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Verelendung der Massen

Freitag, 24. Februar 2012-17:39 -|- Eingestellt von: |

Von Jaza­riel | Blog von Jaza­riel – Der Freitag | – All die Strei­te­reien zwi­schen Ange­stellten und lei­tenden Ange­stellten soge­nannten Chefs sind offen­kun­dige Klei­nig­keiten, die aber das Züng­lein an der Waage sind, wenn es um die Zukunft des Ange­stellten oder des lei­tenden Ange­stellten oder der jewei­ligen Nie­der­las­sung oder gleich der gesamten Firma geht.

Zukunft inso­fern als das bei allen natür­li­chen wie juris­ti­schen Per­sonen das ökono­mi­sche Über­leben davon abhängt, ob sie wei­terhin mit allen Mit­teln so pro­fi­tabel wirt­schaften können, wie es das Dogma der Betriebs­wirt­schafts­lehre vor­schreibt. Und wirt­schaft­li­ches Über­leben heisst bei Men­schen immer auch das Über­leben selbst. In dieser Rea­lität steckt eine Logik die eine große Ent­wür­di­gung für sämt­liche Men­schen bedeutet.

Zu spät kommen, zu wenig Leis­tungs­be­reit­schaft, zu wenig Über­stunden, Unfle­xi­bi­lität, feh­lende Stress­re­sis­tenz, man­gelnde Team­fä­hig­keit, sind die übli­chen cha­rak­ter­li­chen Attri­bute die also schnell in Ungnade fallen und zu Abmah­nungen und Kün­di­gungen führen können. Ins­be­son­dere unter­schied­liche Auf­fas­sungen wie ein Betrieb, ein Team zu führen oder ein Pro­blem gelöst werden soll, können zu ähnli­chen Kon­se­quenzen führen. Zuviel Denken und zuviel Eigen­stän­dig­keit ist nicht erwünscht, sofern es sich nicht in Zahlen positiv messen lässt.

Nun sind das Dinge die man unter pri­vaten Ver­hält­nissen durchaus in einem klä­renden Gespräch lösen könnte. Man kann die gegen­sei­tigen Vor­ur­teile, Miss­ver­ständ­nisse durchaus aus­räumen, sofern genug Zeit, Nerven, Sach­lich­keit und ein ent­spre­chender Wunsch zur gemein­samen Fort­füh­rung der (in dem Fall beruf­li­chen) Bezie­hung besteht.

Wir wären im all­täg­li­chen Kon­kur­renz­kampf inner­halb des Kapi­ta­lismus eigent­lich sogar dazu gezwungen uns mit­ein­ander zu soli­da­ri­sieren, da er uns irra­tio­nalen, all­ge­meinen wie indi­vi­du­ellen Ent­beh­rungen und Zer­stö­rungen aus­setzt, aber auf­grund der Sozi­li­sa­tion die wäh­rend dieses per­ma­nenten Kampfes statt­ge­funden hat und weiter statt­findet, herrscht mal offen mal unter­schwellig oder ver­steckt: Ego­ismus, Miss­gunst, Miss­trauen, Neid, Igno­ranz und Intoleranz.

Es gibt im all­täg­li­chen kapi­ta­lis­ti­schen Vewer­tungs­lauf und des per­ma­nenten Über­le­ben­kampfes sämt­li­cher Men­schen auf allen Märkten zum Bei­spiel keine oder nur eine sehr geringe Tole­ranz von Feh­lern oder Indi­vi­dua­lität, weil ökono­mi­sche Vor­stel­lungen von Wachstum, Leis­tung und Wett­be­werb in der Mehr­heit der Köpfe ver­an­kert sind, die im Wider­spruch dazu und auch zu Soli­da­rität, Brü­der­lich­keit oder Gegen­sei­tiger Hilfe stehen.

Soli­da­rität zahlt sich im Kon­kur­renz­kampf des ato­mi­sierten Indi­vi­duums nicht sofort messbar aus, also zieht es dem­ge­gen­über Vor­stel­lungen und Hand­lungen vor, die mit Sicher­heit zumin­dest einen Lohn zur Folge haben, wie also eine dis­zi­pli­nierte, fleis­sige, fle­xible, stress­re­sis­tente beruf­liche Tätig­keit am Arbeits­platz. Es kommt aus diesem Grund zu einer stän­digen Ver­schlim­me­rung der übli­chen mensch­li­chen Probleme.

