QR Code Business Card

Wer überlebt?

Samstag, 24. Dezember 2011-14:07 -|- Eingestellt von: |

Immer neue Dro­hungen gegen Teheran: Ein Krieg gegen Iran könnte den Unter­gang des zio­nis­ti­schen Israels bedeuten. | Von Norman Paech | junge Welt vom 22.12.11 | — Die CIA genießt nicht den Ruf einer seriösen Behörde. Man sollte ihr nicht zu viel Ver­trauen schenken. Das schließt nicht aus, daß der US-​Geheimdienst in dem einen oder anderen Fall durchaus zu rich­tigen Erkennt­nissen gelangt.

Dies könnte auf eine Studie zutreffen, die er am 12. Februar 2009 ver­öf­fent­lichte und in der er »den Unter­gang des zio­nis­ti­schen Israels inner­halb von zwanzig Jahren« vor­aus­sagte, »wenn die all­ge­meinen Trends sich fortsetzen«.

Diese Trends sah die CIA nicht in den nuklearen Ambi­tionen Tehe­rans. Nein, die Pro­gnose basiert auf der Ein­schät­zung, »daß es unwahr­schein­lich ist, daß die israe­li­sche Füh­rung auch nur zu mini­malen Kon­zes­sionen bereit ist, um zu einer Ver­stän­di­gung mit ihren Nach­barn und deren zuneh­mend des­il­lu­sio­nierten und rasch wach­senden, Würde und Gerech­tig­keit ver­lan­genden Bevöl­ke­rungen zu gelangen«.

Die Studie ver­schwand sofort wieder, denn die Annahme war rea­lis­tisch und die Vor­aus­sage ähnelte gefähr­lich der berüch­tigten Pro­phe­zeiung des ira­ni­schen Prä­si­denten Mahmud Ahma­dined­schad vom Unter­gang Israels. Damals war Leon Panetta Direktor der CIA und hatte die Studie offen­sicht­lich abge­segnet. Als er nun im Oktober 2011 nach Israel auf­brach, war er Ver­tei­di­gungs­mi­nister der USA — und er hatte die Studie in der Tasche.

Die israe­li­sche Füh­rung rea­gierte ver­är­gert, nicht so sehr auf die Mah­nung, daß die Zukunft nicht mit mili­tä­ri­schen Mit­teln zu sichern sei, son­dern auf die War­nung, daß sich Israel nicht unbe­grenzt auf die finan­zi­elle Unter­stüt­zung der USA ver­lassen könne. Ent­weder mache es Frieden mit den Paläs­ti­nen­sern, oder es werde untergehen.

Geschei­terter Staat

Die USA stehen vor einem echten Dilemma. Einer­seits wollen sie einen Staat retten und erhalten, der zuneh­mend die Sym­ptome eines »Fai­ling state«, eines »geschei­terten Staates« auf­weist. Ande­rer­seits wollen sie einen Staat besei­tigen, der sich trotz Sank­tionen und Iso­lie­rung als immer domi­nanter im ara­bi­schen Umfeld erweist.

Man sollte nicht ver­gessen, was Zbigniew Brze­zinski, außen­po­li­ti­scher Berater der US-​Präsidenten von James Carter bis Barack Obama, Ende der 90er Jahre als geo­stra­te­gi­sches Ziel Washing­tons mit dem Begriff »Greater Middle East« ver­kün­dete: die Aus­rich­tung aller Länder von der Türkei bis Pakistan auf die Inter­essen der USA — mit allen not­wen­digen Mitteln.

Das ist den Prä­si­denten bisher bei allen Staaten ohne Rück­sicht auf Ver­luste gelungen, außer Iran. Aber die letzte »anti­ame­ri­ka­ni­sche« Bas­tion im Mitt­leren Osten, umgeben von US-​Protektoraten und Vasal­len­re­gie­rungen, wird der­zeit für den Umsturz vorbereitet.

