Zum Scheitern verurteilt
Freitag, 02. Dezember 2011-15:51 -|- Eingestellt von: Julie |
Von Redaktion German Foreign Policy | — KABUL/BERLIN (Eigener Bericht) — Vor der Internationalen Afghanistan-Konferenz am nächsten Montag in Bonn kündigt Berlin seinen Anspruch auf dauerhafte Einflussnahme am Hindukusch an. Man wolle auch in Zukunft das Regime in Kabul "nicht allein lassen", erklärt der Beauftragte der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan, Michael Steiner.
Die Bundeswehr werde auch nach 2014 in Afghanistan stationiert bleiben, teilt der Verteidigungsminister mit — aber nur noch zwecks "Unterstützung" der afghanischen Streitkräfte. Die Lage im Land ist nach über zehn Jahren NATO-Krieg und Besatzung desolat: Täglich werden rund 70 Gewalttaten verübt, die Zahl toter Zivilisten erreicht jährlich neue Rekordhöhen.
Analysen deutscher Think-Tanks stimmen darin überein, dass eine Besserung der Lage kaum zu erwarten ist; vielmehr sei das Abgleiten in einen umfassenden Bürgerkrieg oder aber der Aufbau eines "Islamischen Emirats" in den Jahren nach 2014 durchaus denkbar.
Eine Ausweitung sogenannter gezielter Tötungen durch die NATO gilt Experten als sehr wahrscheinlich. Ungeachtet der sich stetig verschlimmernden Zustände in Afghanistan heißt es in Berlin, der Krieg gegen das Land sei durchaus "richtig" gewesen.
Anspruch auf Einflussnahme
Mit der Internationalen Afghanistan-Konferenz, die am kommenden Montag in Bonn stattfinden wird, manifestiert Berlin seinen Anspruch, auch nach dem Abzug des Großteils der NATO-Truppen im Jahr 2014 seinen Einfluss in Kabul zu sichern.
Die Konferenz sei die größte, die das Auswärtige Amt jemals durchgeführt habe, heißt es im Ministerium. Formell soll sie von Hamid Karzai geleitet werden, dem Präsidenten Afghanistans, dessen Einfluss freilich bis heute kaum über die Hauptstadt hinausreicht und der weiterhin in vollständiger Abhängigkeit vom Westen agiert.
Michael Steiner, der Sonderbeauftragte der Bundesregierung und Vorsitzende der "Internationalen Kontaktgruppe" für Afghanistan und Pakistan, kündigt in wohlklingenden Phrasen an, man werde Afghanistan auch in Zukunft "nicht allein lassen". So werde die NATO sich weiterhin um den Aufbau der Streitkräfte und der Polizei Afghanistans bemühen.
Auch habe man unter der Bezeichnung "Neue Seidenstraße" eine Wirtschaftsinitative konzipiert, die "die Bedingungen für Privatinvestitionen" verbessern sowie "die Chancen für Handels– und Infrastrukturverbindungen in und um Afghanistan" nutzbar machen solle.[1] Wie derlei Ideen unter den Bedingungen der afghanischen Realität umgesetzt werden sollen, ist nicht im Geringsten ersichtlich.
Mehr Tote denn je
Tatsächlich versinkt Afghanistan nach rund zehn Jahren westlich geführter Besatzung immer tiefer im Bürgerkrieg. Allein in den letzten fünf Jahren sind durch Kampfhandlungen laut UNO-Angaben mindestens 8.800 Zivilisten ums Leben gekommen. Die Zahl der Verletzten liegt um ein Vielfaches höher. Dabei kommen immer mehr Zivilisten zu Tode: Im ersten Halbjahr 2011 erreichte ihre Zahl mehr als 1.450.
Gleichzeitig werden nach zehn Jahren angeblicher Aufbauarbeit mehr Gewalttaten denn je verzeichnet — im Monatsschnitt über 2.100 Anschläge, Gefechtsakte etc., das sind ungefähr 70 pro Tag. Der Versuch, die Aufständischen zu spalten und möglichst viele dazu zu bewegen, sich auf die Seite des Westens zu schlagen, kann als gescheitert gelten.
Wie unlängst ein ehemaliger afghanischer Innenminister, der von 2008 bis 2010 auch mit den Taliban Gespräche führte, vor dem Center for Strategic and International Studies in Washington berichtete, hätten von insgesamt rund 30.000 Aufständischen bislang nur acht Prozent den Kampf eingestellt. Von diesen komme jedoch so gut wie niemand aus dem Süden, dem Gebiet, in dem der Aufstand am stärksten tobe. Über den Spaltungsversuch urteilt der ehemalige Innenminister: "Es funktioniert nicht."[2]
Drohnenattacken
Weitere Rückschläge drohen dem Westen in Pakistan. Die dortige Regierung ergreift, nachdem die NATO bei einem Luftangriff auf pakistanisches Territorium am vergangenen Wochenende 24 pakistanische Soldaten getötet hat, Gegenmaßnahmen. Islamabad muss es seit langem hinnehmen, dass Kampfflugzeuge und Drohnen aus NATO-Staaten Bombardements auf seinem Hoheitsgebiet durchführen. Experten zufolge kamen dabei zwischen 2003 und 2010 mindestens 1.400 Menschen ums Leben, womöglich sogar weit mehr.
Allein zwischen Januar und September 2011 wurden, wie die pakistanische Nicht-Regierungsorganisation Conflict Monitoring Center erklärt, bei insgesamt 66 Drohnenattacken 515 Menschen getötet, ein erheblicher Teil davon Zivilisten. Pakistan hat nun Gegenmaßnahmen ergriffen und in einem ersten Schritt die Nachschublinie für NATO-Truppen im Süden Afghanistans gesperrt, die quer durch Pakistan verläuft, sowie die Vereinigten Staaten ultimativ aufgefordert, einen Drohnenstützpunkt zu räumen.