Kleine Fehler die Men­schen nunmal stetig machen, weil nie­mand alles über­bli­cken kann, ent­scheiden beson­ders im Beruf unter gna­den­losen “Kosten-​Nutzen-​Gesichtspunkten” über die Lebens­qua­lität des ein­zelnen Men­schen insgesamt.

Es gibt genug andere Markt­teil­nehmer die man ver­heizen kann, wenn der aktu­elle Ange­stellte nicht sofort gemäß der Fir­men­ei­genen bzw. natio­nalen, wirt­schaft­li­chen Pseu­do­phi­lo­so­phie ent­spricht, auch wenn diese nur geringe oder nur kurz­fris­tige Ver­bes­se­rungen leisten können, schliess­lich ist keiner vor den Belas­tungen und Ent­beh­rungen des Berufs­le­bens im Kapi­ta­lismus sicher.

Kosten und Nutzen gelten als faire und gerechte Gesichts­punkte, obwohl das mensch­liche Gegen-​, Zwi­schen– und Mit­ein­ander aus­ge­blendet wird bezie­hungs­weise grund­sätz­lich diesem Prinzip unter­ge­ordnet und davon bestimmt wird. Es ist zwar mitt­ler­weile modern zu sagen, wie kann ich als Chef meine Mit­ar­beiter moti­vieren, wie för­dere ich die Iden­ti­fi­ka­tion des Mit­ar­bei­ters zu “seinem” Unter­nehmen, wie kann ich Krank­heits­fälle ver­meiden, usw.

Aber diese Men­schen werden trotzdem sofort ins Nichts und den sozialen Abstieg geworfen, wenn sie nicht so funk­tio­nieren wie es auf­grund eines theo­re­ti­schen Ideals ver­langt ist, wel­ches oben­drein nur gilt weil sich kaum einer traut es zu hin­ter­fragen. Es wird nie­mals die Frage gestellt woraus eigent­lich die stän­digen Kon­flikte im all­täg­li­chen Wirt­schaften ent­stehen folgen können. Warum die Mil­lionen Arbeitslosen?

Warum leisten die Besitzer eines Arbeits­platzes Über­stunden, warum ris­kieren sie ihre Gesund­heit, ent­fremden sich von sich selbst, ihrer Familie, der Gesell­schaft und der Umwelt, wenn Mil­lionen Arbeits­lose die gesell­schaft­lich not­wen­dige Arbeit unter­stützen könnten?

Offen­kundig möchte man sich das auf­grund der dadurch ein­bre­chenden Pro­fite nicht leisten, mal abge­sehen davon, dass es dem Kon­zept unserer Ökonomie grund­sätz­lich wider­spricht Arbeit zu mini­mieren, was man sich mal auf der Zunge zer­gehen lassen muss!

All das wird gemeinhin als normal und als Errun­gen­schaft der Zivi­li­sa­tion abgetan, obwohl es sich hier um den ulti­ma­tiven Wahn­sinn han­delt. Man setzt auf Kün­di­gungen statt auf Dialog, schliess­lich sind die auch wesent­lich güns­tiger. Gespräche binden Arbeits­kraft und Arbeits­zeit, wer kann sowas gebrau­chen, zumal es keine Sicher­heiten für qua­li­ta­tive Ver­bes­se­rungen in der Leis­tung des ver­meint­li­chen Stö­ren­friedes geben kann.

Igno­ranz und Into­le­ranz gehören dazu wenn man Pro­fite erwirt­schaften will. Man muss aggressiv sein, sich durch­setzen und ohne Rück­sicht auf Ver­luste agieren. Was zählt ist das Wohl der Pro­fite der juris­ti­schen Person, das Wohl einer Sache oder viel­mehr eines Prin­zips, wel­ches in der gesamten Gesell­schaft rauf und runter idea­li­siert wird. Men­schen werden ent­lassen egal ob das für sie einen Ver­lust ihrer Lebens­qua­lität bedeutet.