Im April 2011 bekannte der ehe­ma­lige Gene­ral­di­rektor der Inter­na­tio­nalen Atom­en­er­gie­be­hörde (IAEA) Mohamed ElBa­radei in einem Inter­view, daß die Ame­ri­kaner und Euro­päer im Atom­streit nie an einem Kom­promiß mit der Regie­rung in Teheran inter­es­siert waren, »aber an Regime­wechsel — durch jeg­liche not­wen­dige Mittel«.

Sein Nach­folger, der Japaner Jukija Amano, hatte bereits zwei Monate nach seiner Wahl im Juni 2009 dem US-​Botschafter Glyn Davies zuge­sagt, seine Auf­gabe in Überein­stim­mung mit den stra­te­gi­schen Schlüs­sel­ent­schei­dungen der USA in der Iran-​Angelegenheit zu erfüllen.

Sein Bericht vom November 2011 inter­pre­tierte zwar nur alte Erkennt­nisse neu und sam­melte wei­tere Anschul­di­gungen gegen Iran von aus­län­di­schen Geheim­diensten, scheute aber doch davor zurück, die ira­ni­sche Füh­rung zu bezich­tigen, defi­nitiv ato­mares Waf­fen­ma­te­rial zu produzieren.

Es reichte wieder nur zur Ver­kün­dung wei­terer Sank­tionen — mit der Dro­hung, daß man sich alle not­wen­digen Mittel vor­be­halte. Aus den Erfah­rungen mit dem Nach­bar­land Irak weiß man, daß Sank­tionen die Iraner nicht zum Ver­zicht auf ihr Atom­pro­gramm zwingen werden.

Es bleibt also die Frage: Ist ein Krieg gegen Iran unaus­weich­lich? Fast jede Woche hört man erneut ent­spre­chende Dro­hungen aus Israel, ob von Poli­ti­kern oder Mili­tärs. Auch aus den USA kommen regel­mäßig Mel­dungen über Kriegs­pläne gegen Iran.

Der US-​Ökonom Daniel Ells­berg, der in den 70er Jahren den Pentagon-​Skandal auf­deckte, wußte schon 2006 von Angriffs­plänen: »US-​Präsident George W. Bush und Vize­prä­si­dent Richard Cheney hegen solche Gedanken seit min­des­tens 18 Monaten. Sie haben ihre Mili­tär­stäbe ins­ge­heim ange­wiesen, mög­liche Atoman­griffe auf unter­ir­di­sche Atom­en­er­gie­an­lagen im Iran zu planen, ebenso wie umfas­sende kon­ven­tio­nelle Luft­an­griffe auf über­ir­di­sche mili­tä­ri­sche Ener­gie­an­lagen und Kommandoposten.

Philip Giraldi, ein ehe­ma­liger CIA-​Mitarbeiter, hat vor einem Jahr im Ame­rican Con­ser­va­tive berichtet, das Büro von Vize­prä­si­dent Cheney habe Kon­tin­genz­pläne für einen >Luft­an­griff in großem Maß­stab auf Iran sowohl mit kon­ven­tio­nellen Waffen als auch mit tak­ti­schen Nukle­ar­waffen< in Auf­trag gegeben.

>Meh­rere hoch­ran­gige Offi­ziere der Air Force<, die an der Pla­nung betei­ligt seien, seien >erschüt­tert über die Impli­ka­tionen ihrer Arbeit — daß näm­lich ein nicht pro­vo­zierter Angriff mit Atom­waffen auf den Iran in Pla­nung ist –, doch nie­mand wolle durch Wider­spruch seine Kar­riere gefährden<.« (Frank­furter Rund­schau, 13. Dezember 2006)

Här­tere Sanktionen

Der­ar­tige Ver­öf­fent­li­chungen reißen seitdem nicht mehr ab. Wenn die nach­fol­genden Admi­nis­tra­tionen bisher Ver­nunft bewiesen haben, mag das auch an ihrem Wissen liegen, daß ein mili­tä­ri­scher Angriff auf die Atom­an­lagen das ganze Pro­gramm zwar ver­zö­gern, aber nicht besei­tigen kann. Es bedeutet aber nicht, daß sie den gewalt­samen »Regime change« auf­ge­geben haben.