Zudem hat Islamabad angekündigt, nicht an der Internationalen Afghanistan-Konferenz teilzunehmen. Wegen des großen Einflusses, den Pakistan auf die Entwicklung in Afghanistan hat, kann die Konferenz damit schon vorab als so gut wie gescheitert gelten. Bereits zuvor hatte der Berliner Afghanistan-Beauftragte Steiner erklärt, man sei zur Erkenntnis gelangt, "dass die Stabilisierung Afghanistans ohne Pakistan zum Scheitern verurteilt wäre".[3]
Bürgerkrieg oder Emirat
Die Zukunftsszenarien für Afghanistan, die hinter den Kulissen der Berliner PR-Fassade kursieren, dokumentieren das Scheitern des Westens umfassend. Die "öffentlichen Lagebeurteilungen" seitens der NATO und der westlichen Staaten seien weiterhin durch "Zweckoptimismus gekennzeichnet", hieß es schon im August in einer Analyse, die von einem der besten deutschen Afghanistan-Kenner, Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network (AAN), mitverfasst wurde.
In Wirklichkeit seien nach 2014 vier katastrophale Szenarien vorstellbar. Am Günstigsten sei noch der Fortbestand eines "fragilen oligarchischen Systems", entweder ohne die Taliban ("Option 1") oder mit ihnen ("Option 2"). In beiden Fällen bliebe Afghanistan "durch ineffiziente, korrupte Regierungsführung, fragile Machtbalance, hohe Kriminalität und stetes Drohen eines Bürgerkriegs" geprägt. Durchaus denkbar sei es, dass das Land in den Bürgerkrieg abgleite ("Option 3"):
"Lokale Kriegsfürsten und unkontrollierbare Aufstandsgruppen bekämpfen sich, die Kriminalität nimmt überhand."In diesem Fall wäre ein Zustand wie in den Jahren zwischen 1992 und 1996 erreicht. Als "Option 4" sei — so beurteilt es die von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) veröffentlichte Analyse — auch ein Sieg der Taliban und die Gründung eines "Islamischen Emirats" keinesfalls auszuschließen.[4] Die Szenarien sprechen für sich.
Gezieltes Töten in großem Stil
Über das bis 2014 zu erwartende Vorgehen des Westens hat die SWP im September eine weitere Analyse vorgelegt. Der Autor kommt zu dem Schluss, es sei damit zu rechnen, dass die westlichen Truppen sich in der nächsten Zeit noch stärker als zuvor darauf konzentrieren würden, ihre Feinde auszuschalten.
Dies laufe auf eine Ausweitung von gezielten Tötungen ("kill or capture"-targeting) hinaus: "Das 'gezielte Töten' in großem Stil", heißt es bei der SWP, "ist, so scheint es, zur letzten Hoffnung in Afghanistan geworden."[5] Derlei Aktionen seien, urteilt der Autor, auch im Rahmen einer deutlich verringerten Militärpräsenz möglich, wie sie die NATO-Staaten auf Dauer planten.
Die Bundesregierung hat bereits angekündigt, sie werde deutsche Soldaten — in geringerer Anzahl als heute — auch noch nach 2014 in Afghanistan einsetzen. Angeblich sollen sie dann nur noch zur "Unterstützung" der afghanischen Streitkräfte dienen; dies behauptet Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière.
"Nur naiv"
Ungeachtet der offenkundigen Kriegsniederlage, der eskalierenden Kämpfe und der barbarischen Zukunftsszenarien besteht Berlin darauf, der Angriff auf Afghanistan vom Herbst 2001 sowie die anschließende Besatzung seien "richtig" gewesen. Man habe lediglich Fehler "in der Umsetzung" von Krieg und Besatzung gemacht, erklärt der Afghanistan-Beauftragte Steiner in einem Versuch, die Berliner PR-Kulissen schrittweise der kaum noch zu verbergenden Realität anzugleichen:
Die "Vorstellung" sei allzu "naiv" gewesen, "aus einem der ärmsten und rückständigsten Länder der Welt" innerhalb nur "weniger Jahre ein Musterland machen zu können".[6]
Quelle: German Foreign Policy
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[1] Michael Steiner: Die Konsequenz der Solidarität, Internationale Politik Nr. 6, November/Dezember 2011
[2] Afghanistans Ex-Innenminister nennt Friedensprozess gescheitert; www.zeit.de 18.11.2011
[3] Michael Steiner: Die Konsequenz der Solidarität, Internationale Politik Nr. 6, November/Dezember 2011
[4] Citha D. Maaß, Thomas Ruttig: Afghanistan vor neuem Bürgerkrieg? Entwicklungsoptionen und Einflussfaktoren im Transitionsprozess; SWP-Aktuell 40, August 2011. S. dazu Option Bürgerkrieg
[5] Peter Rudolf: Kriegsmüdigkeit und Strategiewandel in der amerikanischen Afghanistanpolitik; SWP-Aktuell 43, September 2011. S. dazu Gezieltes Töten in großem Stil
[6] Michael Steiner: Die Konsequenz der Solidarität, Internationale Politik Nr. 6, November/Dezember 2011
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Kategorie » Krieg, Militär « | Tags » Afghanistan, Afghanistan-Konferenz, Bundeswehr, Einfluss, Einflussnahme, Hindukusch, Konferenz, krieg, NATO «
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