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Quelle der Instabilität

Sonntag, 01. Januar 2012-17:16 -|- Eingestellt von: |

Vor zehn Jahren wurde der Euro als Bar­geld ein­ge­führt. | Von Andreas Wehr | junge Welt | — Manchmal ist ein Gedenktag gar nicht will­kommen. So wie der aus Anlaß des zehnten Jah­res­tags der Ein­füh­rung des Euro als Bar­geld: »Brüssel ver­zichtet auf Euro-​Jubiläum«, hieß es in einer Mel­dung Ende Dezember 2011. Ange­sichts der nicht enden wol­lenden Euro-​Krise hat man offen­sicht­lich die Lust zum Feiern verloren.

Das war vor drei Jahren noch anders. Mit fei­er­li­chen Erklä­rungen und Ver­an­stal­tungen erin­nerte man 2009 an den Beginn der dritten und letzten Stufe der Wirt­schafts– und Wäh­rungs­union (WWU). Am 1. Januar 1999 war der Euro offi­ziell als Rech­nungs­ein­heit ein­ge­führt worden, und die Euro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) sowie das Euro­päi­sche System der Zen­tral­banken nahmen ihre Arbeit auf. Die Umrech­nungs­kurse der bis dahin gel­tenden natio­nalen Wäh­rungen zum Euro waren einen Tag zuvor auf Dauer fest­ge­legt worden.

Das zehn­jäh­rige Jubi­läum war Anlaß, eine euro­päi­sche Zwei-​Euro-​Gedenkmünze her­aus­zu­geben. Der Ent­wurf stammte von dem grie­chi­schen Bild­hauer George Sta­ma­to­poulos und zeigte ein Strich­männ­chen neben einem Euro-​Zeichen. Diese sehr ein­fache Skizze kann durchaus als ein vor dem Euro weg­lau­fender Mensch gedeutet werden. War es das, was uns der Künstler in hell­se­he­ri­scher Vor­aus­sicht damals sagen wollte?

Doch vor drei Jahren war die Welt des Euro noch in Ord­nung. Zwar befand sich die Welt­wirt­schaft bereits im tiefen Tal der Finanz­markt­krise und waren die Märkte vom Zusam­men­bruch des Bank­hauses Lehman Bro­thers im Sep­tember 2008 schwer getroffen worden, doch noch war man davon über­zeugt, daß die gemein­same euro­päi­sche Wäh­rung davon unbe­rührt bleiben könne. Im November 2008 nahm das Euro­päi­sche Par­la­ment aus Anlaß des bevor­ste­henden Jubi­läums eine Ent­schlie­ßung an, in der es opti­mis­tisch hieß:

»Das Euro­päi­sche Par­la­ment begrüßt den Umstand, daß der Euro Sta­bi­lität her­bei­ge­führt und die wirt­schaft­liche Inte­gra­tion im Euro-​Raum geför­dert hat; begrüßt die sta­bi­li­sie­rende Wir­kung des Euro auf die Welt­de­vi­sen­märkte ins­be­son­dere in Krisenzeiten.«1

Ganz ähnlich hatte sich zuvor Otmar Issing, der frü­here Chef­volks­wirt der EZB, geäußert:

»Die anhal­tende Finanz­markt­krise macht die Vor­teile der gemein­samen Wäh­rung in ganz beson­derer Weise offen­kundig. Ohne Euro hätten sich die Tur­bu­lenzen von den Finanz­märkten auf die Devi­sen­märkte über­tragen. Ob D-​Mark, fran­zö­si­scher Franc oder ita­lie­ni­sche Lira, so gut wie alle natio­nalen Wäh­rungen wären zum Spiel­ball von Spe­ku­la­tionen geworden.« (FAZ vom 6.1.2008)

Tur­bu­lenzen auf den Devi­sen­märkten blieben in der Krise tat­säch­lich aus. Doch es kam viel schlimmer: Ganze Staaten der Euro-​Zone sind inzwi­schen Opfer der Spe­ku­la­tionen der Finanz­märkte geworden. Anders als ver­mutet zeigt sich das Euro-​System in der Krise äußerst ver­wundbar, so daß sogar sein bal­diges Ende bzw. ein Aus­ein­an­der­bre­chen der Wäh­rungs­union pro­phe­zeit wird.

