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Schlecker-​Insolvenz bedroht 47.000 Arbeitsplätze

Dienstag, 24. Januar 2012-15:48 -|- Eingestellt von: |

Von Eli­sa­beth Zim­mer­mann | WSWS | — Die Dro­ge­rie­markt­kette Schle­cker hat am Mon­tag­morgen beim Amts­ge­richt Ulm Insol­venz bean­tragt. Betroffen sind rund 47.000 Arbeits­plätze, davon 30.000 in Deutsch­land. Schle­cker ver­fügt der­zeit noch über knapp 7.000 Läden in Deutsch­land und 3.000 wei­tere Filialen in Öster­reich, Spa­nien, Frank­reich, Ita­lien, Tsche­chien, Polen und Portugal.

Das Dro­ge­ri­e­im­pe­rium, dass sich im Pri­vat­be­sitz von Fir­men­gründer Anton Schle­cker befindet, strebt eine soge­nannte Plan­in­sol­venz an. Bei diesem Ver­fahren bleibt das Unter­nehmen erhalten, erhält aber Gläu­bi­ger­schutz und kann gel­tende Ver­träge vor­zeitig kün­digen. Das gilt nicht nur für Ver­träge mit Lie­fe­ranten und Ver­mie­tern, son­dern auch für Arbeits– und Tarifverträge.

Schle­cker hatte erst vor zehn Jahren einen Tarif­ver­trag mit der Gewerk­schaft Verdi abge­schlossen, nachdem das Unter­nehmen zuvor wegen seinen mise­ra­blen Löhnen und Arbeits­be­din­gungen in die Schlag­zeilen geraten war. Bis Mitte dieses Jahres gilt außerdem noch ein Beschäf­ti­gungs­si­che­rungs­pakt, der es dem Unter­nehmen ver­bietet, durch Fili­al­schlie­ßungen über­flüssig gewor­dene Kas­sie­re­rinnen zu kündigen.

Aus beiden Ver­trägen hofft Schle­cker, dessen Pri­vat­ver­mögen auf drei Mil­li­arden Euro geschätzt wird, durch die Plan­in­sol­venz aus­zu­steigen. Er könnte dann unren­table Läden abstoßen und die Beschäf­tigten auf die Straße werfen, wäh­rend die pro­fi­ta­blen Läden bei wesent­lich nied­ri­geren Löhnen wei­ter­ge­führt werden.

„Das Unter­nehmen kann sich von allen nicht lukra­tiven Geschäften trennen, die lukra­tiven aber kann es behalten“, erläu­terte der Bremer Insolvenz-​Anwalt Klaus Klöker die Vor­teile einer Plan­in­sol­venz gegen­über dem Spiegel.

Jörg Funder, Management-​Professor an der Fach­hoch­schule Worms, schätzt, dass etwa jede zweite der noch beste­henden Filialen schließen wird. „Aber ohne große Ein­schnitte wird das nicht abgehen, ich rechne mit einer großen Ent­las­sungs­welle“, sagte er Zeit-​Online.

Es ist aller­dings nicht sicher, ob es zur Plan­in­sol­venz kommt, da die Gläu­biger einem sol­chen Ver­fahren zustimmen müssen. Der Ein­kaufs­ver­bund Mar­kant, dem Schle­cker Berichten zufolge eine zwei­stel­lige Mil­lio­nen­summe schuldet, hat Vor­be­halte geäu­ßert. Bei einem nor­malen Insol­venz­ver­fahren droht die völ­lige Zer­schla­gung des Unter­neh­mens. Experten gehen davon aus, dass nur ein Bruch­teil der 7.000 Schlecker-​Filialen von anderen Dro­ge­rie­ketten über­nommen würde.

Dirk Ross­mann von der kon­kur­rie­renden Rossmann-​Kette äußerte Inter­esse an maximal 50 bis 80 Schlecker-​Filialen. „Ich wage die Pro­phe­zeiung, dass der Insol­venz­ver­walter nicht viele Läden weiter betreiben wird können“, sagte er dem Focus. Die aller­meisten der bun­des­weit 7.000 Märkte müssten schließen, weil sie nicht mehr zeit­gemäß seien.