Obama schrieb im ver­gan­genen Jahr an die Regie­rungs­chefs von Bra­si­lien und der Türkei einen Brief mit der Bitte, Iran davon zu über­zeugen, 1200 Kilo­gramm ange­rei­cherten Urans in der Türkei zu lagern. Drei Wochen später hatten die beiden Regie­rungen eine ent­spre­chende Eini­gung mit der Füh­rung in Teheran erreicht.

Doch die US-​Regierung war nicht mehr inter­es­siert und for­derte här­tere Sank­tionen. Selbst wenn Washington wei­terhin zögert, seine Kriegs­pläne umzu­setzen, die größte Gefahr kommt aus Jeru­salem von dem gewalt­tä­tigen Regime Ben­jamin Netanjahu/​Avigdor Lieberman.

Schon einmal, im Juni 1981, haben israe­li­sche Kampf­flug­zeuge erfolg­reich einen ira­ki­schen Atom­re­aktor bei Tuweitha kurz vor seiner Fer­tig­stel­lung zer­stört. Die Arbeiten an ihm standen unter der Kon­trolle der IAEA, der die Israelis aller­dings mißtrauten.

Der UN-​Sicherheitsrat rea­gierte sofort und ver­ur­teilte mit der Stimme der USA den »ver­frühten Angriff« als »Gefahr für den inter­na­tio­nalen Frieden und die Sicher­heit« sowie als »ein­deu­tige Ver­let­zung der UN-​Charta und der Gesetze inter­na­tio­nalen Verhaltens«.

Er for­derte Israel auf, »in Zukunft solche Angriffe und die Dro­hung mit ihnen zu unter­lassen«. Sank­tionen aller­dings schei­terten am US-​Veto. Es war abzu­sehen, daß eine fol­gen­lose Rüge Israel nicht von einer Wie­der­ho­lung abhalten würde. Und so bom­bar­dierte dessen Luft­waffe 2007 eine im Bau befind­liche Nukle­ar­an­lage in Syrien. Diesmal rea­gierte weder der UN-​Sicherheitsrat noch die Ara­bi­sche Liga.

Weit gefähr­li­cher als das Aben­teu­rertum dieses unver­ant­wort­li­chen Duos Netanjahu/​Lieberman ist der Schutz der USA, der nach jedem kri­mi­nellen Unter­nehmen jeg­liche Sank­tion ver­hin­dert. Diese Politik erst öffnet das Ter­rain für Jeru­sa­lems Unbe­re­chen­bar­keit. Sie wird nicht im Weißen Haus oder im Pen­tagon gemacht, son­dern im Kon­greß, der Israels Regie­rungs­chef Netan­jahu bei seinem letzten Besuch einen tri­um­phalen Emp­fang bereitet hat.

Wer sich auf einen sol­chen Ver­bün­deten ver­lassen kann, wird nie Ver­ant­wor­tung zeigen, Inter­esse an echten Frie­dens­ver­hand­lungen haben, Kom­pro­misse ein­gehen und sich an die UN-​Charta gebunden fühlen. Ein Krieg mit Iran würde jedoch anders aus­sehen als der mit Gaza: Er könnte den Unter­gang des zio­nis­ti­schen Israels bedeuten, wie ihn Panetta voraussieht.

Dann hätten die USA genau das Gegen­teil erreicht, was sie für Israel wollen. Und es ist höchst zwei­fel­haft, ob sie in Teheran einen »ira­ni­schen Karsai« instal­lieren können.

Quelle: via eMail an Mein Poli­tik­blog. Danke, Frau Rohlfs!

Der Autor Norman Paech ist eme­ri­tierter Pro­fessor für Völ­ker­recht. Er war von 2005 bis 2009 Mit­glied des ¬Deut­schen Bun­des­tages und außen­po­li­ti­scher Spre­cher der Frak­tion Die Linke.

Beitragsdetails

Kommentar-Autor

Kategorie » Krieg « | Tags » , , , , , , , , , , «

Trackback: Trackback-URL |  Kommentar-Feed: RSS 2.0 | Beitrag drucken |
gelesen: 88 · heute: 3 · zuletzt: 19. Mai 2012

Kommentare und Pings sind geschlossen.