Erwei­te­rung läuft schleppend

Wie steht es also um die Über­le­bens­chancen des Euro? Was seine Bedeu­tung als welt­weite Reser­ve­wäh­rung angeht, so ist die Bilanz positiv. Seit 2001 ist der Anteil des Euros an den Fremd­wäh­rungs­re­serven auf 30 Pro­zent gestiegen. Damit liegt die Gemein­schafts­wäh­rung weit vor dem bri­ti­schen Pfund mit sechs Pro­zent und dem japa­ni­schen Yen mit drei Pro­zent. Der Anteil des US-​Dollars sank hin­gegen und beträgt gegen­wärtig nur noch 61 Prozent.

Auch über die Ent­wick­lung des Wech­sel­kurses zwi­schen Euro und Dollar kann die EZB zufrieden sein. Der Kurs des US-​Dollars gegen­über dem Euro bewegt sich seit Jahren in einer Spanne zwi­schen 1,20 bis 1,40 Dollar pro Euro. Ver­gessen sind die ersten Jahre als man weniger als einen Dollar pro Euro bekam. Ange­sichts sol­cher Daten kann kaum von einer Krise der gemein­samen euro­päi­schen Wäh­rung gespro­chen werden.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich aber, blickt man auf die Erwei­te­rung der Euro-​Zone. Sie ist alles andere als eine Erfolgs­ge­schichte. 1999 waren elf Länder am Start dabei: Bel­gien, Deutsch­land, Finn­land, Frank­reich, Irland, Ita­lien, Luxem­burg, die Nie­der­lande, Öster­reich, Por­tugal und Spa­nien. Groß­bri­tan­nien hatte von Beginn an klar­ge­stellt, daß es am Pfund fest­halten werde.

Die däni­sche Bevöl­ke­rung hatte bereits 1992 in einem Refe­rendum die Teil­nahme an der Wirt­schafts– und Wäh­rungs­union abge­lehnt. Im Sep­tember 2000 schei­terte der Bei­tritt des Landes aber­mals in einem Refe­rendum. Per Volks­ent­scheid abge­lehnt wurde die Ein­füh­rung des Euro 2003 auch in Schweden. Groß­bri­tan­nien und Däne­mark haben ein ver­trag­lich ver­ein­bartes Recht zum »opt-​out«, d.h. sie müssen den Euro nicht ein­führen. Alle anderen EU-​Mitgliedstaaten sind hin­gegen dazu verpflichtet.

Anfang 2001 kam Grie­chen­land hinzu. Ein Bei­tritt, den man heute aber nur allzu gern wieder rück­gängig machen würde. Es dau­erte anschlie­ßend Jahre bis 2007 mit Slo­we­nien ein wei­teres Land die gemein­same Wäh­rung ein­führte, 2008 folgten Malta und Zypern, 2009 die Slo­wakei und schließ­lich 2011 Est­land. Litauen ver­paßte 2007 denkbar knapp den Bei­tritt, da es die Neu­ver­schul­dungs­grenze nicht ein­hielt. Sieht man einmal von Grie­chen­land ab, so sind dem­nach in den zwölf Jahren des Beste­hens der Euro-​Zone nur kleine bzw. Kleinst­staaten hin­zu­ge­kommen, deren Volks­wirt­schaften kaum Gewicht haben.

Wenig funk­tional

An dieser Situa­tion wird sich auch in Zukunft nicht viel ändern. Für Groß­bri­tan­nien ist ein Bei­tritt zur WWU wei­terhin undenkbar. In Däne­mark und Schweden for­dert ange­sichts der Euro-​Krise nie­mand neue Volks­ab­stim­mungen. Und in Ost­eu­ropa ist die Begeis­te­rung für den Euro deut­lich abge­kühlt. So hat Bul­ga­rien seinen Bei­tritt offi­ziell ver­tagt. Finanz­mi­nister Simeon Djankow erklärte, daß die Gespräche auf­ge­schoben seien »bis das Gesamt­bild in der Euro-​Zone klarer wird«.2