Schle­cker hat bereits vor dem Insol­venz­an­trag hun­derte Filialen still­ge­legt oder zu soge­nannten XL-​Märkten in ver­kehrs­güns­tiger Lage umge­baut, die einen wesent­lich höheren Umsatz garan­tieren. Laut einer Studie des Kölner Han­dels­for­schungs­in­sti­tuts EHI liegt aber Schle­cker in dieser Hin­sicht immer noch hinter seinen Kon­kur­renten zurück. Schle­cker erzielte 2010 nur 2.200 Euro Umsatz pro Qua­drat­meter Ver­kaufs­fläche, wäh­rend Ross­mann auf 5.000 Euro und die dm-​Märkte auf 6.500 Euro Umsatz kamen.

Mit­hilfe der Plan­in­sol­venz soll dieser Abstand nun auf einen Schlag über­wunden werden – auf Kosten der Beschäf­tigten. Schle­cker arbeitet dabei eng mit der Gewerk­schaft Verdi zusammen, die schon in der Ver­gan­gen­heit den Arbeits­platz­abbau begleitet hat.

Im Dezember ver­gan­genen Jahres bat Schle­cker Verdi um die Zustim­mung zu einem Sanie­rungs­ta­rif­ver­trag. Das für seine Geheim­hal­tung berüch­tigte Unter­nehmen öffnete der Gewerk­schaft als Gegen­leis­tung seine Bücher. Seither prüfen Experten für Verdi die Geschäfts­zahlen von Schle­cker, wäh­rend gleich­zeitig Ver­hand­lungen mit den Banken über eine Umstruk­tu­rie­rung des Unter­neh­mens liefen und neue Inves­toren gesucht wurden.

Die Verdi-​Zentrale war also voll über die sich anbah­nende Insol­venz infor­miert, wenn sie nicht sogar an den Ver­hand­lungen mit Banken und Inves­toren betei­ligt war. Die betrof­fenen Mit­ar­beiter erfuhren dagegen erst am Freitag aus den Medien oder von Kunden über die bevor­ste­hende Insol­venz, nachdem Schle­cker den Gang zum Kon­kurs­richter öffent­lich ange­kün­digt hatte.

Verdi hat bisher höchst ver­halten auf die sich abzeich­nenden Mas­sen­ent­las­sungen rea­giert. Außer der For­de­rung, Fir­men­gründer Anton Schle­cker müsse sich mit seinem eigenen Ver­mögen an der Sanie­rung des Unter­neh­mens betei­ligen und in der Sache „klar und offen“ kom­mu­ni­zieren, war von der Gewerk­schaft bisher kein Vor­schlag zur Ver­tei­di­gung der Arbeits­plätze zu hören.

Schle­ckers Auf– und Abstieg

Anton Schle­cker, ein Metz­ger­meister aus Ehingen in Baden-​Württemberg, hatte 1975 den ersten Dro­ge­rie­markt eröffnet, nachdem im Jahr zuvor die Preis­bin­dung für Dro­ge­rie­ar­tikel abge­schafft worden war. Es folgte eine atem­be­rau­bende Expan­sion. 1977 gab es schon hun­dert Schlecker-​Drogeriemärkte, 1984 tau­send und so ging es weiter. Ab 1994 galt Schle­cker als Markt­führer für Dro­ge­rie­ar­tikel in Deutschland.

1987 begann Schle­cker euro­pa­weit zu expan­dieren, erst in Öster­reich, zwei Jahre später in den Nie­der­landen und Spa­nien. 1991 fasste Schle­cker durch die Über­nahme des Unter­neh­mens Super­drug auch in Frank­reich Fuß, 1999 in Ita­lien. 2004 wurden wei­tere Dro­ge­rie­märkte in Polen und Däne­mark eröffnet, 2005 in Tsche­chien und Ungarn und im Jahr 2006 in Portugal.

Neben Öster­reich mit 970 Nie­der­las­sungen und etwa 3.000 Beschäf­tigten hatten sich vor allem Spa­nien, Ita­lien, Tsche­chien und Polen zu wich­tigen Aus­lands­märkten für Schle­cker ent­wi­ckelt. 2008 besaß das Unter­nehmen euro­pa­weit 14.000 Filialen mit 50.000 Mit­ar­bei­tern und einem Jah­res­um­satz von mehr als 7 Mil­li­arden Euro.

Das Unter­neh­mens­kon­zept war relativ ein­fach. Es beruhte auf einer mise­ra­blen Bezah­lung und bru­talen Aus­beu­tung der Mit­ar­beiter. In der Regel musste eine ein­zige fest ange­stellte Kas­sie­rerin mit ein bis zwei Teil­zeit­kräften eine ganze Filiale betreuen; sie musste kas­sieren, Kunden beraten, Regale ein– und aus­räumen usw.

