So hat der Vor­sit­zende der "Sude­ten­deut­schen Lands­mann­schaft", der CSU-​Europaabgeordnete Bernd Pos­selt, zum "Tag der Men­schen­rechte" im Jahr 2008 bestä­tigt, er halte "die kol­lek­tive Ver­trei­bung und Ent­rech­tung ganzer Volks­gruppen" und den "Ver­such, sie durch Ver­nich­tung ihrer Exis­tenz­grund­lagen zu zer­stören bzw. dau­er­haft zu ent­wur­zeln", für "Völ­ker­mord und daher unverjährbar".[5]

Dabei nimmt Pos­selt regel­mäßig auf Men­schen­rechte Bezug, wie sie in der EU-​Menschenrechtscharta ver­an­kert sind, um die Revi­si­ons­for­de­rungen der "Sude­ten­deut­schen" zu unter­mauern. Die Bun­des­re­pu­blik hat seit je sämt­liche Eigen­tums­an­sprüche der Umge­sie­delten sys­te­ma­tisch offen­ge­halten — bis heute (german​-for​eign​-policy​.com berich­tete [6]), unge­achtet aller Schwie­rig­keiten, die daraus nicht nur für den Staats­prä­si­denten der Tsche­chi­schen Repu­blik entstehen.

Fast unver­än­dert

Die jüngsten Schritte gegen den Prä­si­denten der Tsche­chi­schen Repu­blik werden in der Bun­des­re­pu­blik von ver­nich­tenden Äuße­rungen über die poli­ti­schen Eliten des Landes begleitet. So heißt es in den deut­schen Medien wahl­weise über Klaus, er beharre "stur" auf seiner Posi­tion oder wech­sele "unbe­re­chenbar" seine Hal­tung. Aus dem ARD-​Hörfunkstudio in Prag wird öffent­lich ver­breitet, Klaus sei ein "Prä­si­dent in der Trotz­phase", ein "Popu­list und Natio­na­list", der "sein holz­schnitt­ar­tiges Welt­bild" ganz "unbe­lehrbar" bewahre.

Der Prä­si­dent, ein "Über­zeu­gungs­täter" und "Ego­mane", sei Schuld daran, dass Tsche­chien "als Toll­haus Europas" dastehe, behauptet die Kor­re­spon­dentin des öffentlich-​rechtlichen Rund­funks über ihr Gast­land und über dessen Staats­ober­haupt. Vor allem aber seien "sein Feind­bild (…) die Deutschen."[7]

Die außer­or­dent­lich bös­ar­tigen Dar­stel­lungen in einer öffentlich-​rechtlichen Rund­funk­an­stalt der Bun­des­re­pu­blik sind nur mög­lich, weil sie von den poli­ti­schen Instanzen gedeckt werden. Belei­di­gungen und Hohn­at­ta­cken wie diese begleiten Ber­liner Offen­siven gegen tsche­chi­sche und tsche­cho­slo­wa­ki­sche Staats­prä­si­denten, die sich gegen deut­sche Überg­riffe zu ver­tei­digen suchten, seit den Tagen von Edvard Beneš — fast unverändert.

Quelle: German For­eign Policy

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von “GFP” zur Ver­öf­fent­li­chung hier auf “Mein Poli​tik​blog​.de”. Vielen Dank dafür !

[1] MEPs call for Klaus's impeach­ment; Prague Daily Monitor 13.10.2009
[2], [3] Ger­mans seek to oust Czech pre­si­dent Vaclav Klaus over EU treaty; The Sunday Times 11.10.2009
[4] s. dazu Irland ist überall und No means Yes
[5] Bernd Pos­selt, MdEP zum 10. Dezember; Pres­se­mel­dung der Union der Ver­trie­benen 08.12.2008
[6] s. dazu Tsche­chi­sche Repu­blik: "Rück­er­stat­tungs– und Ver­mö­gens­fragen nicht geklärt", Mora­li­sche Grund­lage, Ein Lernort und Tage der Aggres­sion
[7] Chris­tina Janssen: Ein Prä­si­dent in der Trotz­phase; www​.tages​schau​.de 10.10.2009

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Kategorie » Politik/Wirtschaft « | Tags » , , «

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gelesen: 222 · heute: 5 · zuletzt: 20. Mai 2012

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