Polen, Ungarn und die Tsche­chi­sche Repu­blik halten sich bedeckt. Man hat es nicht mehr eilig mit einem Bei­tritt. Allein die rumä­ni­sche Regie­rung hält unver­drossen daran fest. Die große Zurück­hal­tung der ost­eu­ro­päi­schen Länder ist das Ergebnis ihres Vor­ge­hens in der gegen­wär­tigen Krise. In den ver­gan­genen Jahren haben sie alle ihre natio­nalen Wäh­rungen erheb­lich abge­wertet und auf diese Weise die hei­mi­sche Pro­duk­tion geschützt.

Außer­halb der Euro-​Zone ste­hend, müssen sie sich auch nicht an teuren Ret­tungs­pa­keten bzw. Ret­tungs­schirmen für die Defi­zit­länder betei­ligen. Abschre­ckend wirken hier die hohen Belas­tungen, die die Slo­wakei und Slo­we­nien über­nehmen mußten. Mil­li­arden Euro an Kre­diten und Bürg­schaften müssen sie für Grie­chen­land, Irland und Por­tugal bereit­stellen, obwohl diese Länder viel rei­cher sind als sie.

Die schlep­pende und dabei große EU-​Volkswirtschaften aus­spa­rende Erwei­te­rung der Euro-​Zone hat ein Wäh­rungs­ge­biet ent­stehen lassen, daß unvoll­kommen und wenig funk­tional ist. Wich­tige Ökono­mien, die mit dem kern­europäischen Raum – und hier vor allem mit Deutsch­land – eng ver­flochten sind wie Däne­mark, Schweden, Tsche­chien, Polen und Ungarn, gehören der Euro-​Zone nicht an. Mit London bleibt auch das Zen­trum des euro­päi­schen Finanz­dienst­leis­tungs­marktes außerhalb.

Der Euro ist hin­gegen die Wäh­rung für euro­päi­sche Peri­phe­rie­länder wie Est­land, Zypern oder Malta geworden. Mit der Euro-​Zone ist daher nicht jenes Kern­eu­ropa ent­standen, das Anfang der neun­ziger Jahre kon­zi­piert wurde, um als Motor einer schnel­leren gesamt­eu­ro­päi­schen Inte­gra­tion zu dienen. Zwölf Jahre nach Beginn der dritten und letzten Stufe der WWU ist der Euro-​Raum wei­terhin unvollendet.

Es fehlen vor allem die in den EU-​Erweiterungsrunden von 2004 und 2007 beige­tre­tenen großen mit­telost– und ost­eu­ro­päi­schen Länder. So zeigt sich, daß die dop­pelte Ziel­stel­lung der EU von Erwei­te­rung und Ver­tie­fung nicht rea­li­sierbar ist. Bedau­ernd wird von den Herr­schenden kon­ze­diert: »Aus wirt­schaft­li­chen wie poli­ti­schen Gründen passen Ver­tie­fung und Erwei­te­rung, so not­wendig beide wei­terhin sein mögen, seit län­gerem nicht mehr zusammen.«3

Gespal­tene Union

Der Euro ist heute die Wäh­rung von ledig­lich 17 der 27 Mit­glied­staaten. Damit ist die EU wei­terhin eine insti­tu­tio­nell gespal­tene Union. Die jetzt in der Krise ergrif­fenen Maß­nahmen zur Sta­bi­li­sie­rung der Defi­zit­länder ver­tiefen diese Spal­tung, indem eigene Struk­turen geschaffen werden, die nicht in den euro­päi­schen Ver­trägen ver­an­kert sind.

Die Euro­päi­sche Finanz­sta­bi­li­sie­rungs­fa­zi­lität (EFSF), der Euro­päi­sche Sta­bi­li­sie­rungs­me­cha­nismus (ESM) sowie der Euro-​Plus-​Pakt sind sämt­lich außer­halb des euro­päi­schen Ver­trags­werks ange­sie­delt. Der Euro-​Plus-​Pakt ist – wie bereits seine Bezeich­nung deut­lich macht – zwar auch offen für Länder außer­halb der Euro-​Zone, dies ist aber nur eine unver­bind­liche Geste.