Über viele Jahre ver­fügten die teils abge­le­genen Filialen noch nicht einmal über ein Telefon. Im Falle eines Über­falls konnten die Mit­ar­beiter keine Hilfe rufen. Später wurden sie mit Tele­fonen aus­ge­rüstet, von denen die Beschäf­tigten aber nicht anrufen konnten.

Die Arbeits­be­din­gungen waren derart schlecht, dass sie in den 1990er Jahren einen öffent­li­chen Skandal aus­lösten. Mit­ar­beiter wurden nicht nur schlecht bezahlt, son­dern auch bespit­zelt und durch den häu­figen Ein­satz von Test­ein­käu­fern schi­ka­niert. 1998 wurde das Ehe­paar Schle­cker vom Amts­ge­richt Stutt­gart zu zehn Monaten auf Bewäh­rung ver­ur­teilt und ver­pflichtet, zwei Mil­lionen Deut­sche Mark für gemein­nüt­zige Zwecke zu zahlen, weil das Unter­nehmen jah­re­lang gegen den all­ge­mein ver­bind­li­chen Man­tel­ta­rif­ver­trag ver­stoßen hatte.

Mit diesen Geschäfts­me­thoden häufte Anton Schle­cker ein gewal­tiges Ver­mögen an. Er belegt Platz 26 auf der Liste der reichsten Deut­schen. Das Ver­mögen der Familie Schle­cker wurde vom Manager Magazin 2009 auf 2,75 Mil­li­arden Euro beziffert.

Lange Zeit gab es auch keine gewerk­schaft­liche Inter­es­sen­ver­tre­tung. Erst ab 1996 lies Schle­cker die Wahl von Betriebs­räten zu. Im Jahr 2001 schloss Schle­cker mit der Gewerk­schaft Verdi einen Aner­ken­nungs­ta­rif­ver­trag. Doch für die Beschäf­tigten von Schle­cker änderte sich nur wenig.

Seit 2009 ver­suchte Schle­cker, sich mit der Schaf­fung von grö­ßeren Schlecker-​Filialen, soge­nannten XL-​Märkten, neu auf­zu­stellen, was mit der Schlie­ßung vieler klei­nerer Filialen im Umkreis der XL-​Märkte ein­her­ging. Den Beschäf­tigten in den klei­neren Filialen wurde auf­grund der Schlie­ßungen gekün­digt. Teil­weise wurde ihnen eine neue Beschäf­ti­gung in den XL-​Märkten angeboten.

In diesen recht­lich selbst­stän­digen Schle­cker XL-​Märkten galten aber nicht mehr die vorher abge­schlos­senen Tarif­ver­träge. Mehr als zwei Drittel der Beschäf­tigten wurden als Leih­ar­beits­kräfte von der eigens dafür gegrün­deten Leih­ar­beits­firma Meniar („Men­schen in Arbeit“) an die Schle­cker XL GmbH ver­mit­telt. Da das Leih­ar­beits­un­ter­nehmen seinen Sitz in Zwi­ckau hat, zahlt es auch den Mit­ar­bei­te­rinnen in west­deut­schen Filialen nur die nied­ri­geren Ost-​Stundenlöhne von teil­weise unter 7 Euro.

Auf­grund der öffent­li­chen Empö­rung über diese Zustände ver­sprach das Unter­nehmen 2010, keine neuen Ver­träge mit der umstrit­tenen Leih­ar­beits­firma Meniar mehr abzu­schließen. Im Juni 2010 ver­ein­barte Schle­cker drei neue Tarif­ver­träge mit Verdi: Einen Sozi­al­ta­rif­ver­trag und einen Beschäf­ti­gungs­si­che­rungs­ta­rif­ver­trag für die Beschäf­tigten der alten Schlecker-​Märkte sowie einen Ver­trag zur Tarif­bin­dung der neuen Schlecker-​XL-​Märkte.

Der für Schle­cker zustän­dige Verdi-​Funktionär Achim Neu­mann äußerte sich im November 2010 gegen­über dem Manager Magazin voll des Lobes über die neuen Ver­träge: „Schle­cker ist gera­dezu Vor­reiter der Branche.“ Verdi-​Chef Frank Bsirske bekräf­tigte diese Ein­schät­zung im Sep­tember letzten Jahres auf dem Bun­des­kon­gress der Gewerk­schaft, obwohl sich die Pro­bleme von Schle­cker bereits abzeich­neten. Mit der Insol­venz sind diese Ver­träge nun Makulatur.

Quelle: World Socia­list Web Site

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Danke!

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