Es ist gleich­gültig ob sie sich selbst oder ihre Fami­lien nicht mehr ernähren können, ob sie sich nicht­einmal den mick­rigen Jah­res­ur­laub an der Ostsee leisten können oder ob sie für das Alter etwas zu Seite legen können.

Men­schen werden in Berufs­ver­hält­nisse ein­ge­stellt von denen sie nicht einmal leben können und selbst wenn sie davon bloss über­leben können, so doch nicht davon leben, schliess­lich bedeutet ein Arbeits­platz heute nicht Friede, Freude, Eier­ku­chen, son­dern unter anstren­genden, krank­ma­chenden Zuständen Malo­chen bis zum Schlaganfall.

Das wird in den Medien zwar durchaus genauso beklagt, wie mehr oder weniger öffent­lich in den Betrieben. Aber es erfolgt kaum eine genauere Ana­lyse über die Ursa­chen. Dieses kurze Auf­bäumen ver­liert sich schnell wieder indem ein­fach so weiter gemacht wie bisher.

Diese Ide­en­lo­sig­keit, diese unglaub­lich fan­ta­sie­lose, sys­tem­hö­rige Her­den­men­ta­lität ist es, die den Hunger in der Welt genauso ermög­licht, wie die Mil­lionen Heere an Arbeits­losen und Bil­lig­jobs, die skla­ven­hafte Unter­ord­nung und reli­giöse Beja­hung des gesamten gesell­schaft­li­chen Lebens unter einem wahn­haften Dogma der Profitmaximierung.

Dar­über­hinaus herrscht der totale Irr­glaube Arbeits­plätze würden Zukunft bedeuten. Dabei sind sie Aus­druck einer unreifen, gedank­li­chen Tot­ge­burt. Wir werden immer pro­duk­tiver, wir machen uns quasi als Arbeiter selbst über­flüssig und rea­gieren damit nur mit noch grö­ßerer Pro­duk­ti­vität von dessen Früchten wir nicht naschen können, weil die Pro­fite an die Anteils­eigner unserer Arbeits­plätze fliesst. Anschlies­send wird mit großem Erstaunen der Nied­rig­lohn­sektor oder die Ent­wick­lung der Abstal­tung von Ver­mögen und Länder in reich und arm wahrgenommen.

Man wird als Mensch heut­zu­tage wie eine Ware behan­delt, benutzt, gebraucht und nachdem man aus­ge­brannt ist, wird man aus­ge­kotzt und kann sehen wo man bleibt, scheiß­egal was man geleistet hat. Als Ange­stellter bzw. Lohn­ab­hän­giger der um seines Über­leben willen sich wie eine Hure ver­kaufen und derart ernied­rigen lassen muss, darf sich dann einen neuen Freier suchen der ihn solange miss­braucht, bis ihm dessen Qua­li­täten nicht mehr ausreichen.

Es gibt keine Soli­da­rität, Anstand, Ver­nunft, Gerech­tig­keit oder gar eine erstre­bens­werte Zukunft in so einem Ver­hältnis. Mil­lionen mensch­liche Bezie­hungen sehen so aus, was nicht nur Rast­lo­sig­keit auf­grund der Inten­sität und stän­digen Fle­xi­bi­li­sie­rung und Ratio­na­li­sie­rung der Arbeit bedeutet, son­dern auch Stress, Anfäl­lig­keit für Krank­heiten, man­gelnde Lebens­qua­lität weil man seine Lebens­zeit haupt­säch­lich mit derart wider­li­chen Situa­tionen ver­schwenden muss.

Davon sind bloss einige glück­liche Mil­lio­näre inso­weit aus­ge­schlossen, als­dass sie sich eben nicht auf dem Arbeits­markt­strich ver­kaufen müssen. Genauer muss man aber sagen das wirk­lich jeder Mensch auf der Welt im Kapi­ta­lismus ein­ge­bunden ist.

Meine Kritik ist also an nahezu alle Men­schen gerichtet, auch an jene die in ihre Freier ver­liebt sind oder den Arbeits­wahn für den einzig wahren Lebens­in­halt erachten.

Quelle: Blog von Jaza­riel – Der Freitag

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung zur Wie­der­gabe hier auf Mein Politik­blog. Dan­ke­schön, Jazariel!

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gelesen: 273 · heute: 2 · zuletzt: 20. Mai 2012

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