Es wird damit eine zweite EU inner­halb und zugleich außer­halb der alten Union gegründet. Außer­halb der EU ver­stän­digten sich die 17 Euro-​Länder mit den zwi­schen ihnen geschlos­senen Ab­kommen, die EFSF bzw. den ESM zu gründen. Die Rechts­form der EFSF ist eine Akti­en­ge­sell­schaft mit Sitz ist Luxem­burg, der ESM soll den Cha­rakter einer inter­na­tio­nalen Orga­ni­sa­tion erhalten.

Die nach EU-​Recht vor­ge­se­henen ­Mitent­scheidungsrechte des Euro­päi­schen Par­la­ments gibt es ebenso wenig wie eine Kon­trolle durch den Euro­päi­schen Rech­nungshof. Auch die natio­nalen Par­la­mente werden umgangen. Die vom deut­schen Bun­destag und Bun­desrat mühsam errun­genen Betei­li­gungs­rechte in Ange­le­gen­heiten der Euro­päi­schen Union gelten hier nicht:

»Wenn nun­mehr ent­schei­dende Fragen zwi­schen den EU-​Staaten durch völ­ker­recht­liche Ver­träge gere­gelt werden, sind Bun­destag und Bun­desrat kaltgestellt.«4

Zugleich findet diese Grün­dung einer zweiten Union inner­halb der EU statt, indem EFSF und ESM bei ihrer Arbeit auf beste­hende euro­päi­sche Insti­tu­tionen zurück­greifen können. So wird etwa die Kom­mis­sion als Behörde genutzt, um – zusammen mit der EZB und dem Inter­na­tio­nalen Wäh­rungs­fonds (IWF) – die Ein­hal­tung der mit der Kre­dit­ver­gabe ver­bun­denen Auf­lagen für die Defi­zit­länder zu überwachen.

Aus dieser Inan­spruch­nahme von Ein­rich­tungen der Union auf Grund­lage von außer­halb der EU geschlos­senen Ver­trägen ergeben sich erheb­liche insti­tu­tio­nelle und juris­ti­sche Pro­bleme. Die Mit­glieds­länder außer­halb der Euro-​Zone sehen hierin zu Recht eine Zweck­ent­frem­dung von Ein­rich­tungen der Union. In der eng­li­schen Presse wird bereits dar­über spe­ku­liert, daß Groß­bri­tan­nien die Mög­lich­keit habe, den Euro-​Staaten die Nut­zung von Gebäuden des Euro­päi­schen Rats zu unter­sagen, werden sie zur Rege­lung von Ange­le­gen­heiten der Euro-​Zone genutzt.

Für den bri­ti­schen Eco­no­mist steht fest, daß bereits am 11. März 2011 aus Anlaß der Ent­schei­dung der Euro-​Staaten über den ESM die grund­le­gende Ent­schei­dung über eine Spal­tung der Union zwi­schen Euro– und Nicht-​Euro-​Staaten gefallen ist: »His­to­riker können sich eines Tages an diese Woche als an jene erin­nern, in der die Auf­spal­tung Europas begann.« Keinen Zweifel läßt das Blatt daran, wem es dafür die Schuld gibt.

Zuge­lassen habe dies die deut­sche Kanz­lerin Angela Merkel: »In der Ver­gan­gen­heit hatte sie den Ideen von regel­mä­ßigen Euro-​Gipfeln genauso wider­standen, wie sie den Briten, Polen und Schweden zuge­si­chert hatte, ihren Platz an diesem Tisch zu haben.«5 Regel­mä­ßige Euro-​Gipfel ohne Betei­li­gung der Nicht-​Euro-​Länder gehören aber mitt­ler­weile zur all­täg­li­chen euro­päi­schen Praxis. Auf dem Rats­gipfel der EU-​Staaten am 9. Dezember 2011 ist nun diese Spal­tung auch nach außen deut­lich geworden.

Dort ver­wei­gerte der bri­ti­sche Pre­mier­mi­nister David Cameron seine Zustim­mung zu weit­rei­chenden Ver­än­de­rungen der euro­päi­schen Ver­träge, durch die eine »echte fis­kal­po­li­ti­sche Sta­bi­li­täts­union im Euro-Währungsgebiet«6 geschaffen werden soll. Die Fis­kal­union wollen die Euro-​Staaten nun außer­halb des EU-​Vertragswerks ver­wirk­li­chen. Dieses Vor­gehen wird von den herr­schenden Kreisen Deutsch­lands als alter­na­tivlos ange­sehen: »Es ent­steht die para­doxe Situa­tion, daß, um der Ein­heit Europas willen, seine neue Auf­tei­lung in Kauf genommen werden muß.«7

Kon­struk­ti­ons­fehler?

Mit der Fis­kal­union soll jetzt das ver­wirk­licht werden, was man bei der Schaf­fung der Wirt­schafts– und Wäh­rungs­union in den 90er Jahren angeb­lich fahr­lässig unter­lassen hatte. Nach Helmut Schmidt »ver­säumte man« damals, »der erst noch zu schaf­fenden Zen­tral­bank eine finanz– und wirt­schafts­po­li­ti­sche Instanz gegenüberzustellen«.8 Und für Angela Merkel ist die Wäh­rungs­union mit »Kon­struk­ti­ons­feh­lern« behaftet, die Krise habe »uns scho­nungslos die Rech­nung für die Ver­säum­nisse und Fehler der Ver­gan­gen­heit präsentiert«.9

Doch in Wahr­heit ver­säumte oder übersah man gar nichts, und den damals Han­delnden unter­liefen auch keine »Kon­struk­ti­ons­fehler«. Man ent­schied sich viel­mehr ganz bewußt dafür, den Euro auch ohne eine poli­ti­sche Union ein­zu­führen. Man ver­traute schlicht darauf, daß die gemein­same Wäh­rung schon als Inte­gra­ti­ons­motor aus­rei­chen werde, um inner­halb kür­zester Zeit die noch feh­lenden Schritte machen zu können.

Kritik sowohl von rechts als auch von links, die dieses Vor­gehen als gefähr­li­ches Vaban­que­spiel bezeich­nete, und die die Schaf­fung einer gemein­samen Wäh­rung im Sinne der »Krö­nungs­theorie« erst als Ergebnis eines lang andau­ernden Annä­he­rungs­pro­zesses der Mit­glieds­länder erwar­tete, wurde als klein­mütig in den Wind geschlagen.

Tat­säch­lich wurde nach dem Start des Euros der Ver­such unter­nommen, die Grund­lagen für eine poli­ti­sche Union zu legen. Mitte Dezember 2001 beschloß der Euro­päi­sche Rat die Bil­dung eines »Kon­vents zur Zukunft der Euro­päi­schen Union«, der Vor­schläge zur künf­tigen Gestal­tung der EU aus­ar­beiten sollte. Wenige Wochen später, am 28. Februar 2002, nahm der Kon­vent seine Arbeit auf.

Es war genau der Tag, an dem die meisten natio­nalen Wäh­rungen der Euro-​Länder ihre Gül­tig­keit ver­loren. Hier kreuzten sich also zufällig an einem Tag zwei Poli­tiken der EU, die direkt auf­ein­ander bezogen waren. Der vom Kon­vent vor­ge­schla­gene Ent­wurf für einen »Ver­trag über eine Ver­fas­sung für Europa« sah einen weit­rei­chenden Macht­zu­wachs der Insti­tu­tionen der EU auf Kosten der Sou­ve­rä­ni­täts­rechte der Mit­glied­staaten vor. Allein die Ver­wen­dung des Begriffs »Ver­fas­sung« machte deut­lich, daß man die natio­nal­staat­liche Ebene hinter sich lassen wollte.

Doch der Kon­vents­ent­wurf fiel auf dem EU-​Gipfel im Dezember 2003 durch. In der sich anschlie­ßenden Regie­rungs­kon­fe­renz konnten die Mit­glieds­länder wich­tige Kor­rek­turen durch­setzen und so ihre Ent­mach­tung zu einem Teil wieder rück­gängig machen.

Der so ent­schärfte Ver­fas­sungs­ent­wurf wurde aber den­noch in Volks­ab­stim­mungen im Sommer 2005 erst in Frank­reich und anschlie­ßend in den Nie­der­landen abge­lehnt, mit der Folge, daß nun auch der Begriff Ver­fas­sung gestri­chen werden mußte. Das Vor­haben einer schnellen euro­päi­schen Inte­gra­tion um den Preis der Ent­mach­tung der Mit­glied­staaten war damit gescheitert.10

Der Euro blieb eine Wäh­rung ohne Staat, und die Euro­päi­sche Zen­tral­bank ist wei­terhin keine Ein­rich­tung, wie es etwa die Bank von Eng­land oder die US-​amerikanische Federal Reserve sind. Sie hat eine Wäh­rungs­po­litik zu ver­folgen, die gleich­zeitig den Wirt­schafts­po­li­tiken aller 17 Euro-​Länder ent­spre­chen muß.

Welche Kon­se­quenzen eine solche Auf­ga­ben­stel­lung kon­kret hat, zeigte sich in der ver­fehlten Zins­po­litik der EZB in den Jahren zwi­schen 2001 und 2007. Lag der ein­heit­liche Zins­satz für die kon­junk­tu­relle Erho­lung in den kern­eu­ro­päi­schen Län­dern beständig zu hoch, so war er für die Länder der Peri­pherie zu niedrig, mit der Folge, daß sich dort spe­ku­la­tive Immo­bi­li­en­blasen bildeten.

Die Eng­länder nennen ein sol­ches Dilemma: fits none – paßt keinem. Wer wie die EZB 17 Herren hat, hat in Wirk­lich­keit keinen. So ist sie aber zugleich auch ein poli­ti­sches Leicht­ge­wicht, da – anders als bei einer ein­heit­li­chen Wirt­schafts– und Wäh­rungs­po­litik eines belie­bigen Staates — die EZB im Not­fall nicht auf eine exzes­sive natio­nale Steu­er­po­litik zur Absi­che­rung der Wäh­rung zurück­greifen kann, denn Steu­er­po­litik ist, wie auch die Wirt­schafts­po­litik, eben Ange­le­gen­heit der Mitgliedsländer.

»Ver­stärkte Steuerung«

Doch nun soll inner­halb weniger Monate nach­ge­holt werden, was in den 90er Jahren bei der Grün­dung der Wirt­schafts– und Wäh­rungs­union als nicht not­wendig erachtet wurde: Die Schaf­fung einer Fis­kal­union im Sinne einer Sta­bi­li­täts­union. Die Ele­mente des bereits bis März 2012 dafür aus­zu­ar­bei­tenden Ver­trags zielen auf ent­schieden mehr fis­kal­po­li­ti­sche Kon­trolle der Mitgliedstaaten.

Anders als beim bis­he­rigen Sta­bi­li­täts– und Wachs­tums­pakt, dessen Sank­tionen regel­mäßig wir­kungslos blieben, sollen künftig die von der Kom­mis­sion aus­ge­spro­chenen Kor­rek­tu­r­emp­feh­lungen und ver­hängten Strafen auto­ma­tisch, d.h. ohne Bestä­ti­gung durch den Rat und damit der Mit­glieds­länder, in Kraft treten. Auf dem Dezember-​Gipfel ver­pflich­teten sich die Euro-​Länder zugleich, auf eine gemein­same Wirt­schafts­po­litik hinzuarbeiten:

»Neben der ein­heit­li­chen Wäh­rung ist eine starke wirt­schaft­liche Säule uner­läß­lich. Um haus­halts­po­li­ti­sche Dis­zi­plin und eine ver­tiefte Inte­gra­tion des Bin­nen­markts sowie ein stär­keres Wachstum, eine grö­ßere Wett­be­werbs­fä­hig­keit und einen stär­keren sozialen Zusam­men­halt zu för­dern, bedarf es als Grund­lage einer ver­stärkten Steuerung.«11

Eine solche »ver­stärkte Steue­rung« ver­langt aber nach mas­siven Ein­griffen in die Bud­get­rechte der Euro-​Staaten und damit in deren Sou­ve­rä­nität und Eigen­ver­ant­wor­tung. Die Struktur der Haus­halte der Mit­glieds­länder als auch ihre Steu­er­sys­teme weisen erheb­liche Unter­schiede auf, die his­to­risch ent­standen sind, und die den jewei­ligen Staat kennzeichnen.

Eine Ver­ein­heit­li­chung der Bud­get­po­litik kann daher nicht mal so eben ins Werk gesetzt werden wie die ver­gleichs­weise ein­fache Instal­lie­rung einer gemein­samen Geld­po­litik durch die Ein­füh­rung des Euro.

Die bis­he­rige kurze Geschichte des Euro hat nicht die Ansicht des Euro­päi­schen Par­la­ments bestä­tigt, daß er »gezeigt hat, daß Europa imstande ist, weit­rei­chende Beschlüsse mit Blick auf eine gemein­same und von Wohl­stand geprägte Zukunft zu fassen.«12

Im Gegen­teil: Die aus­ge­blie­bene Aus­wei­tung des Euro-​Raums auf wich­tige EU-​Mitgliedstaaten, die sich ver­tie­fende insti­tu­tio­nelle Spal­tung zwi­schen der Euro-​Zone und der übrigen EU sowie die unüber­wind­li­chen Schwie­rig­keiten, die einer Fiskal– oder gar poli­ti­schen Union ent­ge­gen­stehen, zeigen viel­mehr, daß die gemein­same Wäh­rung zu einer Quelle der Insta­bi­lität in Europa geworden ist.

Quelle: junge Welt

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Dankeschön!

Der Autor Andreas Wehr ver­öf­fent­lichte zuletzt im ­Papy­Rossa Verlag, Köln, das Buch »Grie­chen­land, die Krise und der Euro« (eine über­ar­bei­tete Neu­auf­lage erschien im Herbst). Mehr unter: www​.andreas​-wehr​.eu


1 Ent­schlie­ßung des Euro­päi­schen Par­la­ments vom 18.11.2008, Para­graph 14, P6_​TA (2008)0506

2 »Bul­ga­rien will den Euro doch noch nicht«, www​.tages​schau​.de vom 21.7.2011

3 »Das Paradox der Europa-​Politik«, in: FAZ vom 10.12.2011

4 »Ans Ein­ge­machte. Bun­destag und Bun­desrat werden mit der EU-​Reform kalt­ge­stellt«, in: FAZ vom 12.12.2011

5 »Can Angela Merkel hold Europe toge­ther?«, in: The Eco­no­mist, 12.3.2011, vgl. auch Andreas Wehr, Spal­tung der EU, in: junge Welt vom 4.4.2011

6 Euro­päi­scher Rat, Erklä­rung der Staats– und Regie­rungs­chefs des Euro-​Währungsgebiets vom 9.12.2011

7 »Das Paradox der Europa-​Politik«, a. a. O.

8 Helmut Schmidt, »…aber die Wäh­rung ist gut. Wir haben keine Euro-​Krise, son­dern eine Krise der Euro­päi­schen Union«, in: Die Zeit vom 7.5.2011

9 Regie­rungs­er­klä­rung von Bun­des­kanz­lerin Dr. Angela Merkel zu den Ergeb­nissen des Euro­päi­schen Rates am 8./9.12.2011 in Brüssel vor dem Deut­schen Bun­destag am 14.12.2011 in Berlin

10 Vgl. zum Ver­fas­sungs­prozeß: Andreas Wehr, Das Publikum ver­läßt den Saal. Nach dem Ver­fas­sungs­ver­trag: Die EU in der Krise, Köln 2006

11 Euro­päi­scher Rat, Erklä­rung der Staats– und Regie­rungs­chefs des Euro-​Währungsgebiets vom 9.12.2011

12 Ent­schlie­ßung des Euro­päi­schen Par­la­ments vom 18.11.2008, Para­graph 1, a. a. O.

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